Kolumne KI in Landkreisen: Die wichtigsten Vorhaben im Überblick

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves & Andree Pruin 8 min Lesedauer

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Was planen deutsche Landkreise in puncto KI? Björn Niehaves und Andree Pruin liefern erstmals ein systematisches Gesamtbild. Und zeigen, welche Muster sich abzeichnen und die KI-Transformation prägen werden.

Ein großer Teil der geplanten Anwendungsfälle dreht sich um Text und Kommunikation.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Ein großer Teil der geplanten Anwendungsfälle dreht sich um Text und Kommunikation.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Dass KI in Kommunen ein riesiges Thema ist, ist so weit keine Überraschung. Ebenso wenig überrascht es, mit welcher Dynamik speziell auch deutsche Landkreise die KI-Transformation vorantreiben. Der Druck ist schlicht zu groß, um abzuwarten: demografischer Wandel, akuter Fachkräftemangel, stetig wachsende Aufgaben bei gleichzeitig angespannten Haushalten. KI ist hier kein Zukunftsversprechen mehr, sondern eine ziemlich naheliegende und ziemlich notwendige Antwort auf sehr reale Probleme.

Doch wo stehen die Landkreise eigentlich insgesamt? Jenseits einzelner KI-Leuchtturmprojekte und gut erzählter Erfolgsgeschichten fehlt häufig der Blick aufs Ganze. Wer macht was … und warum? Was lässt sich übertragen, was nicht? Wo entstehen gerade echte Standards, und wo wird noch experimentiert? Kurz: Wo liegt der Benchmark für KI in deutschen Landkreisen? Wer voneinander lernen will, braucht genau dieses Gesamtbild. Und vor allem die Antwort auf die vielleicht entscheidende Frage: Auf welche konkreten KI-Anwendungsfälle setzen Landkreise jetzt?

Und genau dieser Frage widmen sich der Deutsche Landkreistag und die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ der Universität Bremen in einem gemeinsamen Projekt. Mit inzwischen 29 beteiligten Landkreisen ist das Vorhaben weit mehr als eine Momentaufnahme einzelner Vorreiter: Rund 10 Prozent der insgesamt 294 deutschen Landkreise sind hier bisher schon vertreten. Für die Identifikation der relevantesten KI-Anwendungsfälle wurden alle in den vergangenen zwölf Monaten in diesen Landkreisen (und darüber hinaus) veröffentlichten KI-Strategien und -Umsetzungspapiere systematisch ausgewertet.

Die Auswertung zeigt deutlich, dass bestimmte KI-Anwendungsfälle in den Strategien immer wieder auftauchen. Unabhängig von regionalen Unterschieden entsteht so ein gemeinsames Bild dessen, was aktuell als besonders relevant gilt. Die folgenden TOP 10 Anwendungsfälle bilden genau diese Schnittmenge ab: die am häufigsten genannten Use Cases in den aktuellen KI-Strategien deutscher Landkreise.

KI-Anwendungsfälle Tabelle
TOP 10 KI-Anwendungsfälle
1. LLM (Textassistenz) Unterstützt Mitarbeitende bei der Erstellung und Bearbeitung textbasierter Inhalte wie Bescheide, E-Mails oder Berichte.
2. Chatbots (Webseite) & Voicebots (Telefon) Automatisiert Bürgeranfragen und verbessert die Erreichbarkeit durch standardisierte Auskünfte rund um die Uhr.
3. Einfache/Leichte Sprache Macht Verwaltungssprache verständlicher und reduziert Rückfragen (Fokus auf Bescheide).
4. KI-basierte Übersetzungen und Mehrsprachigkeit Ermöglicht eine schnellere und konsistente Bereitstellung von Informationen in mehreren Sprachen.
5. Internes Wissensmanagement Erschließt interne Dokumente und Vorschriften effizienter und macht Wissen mittels KI leichter zugänglich.
6. KI-gestützte Protokollierung von Sitzungen und Meetings Reduziert den Dokumentationsaufwand durch automatisierte Protokollerstellung.
7. Posteingang und Postverteilung Klassifiziert (physisch und digital) eingehende Dokumente und leitet sie automatisiert an die zuständigen Stellen weiter.
8. Prozessmodellierung und Prozessmanagement Unterstützt die strukturierte Erfassung und Optimierung von Verwaltungsprozessen.
9. GIS und raumbezogene Analysen Nutzt Geodaten, um Planungs- und Steuerungsentscheidungen datenbasiert zu verbessern.
10. HR-bezogene KI-Anwendungen Unterstützt Personalprozesse wie Stellenausschreibungen und Bewerbungsanalysen effizienter.

Was dabei besonders interessant ist: Diese Anwendungsfälle machen nur gut die Hälfte der Aktivitäten aus, die sich in den KI-Strategien finden. Die andere Hälfte besteht aus etwas weniger Greifbarem, aber mindestens genauso Wichtigem. Es geht um Maßnahmen, die die Organisation überhaupt erst in die Lage versetzen sollen, KI sinnvoll einzusetzen, heute und in Zukunft. Datenstrukturen, Kompetenzen, Governance, Prozesse. Kurz: die Grundlagen, ohne die auch der beste Anwendungsfall ins Leere läuft. Auch hier zeigt sich eine klare Häufung. Die folgenden TOP 10 Maßnahmen geben einen Einblick, worauf Landkreise aktuell setzen, um ihre KI-Fähigkeit systematisch aufzubauen:

Struktur- und Befähigungsmaßnahmen Tabelle
TOP 10 Struktur- und Befähigungsmaßnahmen
1. KI-Governance (Steuerung und Entscheidungsstrukturen) Schafft zentrale Strukturen zur Priorisierung, Koordination und strategischen Ausrichtung von KI-Vorhaben.
2. KI-Leitlinie (verbindliche Regeln für die Nutzung) Gibt Mitarbeitenden klare Orientierung für den praktischen und verantwortungsvollen Umgang mit KI.
3. Ethik-Checks und Prüfverfahren Bewertet KI-Anwendungen systematisch im Hinblick auf rechtliche, ethische und datenschutzbezogene Risiken.
4. KI-Kompetenzinitiative (Qualifizierung der Mitarbeitenden) Baut organisationsweit Wissen und Fähigkeiten für den sicheren und effektiven KI-Einsatz auf.
5. Integriertes Datenmanagement Sorgt für strukturierte, nutzbare Daten als Grundlage für funktionierende KI-Anwendungen.
6. KI-Lots:innen-Programme Verankern KI-Wissen in den Fachbereichen und unterstützt die Umsetzung vor Ort (oft in Kombination mit oder als Fortsetzung von Digital-Lots:innen-Programmen).
7. KI-Sicherheit (Datenschutz, IT-Sicherheit, Compliance) Stellt den sicheren und regelkonformen Einsatz von KI-Systemen sicher.
8. Aufklärung und Transparenzinitiative Macht Einsatz, Funktionsweise und Grenzen von KI-Systemen innerhalb der Verwaltung nachvollziehbar.
9. Kommunikation und Kulturentwicklung Fördert Akzeptanz, Neugier und eine innovationsfreundliche Haltung gegenüber KI.
10. Experimentierumgebungen (AI Sandbox) Ermöglicht das risikofreie Testen und Erproben von KI-Anwendungen in geschützten Umgebungen.

In der Zusammenschau von KI-Anwendungsfällen sowie Struktur- und Befähigungsmaßnahmen zeigen sich einige wiederkehrende Muster im Vorgehen der Landkreise:

Pragmatismus statt Disruption. Landkreise starten dort, wo es wirkt: bei klar abgegrenzten Prozessen mit erkennbarem Nutzen. Es geht um Lösungen, die im Alltag funktionieren und schnell Entlastung bringen. Der Hintergrund ist simpel … KI muss liefern! Gegenüber Politik, Führung und Belegschaft zählt jetzt der nachweisbare Mehrwert.

Sprachbasierte KI im Fokus. Ein großer Teil der geplanten Anwendungsfälle dreht sich um Text und Kommunikation. KI hilft beim Formulieren, Zusammenfassen, Strukturieren und Beschleunigen. Ziel ist aktuell weniger die vollständige Automatisierung als vielmehr spürbare Entlastung durch Unterstützung. Und das auch, weil der Markt noch hinterherhinkt und tiefergreifende Lösungen oft noch auf sich warten lassen.

Human-in-the-Loop als Standard. Die Verantwortung bleibt beim Menschen. KI liefert Vorschläge, strukturiert Informationen und unterstützt Entscheidungen, übernimmt sie aber nicht. Gerade beim Zugang zu kritischen Verwaltungsleistungen spricht auch jenseits der rechtlichen Pflicht einiges dafür, die Letztentscheidung vorerst beim Menschen zu lassen: Gerade dort, wo es um Härtefälle, Ermessen und individuelle Lebenssituationen geht, stößt automatisierte Entscheidung (noch) schnell an Grenzen.

Transformation im Blick. Ohne klare Governance, ausreichende Kompetenzen und eine belastbare Datenbasis bleibt KI weitgehend Stückwerk. Erst wenn diese Grundlagen stehen, lassen sich viele Anwendungen sinnvoll aufbauen und vor allem skalieren (siehe auch eGovernment-Kolumne „Genug rumgespielt! – Vom KI-Hype zur KI-Transformation“ von 06/2025). Genau dieses Verständnis spiegelt sich auch in den Strategien der Landkreise wider … und das ist gut so! Weg von Posterprojekten und PowerPoint-Folien, hin zu echter Transformation.

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Wo bleiben die Fachverfahrenshersteller? Ein Blick auf die Top 10 Use Cases wirft eine unbequeme Frage auf. Viele der diskutierten Anwendungen – von LLM über Sprachvereinfachung bis hin zu Prozessunterstützung – stammen nicht aus der klassischen Welt der Fachverfahren. Stattdessen dominieren Hyperscaler und spezialisierte GovTech-Start-ups die Debatte. Verschlafen die Fachverfahrenshersteller die KI-Revolution oder vermarkten sie sich nur nicht effektiv im KI-Kontext? Hinzu kommt eine strukturelle Hürde: Fachverfahren laufen in der Fläche oft auf gewachsenem Code und mit Compute-Ressourcen, die für klassische Fachverfahren ausgelegt sind, nicht für KI-Workloads. Dabei ließe sich gerade die so wichtige Integrationstiefe vor allem dann erreichen, wenn KI dort andockt, wo die eigentliche Verwaltungsarbeit stattfindet: in den Fachverfahren selbst.

Interessant ist: Gerade die Struktur- und Befähigungsmaßnahmen sind höchst unterschiedlich ausgestaltet. KI-Governance etwa sieht in jedem Landkreis ein bisschen anders aus – mal zentral gesteuert, mal dezentral organisiert. Ähnliches gilt für viele andere Bereiche. Und genau darin liegt ein wichtiger Punkt: Trotz klarer Häufungen bei Use Cases und Maßnahmen gleicht keine KI-Strategie der anderen. Warum? Weil sie passen muss. Zu den konkreten Bedarfen vor Ort, zu den vorhandenen Ressourcen, zur Organisationsstruktur und vor allem zum jeweiligen Reifegrad.

Und genau hier setzt das bis 2027 laufende gemeinsame Projekt der Universität Bremen und des Deutschen Landkreistages an, dessen Zwischenergebnisse wir Ihnen präsentiert haben. Interessierte Landkreise und Landratsämter können sich weiterhin beteiligen und damit nicht nur zum Gesamtbild beitragen, sondern auch ein eigenes Stärken-Schwächen-Profil ihrer KI-Transformation erhalten. Inklusive der vielleicht spannendsten Frage: Wo stehen Sie eigentlich im Vergleich zu den anderen? Melden Sie sich gern.

(Bild: privat)
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Die Autoren:

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.
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Andree Pruin ist Referatsleiter beim Deutschen Landkreistag und beschäftigt sich dort schwerpunktmäßig mit digitaler Daseinsvorsorge, Smart Region, Datennutzung und künstlicher Intelligenz.
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