Ab Ende 2026 müssen alle EU-Mitgliedstaaten ihren Bürgerinnen und Bürgern eine europäische „Digital Identity Wallet“ bereitstellen. Was politisch als Meilenstein gilt, ist zugleich ein Weckruf für die digitale Infrastruktur Europas.
Die European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet) soll ein sicheres und europaweites digitales Ausweisen ermöglichen.
(Bild: Gemini / KI-generiert)
Estland hat es vorgemacht, Dänemark mit „MitID“ nachgezogen, Polen zählt mit „mObywatel“ bereits mehr als zehn Millionen aktive Nutzer. Digitale Identitäten sind in Teilen Europas längst Infrastruktur, so selbstverständlich wie Strom aus der Steckdose. Deutschland hingegen tut sich bislang schwer.
Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom deutet darauf hin, dass die EUDI-Wallet auf mehr Interesse stoßen könnte als frühere Angebote: 54 Prozent der Deutschen wollen sie einsetzen. Dem stehen 39 Prozent gegenüber, die kein Interesse haben, sechs Prozent sind unentschlossen. Auch technisch zeigt sich Nachholbedarf: 57 Prozent haben die Online-Ausweisfunktion ihres Personalausweises bislang nicht aktiviert. Das Potenzial ist vorhanden – doch die EUDI-Wallet wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie breite Akzeptanz findet. Andernfalls droht sie zur digitalen Insellösung zu werden.
Die Verordnung (EU) 2024/1183, bekannt als eIDAS 2.0, setzt einen klaren Zeitplan. Innerhalb von 24 Monaten nach Inkrafttreten der Implementing Acts muss in jedem Mitgliedstaat mindestens eine zertifizierte EUDI-Wallet verfügbar sein. Parallel verfolgt die EU im Rahmen der „Digital Decade" das Ziel, dass 80 Prozent der EU-Bürgerinnen und Bürger bis 2030 auf digitale Identitätslösungen zurückgreifen. Der politische Wille ist klar. Die Frage ist, wie aus einer regulatorischen Vorgabe eine tatsächlich breit genutzte Infrastruktur wird.
Vertrauen entsteht nicht durch Regulierung allein
Ein Blick nach Schweden zeigt, wie digitale Identitäten zur Selbstverständlichkeit werden. Die 2003 erstmals ausgestellte BankID ist mittlerweile der primäre Weg, um sich digital für Dienste und bei der Behördenkommunikation zu identifizieren. Sie liefert auch wertvolle Erfahrungen für die Entwicklung der ab Dezember 2026 zur Verfügung stehenden Sverige-ID.
Von den registrierten schwedischen Staatsbürgern zwischen 18 und 67 Jahren verfügten 2025 erstaunliche 99,9 Prozent über eine BankID. Entscheidend für die breite Nutzung ist dreierlei: die kostenlose Ausgabe mit jedem Konto bei lizensierten Banken, die breite Unterstützung durch Unternehmen, Behörden und digitale Dienste – und ein konkreter Mehrwert, den Menschen im Alltag spüren.
Für die EUDI-Wallet ergibt sich daraus eine klare Lehre: Digitale Identitäten müssen einfach zugänglich sein und einen erkennbaren Nutzen bieten. Sicherheit muss aber, mehr denn je, fest integriert sein.
Wenn Identitäten skalieren, wachsen auch die Anforderungen
Digitale Identitätssysteme klingt nach abstrakten Datenbankeinträgen. Letztlich sind es Login-Dienste, Authentifizierungspunkte und digitale Schnittstellen. Wo täglich Millionen Anmeldungen stattfinden, entstehen Systeme von hoher gesellschaftlicher Relevanz – und entsprechend attraktive Angriffsziele.
Drei Entwicklungen dürften im Zusammenhang mit der EUDI-Wallet besonders relevant werden:
Automatisierte Login-Versuche mit gestohlenen Zugangsdaten: Zugangsdaten aus früheren Datenlecks werden systematisch gegen Identitäts- und Anmeldedienste getestet. Je mehr Menschen digitale Identitäten einsetzen, desto lukrativer werden diese Systeme für Angreifer.
Angriffe auf Login- und Bürgerportale: Portale, die digitale Identitäten für Behördengänge oder öffentliche Dienstleistungen einsetzen, könnten verstärkt ins Visier geraten. Schon vorübergehende Ausfälle können die Nutzbarkeit digitaler Dienste einschränken und das Vertrauen der Bürger in den Staat und die Technologie beschädigen.
Missbrauch digitaler Schnittstellen: Die EUDI-Wallet wird kein einzelnes System sein, sondern Teil eines Ökosystems aus Wallet-Anbietern, Nachweis-Ausstellern und Dienstanbietern. Jede zusätzliche Schnittstelle erhöht die Komplexität und damit die Anforderungen an Schutzmaßnahmen.
Die Infrastrukturfrage, die selten gestellt wird
Neben der technischen Bedrohungslage wirft das Thema auch eine politisch-rechtliche Frage auf: Wo läuft die Infrastruktur, auf der digitale Identitäten verwaltet werden? Für digitale Identitäten – Datensätze, die an Sensibilität kaum zu übertreffen sind – ist das mehr als ein juristisches Fußnotenthema.
Der US-amerikanische CLOUD Act beispielsweise erlaubt US-Behörden, Daten anzufordern, die über Infrastruktur von Unternehmen laufen, welche ihren Hauptsitz in den USA haben. Dieses Recht gilt unabhängig davon, ob diese Daten physisch in den USA oder auf europäischen Servern gespeichert sind. Section 702 des Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA) ermöglicht darüber hinaus die Erfassung elektronischer Kommunikation von Nicht-US-Personen im Ausland, wenn dabei US-Telekommunikations- oder Cloud-Anbieter involviert sind.
Selbst große amerikanische Hyperscaler räumen offen ein, dass sie absolute Datensouveränität in der EU nicht garantieren können. Am 18. Juni 2025 sagte Anton Carniaux, Direktor für öffentliche und rechtliche Angelegenheiten bei Microsoft France, bei einer Anhörung des französischen Senats unter Eid aus, dass Microsoft absolute Datensouveränität nicht garantieren kann – und im Fall einer rechtmäßigen US-amerikanischen Anordnung verpflichtet wäre, die betreffenden Daten herauszugeben, unabhängig davon, wo sie gespeichert sind.
Stand: 08.12.2025
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Europa ist also gut beraten, wenn es eine Antwort auf eine zentrale Frage findet: Wie kann es sicherstellen, dass die Systeme, auf die Millionen Europäerinnen und Europäer ihr digitales Leben stützen, auch unter europäischer Rechtsordnung stehen?
Mit Initiativen zur technologischen Unabhängigkeit und der Debatte über strategische digitale Infrastrukturen versucht die EU aktuell, Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern zu reduzieren. Kaum ein Projekt eignet sich besser als die EUDI-Wallet, um zu zeigen, wie ernst dieser Anspruch tatsächlich gemeint ist.
2026 wird zum Vertrauenstest
Europa steckt im Auf- und Ausbau digitaler Identitätslösungen. Die Herausforderung besteht nicht allein darin, die Technologie bereitzustellen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Vertrauen und Akzeptanz in der Breite der Gesellschaft aufzubauen sowie die sensiblen Daten bestmöglich vor Missbrauch durch kriminelle Akteure oder fremde Staaten zu schützen.
Denn: Wenn digitale Identitäten sich zum Fundament entwickeln, auf dem Bürgerinnen und Bürger ihr Verhältnis zu Staat, Wirtschaft und Gesellschaft organisieren, muss deren Sicherheit an oberster Stelle stehen. Europa sollte sich dieser Verantwortung bewusst sein und dafür sorgen, das nicht an außereuropäische Anbieter outzusourcen.
Die Autorin Katharina M. Schwarz, Head of Global Affairs bei Myra Security.