Vorreiter in der digitalen Verwaltung Was Deutschland von Estland lernen kann

Ein Gastbeitrag von Priit Kongo 4 min Lesedauer

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Wer in Estland ein Unternehmen gründet, erledigt das in weniger als 20 Minuten. Die Steuererklärung dauert fünf. Gerichtsdokumente werden digital unterzeichnet, Apothekenrezepte automatisch online verlängert. Was für Menschen in Deutschland vielerorts nach einer Zukunftsvision klingt, ist in Estland Alltag.

Estlands Hauptstadt Tallinn im Winterkleid.(Bild: ©  Alex Stemmer – stock.adobe.com)
Estlands Hauptstadt Tallinn im Winterkleid.
(Bild: © Alex Stemmer – stock.adobe.com)

Der Erfolg Estlands wurzelt nicht nur in der technischen Infrastruktur, sondern auch in einem konsequenten Fokus auf digitale Bildung. Bereits vor rund 30 Jahren startete das Land mit der bahnbrechenden Initiative „Tiigrihüpe“ (Tiger Leap): Alle Schulen wurden mit Computern und Internetzugang ausgestattet, und jede öffentliche Bibliothek erhielt Computer sowie geschulte Mitarbeiter, um die Bürger beim Aufbau von Computerkenntnissen zu unterstützen.

Diese frühe Investition legte den Grundstein für eine Gesellschaft, die digitale Werkzeuge ohne Scheu nutzt. Auf dieser Tradition aufbauend wurde nun eine neue Entscheidung getroffen: Ab 2026 wird im Rahmen des Programms „AI Leap“ der Einsatz von KI-Tools und die Vermittlung entsprechender Kompetenzen schrittweise in den weiterführenden Schulen (Gymnasien) verankert. Ziel ist es, junge Menschen im verantwortungsvollen und effektiven Umgang mit künstlicher Intelligenz im Alltag und Beruf zu schulen und so die nächste Generation optimal auf eine von KI geprägte Zukunft vorzubereiten.

X-Road: So funktioniert der Datenaustausch

Estland hat früh verstanden, dass digitale Verwaltung kein Sammelsurium von Portalen sein darf, sondern eine gemeinsame Grundlage braucht. Diese Grundlage heißt X-Road. Vereinfacht ist das eine sichere Datenaustauschschicht, über die Behörden, Krankenhäuser, Gerichte, Kommunen und auch private Dienste Informationen austauschen.

Für Bürgerinnen und Bürger hat das drei Konsequenzen. Erstens gilt das „Once only“-Prinzip: Bestimmte Daten werden nur einmal abgegeben und können, rechtlich geregelt und protokolliert, von anderen Stellen genutzt werden. Zweitens entsteht ein Ökosystem statt eines Flickenteppichs, weil neue Anwendungen sich an X-Road andocken können. Drittens gibt es eine stabile, sichere Basis für Innovation: Wer eine neue App oder einen neuen Service baut, muss die Grundfragen von Identität, Sicherheit und Schnittstellen nicht jedes Mal neu lösen.

Während X-Road den eigentlichen Datentransfer nicht beschleunigt, verändert das System grundlegend, wie schnell Daten und Informationen zur Verfügung stehen. Prozesse, welche ursprünglich manuelle Freigaben und Sicherheits-Checks erforderten, Batch-Datenübertragungen und bilaterale Punkt-zu-Punkt-Integrationen erfolgen in Echtzeit, was tagelange Prozesse auf wenige Sekunden verkürzt.

Government-to-Citizen: Zugang zum Staat

Auf dieser Basis konnten Government-to-Citizen-Plattformen entstehen, die Millionen Nutzerinnen und Nutzern einen einheitlichen Zugang zum Staat bieten. Mit der eID melden sie sich einmal an und können Steuerbescheide abrufen, Unternehmen gründen, Daten kontrollieren oder kommunale Leistungen beantragen, zunehmend auch mobil in Bürger-Apps. Entscheidend ist dabei der Perspektivwechsel: Estland denkt von Lebensereignissen her („Umzug“, „Firmengründung“, „Familienzuwachs“), nicht von Zuständigkeiten einzelner Behörden. Für viele Vorgänge gibt es aus Nutzersicht genau einen digitalen Einstieg, auch wenn dahinter mehrere Verwaltungen beteiligt sind.

Die Eesti App: Wenn Verwaltung mobil wird

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Eesti App, die Net Group im Auftrag der estnischen Regierung entwickelt hat. In nur vier Monaten entstand eine Anwendung, mit der Bürgerinnen und Bürger ihre digitale Identität, Gesundheitsdaten und sogar schulbezogene Informationen ihrer Kinder verwalten können, alles auf dem Smartphone. Seit ihrer Einführung wurde die App über 150.000 Mal heruntergeladen, was etwa zwölf Prozent der erwachsenen Bevölkerung entspricht. Sie ist direkt an X-Road angebunden, ist durch Zwei-Faktor-Authentifizierung und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gesichert und hat seit Juli 2025 nahezu den gleichen rechtlichen Status wie die physische ID-Karte. Die App gilt mittlerweile als Symbol für menschenzentrierte Digitalisierung: Sie zeigt, dass Vertrauen, Transparenz und Sicherheit keine Gegensätze sind, sondern Grundpfeiler einer funktionierenden digitalen Gesellschaft.

Bürokratt: KI lotst durch die Verwaltung

Die nächste Ausbaustufe heißt Bürokratt, ein virtueller Regierungsassistent, der perspektivisch alle relevanten staatlichen Dienste über eine gemeinsame KI-Schnittstelle zugänglich machen soll. Bürgerinnen und Bürger können in natürlicher Sprache ein Anliegen schildern, Bürokratt führt durch den Prozess, stellt Rückfragen, holt Daten aus den angeschlossenen Systemen und bereitet Anträge vor. Wichtig ist: Bürokratt ersetzt keine Verwaltung, sondern übersetzt. Er vermittelt zwischen Lebenswirklichkeit und Verwaltungslogik und nimmt Menschen Arbeit ab, ohne dass die Verantwortung für Entscheidungen an eine Maschine delegiert wird.

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Deutschland: starke Basis, fehlendes Rückgrat

Deutschland hat mit dem Onlinezugangsgesetz, Servicekonten, ersten E-Health-Lösungen und Pilotprojekten zu digitalen Gerichtsakten wichtige Weichen gestellt. Technologisch könnte das Land deutlich weiter sein. Doch föderale Zuständigkeiten, Insellösungen und der Anspruch, jede Komponente bis ins letzte Detail abzusichern, führen dazu, dass viele Projekte zu langsam in die Fläche kommen. Die Folge: Bürgerinnen und Bürger erleben eine Vielzahl von Portalen, verschiedene Logins, Medienbrüche und Prozesse, die digital starten, aber analog enden. Fachlich exzellente Einzellösungen helfen wenig, wenn sie nicht zusammenspielen. Genau hier liegt der Unterschied zu Estland und der Ansatzpunkt für Veränderung.

Fazit: Staatliche Digitalisierung kann funktionieren

Die Einführung der EU-Digital Identity Wallet (EUDI) eröffnet eine historische Chance: Wenn Europa interoperable Lösungen schafft, kann digitale Verwaltung zum Motor einer neuen Bürgernähe werden.

Estland hat bewiesen, dass staatliche Digitalisierung funktionieren kann, wenn sie auf Kooperation, Offenheit und Vertrauen basiert. Die Technologie ist längst da, was Europa braucht, ist der Mut, sie zu nutzen.

Der Autor
Priit Kongo ist Mitgründer und seit 2000 CEO der estnischen Net Group, einem IT-Unternehmen mit Fokus auf digitale Transformation, FinTech und KI-gestützte Softwarelösungen

Bildquelle: Net Group

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