In der Beschaffungswelt wird zurzeit über ein neues Werkzeug diskutiert: den ESG-Score. Unternehmen binden ihn in ihre digitalen Bestellprozesse ein, der BME-Verband empfiehlt ihn, und in Schleswig-Holstein wird sein Einsatz im Verwaltungseinkauf erprobt.
In der Beschaffung ist auch Nachhaltigkeit ein wichtiger Aspekt.
(Bild: Gemini / KI-generiert)
Wenn eine Behörde Papier, Reinigungsmittel, Krankenhaus-Zubehör oder Computermonitore bestellt, läuft vieles routiniert. Gesucht wird nach Kriterien wie Preis, Lieferzeit, Marke und Verfügbarkeit. Informationen zum CO2-Fußabdruck, zu Sozialstandards oder zum Materialkreislauf bleiben dabei meist unsichtbar. In dieser Informationslücke liegt ein Problem. Nachhaltigkeit ist ein politischer Auftrag im öffentlichen Einkauf, eine vergaberechtliche Anforderung und Teil der strategischen Steuerung. Und doch lässt sie sich nur schwer in konkrete Einkaufsentscheidungen übersetzen. Denn wenn Beschaffende unter Zeitdruck bestellen, taugen Labels, Umweltzeichen und Herstellerangaben nur begrenzt als Navigationshilfe – zu verstreut sind die Produktinformationen, zu unterschiedlich die Datenquellen.
Nachhaltigkeit wird mit dem ESG-Score zur Kennzahl – und damit erstmals direkt vergleichbar.
(Bild: SUSTAYNR GmbH)
Der ESG-Score bündelt diese fragmentierten Nachhaltigkeitsinformationen zu einer einzigen Kennzahl. Jedes Produkt erhält innerhalb seiner Warengruppe einen Wert zwischen 0 und 100; der jeweils nachhaltigste Artikel setzt mit 100 Punkten die Referenz, an der alle anderen gemessen werden. Grundlage sind verifizierte Produktdaten und die Kriterien etablierter Umweltzeichen wie Blauer Engel, EU Ecolabel, TCO oder EPEAT. ESG-Score bündelt die vielen Einzelnachweise und erstellt eine Rangfolge, die sich direkt in Online-Kataloge oder B2B-Plattformen integrieren lässt.
Testfall: Schleswig-Holstein
Wie das im Verwaltungsalltag konkret aussehen kann, zeigt die Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR, kurz GMSH. Sie ist zentraler Dienstleister des Landes für öffentliches Bauen und Bewirtschaften und hat als zentrale Beschaffungsstelle des Landes ein jährliches Auftragsvolumen von rund 800 Millionen Euro. Die GMSH arbeitet schon länger daran, nachhaltige Produkte im eigenen Shop sichtbarer zu machen. Der sogenannte „Grüne Baum“ markiert dort Artikel, die definierte ökologische Anforderungen erfüllen. Der ESG-Score soll bei der GMSH künftig daran anknüpfen – mit dem Anspruch, Nachhaltigkeit nicht wie bisher nur sichtbar zu machen, sondern innerhalb einer Produktgruppe direkt vergleichbar.
Im Online-Shop der zentralen Beschaffungsstelle des Landes Schleswig-Holstein markiert der „Grüne Baum“ Artikel, die definierte ökologische Anforderungen erfüllen.
(Bild: Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR)
Für Angela Korsch, Leiterin Materialwirtschaft in der von der GMSH vorgehaltenen Landesbeschaffungsstelle, liegt genau darin die Chance: „Nachhaltige Beschaffung braucht Instrumente, die im Alltag praktikabel sind. Wenn weiterführende – und vor allem vergleichbare – Informationen ohne zusätzliche Rechercheschritte dort verfügbar sind, wo Einkäufer bestellen, ist viel gewonnen.“
Zugleich zeigt die Praxis, woran sich ein solches System messen lassen muss: Bei einem Recyclingpapier aus dem von der GMSH ausgeschriebenen Sortiment blieb der ESG-Score mit 68 Punkten aus ihrer Sicht hinter der tatsächlichen Nachhaltigkeitsleistung zurück. Für Angela Korsch ist das kein Einwand gegen den Scoring-Ansatz, sondern ein klares Signal: Datenbasis und Zuordnung müssen weiter präzisiert werden, damit ein belastbarer Maßstab geschaffen wird.
Wie bei allen Bewertungssystemen hängt die Aussagekraft von der Vollständigkeit der zugrunde liegenden Daten ab. Nicht für alle Produktkategorien liegen gleichermaßen detaillierte Nachhaltigkeitsinformationen vor. Genau an dieser Präzisierung arbeitet das Team hinter dem ESG-Score mit Nachdruck – und lädt unter anderem die Hersteller dazu ein, die Daten zu ihren Produkten in der Plattform zu vervollständigen. Bei Steinbeis Papier führte dies zu einem sofortigen Anstieg des ESG-Scores für nahezu alle Produkte des Papierherstellers.
Hersteller sind eingeladen, die Nachhaltigkeitsdaten ihrer Produkte zu vervollständigen – bei Steinbeis Papier führte dies nach einem ursprünglichen ESG-Score von nur 68 Punkten zu einem deutlichen Anstieg.
(Bild: Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR)
Nachhaltigkeit in der Beschaffungsroutine
Wie ein solcher Ansatz den Weg aus der Entwicklung in die operative Beschaffung finden kann, zeigt die TEK-SERVICE AG. Seit Juni 2025 bindet der digitale Einkaufsdienstleister den ESG-Score in die webbasierten Einkaufsportale seiner Kunden ein. Im Hintergrund werden dafür die TEK-Katalogdaten einmal pro Woche automatisiert auf Artikelebene mit den Daten aus dem ESG-Score-Datahub abgeglichen. Neue oder aktualisierte Bewertungen erscheinen so automatisch am jeweiligen Produkt, ohne dass Einkaufsstellen sie selbst nachpflegen oder außerhalb des Systems recherchieren müssen.
Stand: 08.12.2025
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Monika Schmidt, Marketing & Sales bei TEK-SERVICE, beschreibt den Schritt so: „Der ESG-Score ermöglicht uns, Nachhaltigkeitsinformationen aus der Theorie in die praktische Beschaffung zu holen.“ Mit dem einjährigen Pilotprojekt gibt das Unternehmen seit Juni 2025 bundesweit hunderten Kunden aus öffentlicher Verwaltung und Wirtschaft die Möglichkeit, den Score kostenlos zu nutzen. Überzeugte Anwender sind u.a. die Stadt Ludwigsburg und die Vergabestelle der Polizei Berlin.
Der Einkaufsdienstleister TEK Service AG bindet den ESG-Score in die webbasierten Einkaufsportale seiner Kunden ein. Anwender sind u.a. die Stadt Ludwigsburg und die Vergabestelle der Polizei Berlin.
(Bild: TEK Service AG)
Mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) greift ein weiterer Akteur das Thema auf, der in Einkauf und öffentlicher Beschaffung Gewicht hat. Der BME vertritt rund 13.000 Mitglieder mit einem jährlichen Beschaffungsvolumen von etwa 1,25 Billionen Euro. Über das von ihm geführte Kompetenzzentrum innovative Beschaffung (KOINNO) ist er zudem direkt in der Beratung öffentlicher Auftraggeber tätig. Der Verband sieht im ESG-Score einen einzigartigen Ansatz, Nachhaltigkeit als integrierten Bestandteil wirtschaftlicher Beschaffungsabläufe umzusetzen. Die Kooperation mit ESG-Score.org markiert vor allem einen Perspektivwechsel – Ziel ist es, Nachhaltigkeitsdaten für Millionen Standardprodukte im Katalog verfügbar zu machen.
Wirtschaftlich vertretbar – und begründbar
Gerade in der öffentlichen Beschaffung wird Vergleichbarkeit zum Schlüssel. Kommunen, Landesverwaltungen und Ministerien sollen nachhaltig einkaufen – im Rahmen dessen, was „wirtschaftlich vertretbar und begründbar“ ist. Der ESG-Score wurde zwar für Direktvergaben entwickelt, lässt sich aber auch in Vergabeverfahren nutzen: So kann etwa festgelegt werden, dass ein Kopierpapier mit 10 ESG-Score-Punkten mehr pro Karton 10 Cent teurer sein darf. Nachhaltigkeit wird damit erstmals konkret bezifferbar und abwägbar, ohne die Kostenkontrolle aus der Hand zu geben. Gleichzeitig belegt das Beispiel der Steinbeis Papier GmbH aus Schleswig-Holstein, wie Hersteller motiviert werden, messbare Daten über ihre Produkte bereitzustellen. Der Score schafft die Grundlage, nachhaltige Einkaufsentscheidungen nachvollziehbar zu dokumentieren und zu standardisieren – ein zentraler Aspekt für die öffentliche Hand gegenüber Prüfinstanzen und der Öffentlichkeit. Das hat einen weiteren Effekt: Es genügt nicht mehr, wenn Hersteller lediglich Mindestanforderungen erfüllen, um in die engere Auswahl zu kommen. Und genau darin liegt die eigentliche Wirkung: Wenn sich Nachhaltigkeit in Zahlen ausdrücken und in Beschaffungsentscheidungen übersetzen lässt, wird sie vom abstrakten Anspruch zum steuerbaren Kriterium – und beginnt, den Wettbewerb selbst zu verändern.
Die Autorin Angelika Mühleck arbeitet als Fachjournalistin für IT-Magazine. Mit ihrer Content-Agentur purecontent erstellt sie zudem Textinhalte für ihre Kunden. Dafür spricht sie gern persönlich mit Anwendern oder – wie für diesen Beitrag – mit IT-Verantwortlichen in deutschen Behörden.