Kolumne Wer profitiert vom „agentischen Staat“?

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves & Ibrahim Köran 5 min Lesedauer

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Fachverfahrenshersteller besitzen die Prozesse, GovTechs die Innovationen und Hyperscaler die Plattformen. Doch Agentic AI könnte dieses Kräfteverhältnis grundlegend neu ordnen. Björn Niehaves und Ibrahim Köran vermessen einen Markt, in dem nicht jeder Platzhirsch und nicht jeder Hoffnungsträger von heute auch zu den Gewinnern von morgen gehören wird.

Neues Kräfteverhältnis durch agentische KI?(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Neues Kräfteverhältnis durch agentische KI?
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Agentic AI ante portas. Ob Messestände, Keynotes, Strategiepapiere oder Whitepaper für den „Agentic State“: Agenten stehen inzwischen zuverlässig überall dort herum, wo eben noch generative KI war. Wer heute über KI spricht, ohne spätestens einen Halbsatz später das Wort „agentic“ fallen zu lassen, versprüht schnell den Charme der Neunziger. Selbst Chatbots und Copiloten wirken plötzlich wie Technologien aus einer einfacheren Zeit. Ob das mehr ist als der nächste Aufguss im KI-Hype-Cycle, hängt allerdings davon ab, was „agentisch“ wirklich wertvoll macht.

Agentische KI produziert nicht nur Inhalte, sondern verfolgt ein vorgegebenes Ziel über mehrere Handlungsschritte hinweg. Sie zerlegt einen Auftrag in Teilaufgaben, ruft Informationen ab, nutzt Werkzeuge und kann über Schnittstellen Aktionen in anderen Systemen auslösen. Der eigentliche Sprung liegt damit nicht vom schlechten zum besseren Chatbot, sondern vom System, das etwas formuliert, zum System, das etwas in Bewegung setzt.

Prozess statt Feature

Und diese Verschiebung verändert Marktpositionen. Was gestern noch als eigenständiges KI-Produkt verkauft wurde, etwa Zusammenfassungen, Übersetzungen, Textvereinfachung oder Dokumentenanalyse, wird heute zunehmend zur Standardfunktion größerer Anwendungen. Mit Agentic AI setzt sich diese Entwicklung weiter fort: Wertvoll ist nicht mehr das einzelne KI-Feature, sondern die Fähigkeit, einen vollständigen Arbeitsprozess auszuführen. Entscheidend wird deshalb, wer über den notwendigen Zugang zu Daten, Fachlogik, Berechtigungen und operativen Systemen verfügt. Oft liegen die Hebel nämlich im Backoffice, also dort, wo die Fachverfahren laufen. Selten scheitern Initiativen in dem Bereich allein an der Technik. Und genau hier starten Fachverfahrenshersteller, GovTech Start-ups (kurz: GovTechs) und Hyperscaler aus sehr unterschiedlichen Positionen.

Fachverfahrenshersteller

Fachverfahrenshersteller spielen in der KI-Diskussion der öffentlichen Verwaltung bislang eine erstaunlich kleine Rolle. Gelegentlich drängt sich sogar der Verdacht einer gewissen Schnarchnasigkeit auf. Lesende ausgenommen. Ihr wichtigstes Asset weiterhin: In ihren Systemen liegen Fachlogik, Daten, Berechtigungen und rechtswirksame Transaktionen. Wer Agenten in Verwaltungsprozessen handeln lassen will, muss genau dort hinein. Aus Investorensicht liegt der eigentliche Burggraben weniger in der Fachlogik (die zu großen Teilen im Gesetz steht und sich mit KI-gestützter Entwicklung auch zunehmend günstiger abbilden lässt) als in den Legacy-Systemen, also der installierten Basis, mit ihren Datenbeständen und mitunter hohen Wechselkosten. Integrieren die Hersteller agentische Funktionen nicht selbst, bleiben ihre Systeme zunächst zwar unverzichtbar, könnten aber unterhalb einer neuen Agentenebene ins unsichtbare Backend verschoben werden. Sonnig ist es dort langfristig jedoch nicht, denn die kundennahe Ebene kontrolliert den Zugang.

GovTech Start-ups

GovTech Start-ups haben sich dagegen zuletzt erfolgreich als Gegenmodell positioniert: jung, beweglich, technologisch avanciert und mit reichlich politischem Goodwill und Rückenwind ausgestattet. Als Umkrempler und Kulturwandler der Verwaltung liefern sie dringend benötigte Impulse, die sich unter dem Etikett „Fachverfahrenshersteller“ marketingseitig nur schwer glaubhaft verkaufen lassen. Doch so cosy der politische Rückenwind sein mag: Goodwill ist noch kein Auftrag, und die fetten Jahre scheinen vorbei. Horizontale KI-Funktionen werden zu Standardleistungen großer Plattformen (z. B. Übersetzungen), fachspezifische Funktionen wandern in die bestehenden Fach- und Basisverfahren (z. B. DMS-Recherche). Wer als GovTech weder einen privilegierten Prozesszugang noch eigene Fachlogik oder eine ausführbare Transaktion kontrolliert, riskiert zwischen beiden Ebenen eingeklemmt und vom eigenständigen Produktanbieter zur austauschbaren Convenience im Agentenökosystem anderer zu werden.

Das muss jedoch nicht das Ende eigenständiger GovTech-Lösungen sein. Agenten dürfen rechtswirksame Verwaltungsentscheidungen ohnehin nur dort vollautomatisiert treffen, wo dies gesetzlich zugelassen ist und kein Ermessen besteht. Ein Großteil der Arbeit liegt davor: Unterlagen prüfen und nachfordern, Dokumente analysieren, Entscheidungsvorschläge erstellen. Die Pilotprojekte des Agentic AI Hub zeigten hier in einzelnen Fällen um mehr als 90 Prozent verkürzte Durchlaufzeiten, aber auch die entscheidende Grenze: Ohne Lesezugriff auf Fachverfahren und einen festen Platz im Arbeitsablauf bleibt die Lösung ein Pilot. Aus Investorensicht werden deshalb Start-ups interessant, die nicht nur ein Feature liefern, sondern einen ganzen Vorgang verantworten, etwa indem ihre Agenten Beschaffungsbedarfe bündeln und Vergabeunterlagen vorbereiten.

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Hyperscaler

Und dann sind da noch die Hyperscaler. Sie kennen vielleicht nicht bzw. aktuell noch nicht die Feinheiten des deutschen Wohngeld- oder Baugenehmigungsverfahrens, kontrollieren aber Cloud, Basismodelle, Identitäten, Arbeitsplatzsoftware, Agentenlaufzeiten und Konnektoren. Sie müssen deshalb zunächst keine eigenen Fachverfahren bauen; es genügt, die KI-Agentenebene darüber zu besetzen. Wenn Verwaltungsmitarbeitende ihre Aufträge künftig einem zentralen Agenten erteilen, kontrolliert dessen Anbieter die Kundenschnittstelle und orchestriert den Zugriff auf Fachverfahren, Register und spezialisierte GovTech-Lösungen. Hier entscheidet sich, welcher Agent auf welche Systeme zugreifen und dort handeln darf, und das ist Macht.

Offene Fragen trotz Weichenstellung

Agentic AI wirft damit mehr Fragen auf, als der gegenwärtige Hype beantwortet:

  • Werden Fachverfahrenshersteller selbst zu agentischen Orchestratoren oder zu unsichtbaren Backends?
  • Können GovTechs eine eigenständige Marktposition behaupten, wenn sie für tragfähige Geschäftsmodelle immer tiefer in Fachlogik und Verwaltungsprozesse hineinmüssen?
  • Werden Hyperscaler zum Betriebssystem der digitalen Verwaltung, und welche Rolle bleibt öffentlichen IT-Dienstleistern?

Im Kern geht es um die Marktordnung: Gestaltet der Staat sie aktiv durch Standards, Schnittstellen, Beschaffung und öffentliche Infrastruktur, oder entsteht sie nebenbei aus den Geschäftsmodellen der Anbieter?

Einige Weichen sind mittlerweile gestellt. Der IT-Planungsrat hat offene Protokolle, über die Agenten auf Systeme und aufeinander zugreifen, als verbindliche Grundlage der Lösungen des Deutschland-Stacks festgelegt. Außerdem darf der Bund seit Juli Start-ups in den ersten vier Jahren nach Gründung Direktaufträge bis 100.000 Euro erteilen – wobei dies nicht automatisch für Kommunen gilt. Wie aus erfolgreichen Piloten ein Regelbetrieb in den Kommunen wird, nannte der Bundesdigitalminister im Juni „die Milliarden-Dollar-Frage“. Auch daran wird sich entscheiden, wer letztlich vom agentischen Staat profitiert.

Genug offene Punkte also, um die Zukunft des GovTech-Marktes gemeinsam neu zu vermessen. Wir laden Sie herzlich ein, diese Fragen am 16. November 2026 mit Ruth Bosse (Ark Climate), Arne Baltissen (Prosoz) und uns zu diskutieren.

Einladung zur Veranstaltung

Agentic AI verschiebt die Kräfteverhältnisse im Markt für Verwaltungstechnologie: Fachverfahrenshersteller verfügen über Prozesse und Daten, GovTechs über neue Lösungen, Hyperscaler über die Plattformen.

Doch wer kontrolliert künftig die entscheidende Agentenebene, und wie gelangen erfolgreiche Piloten in den kommunalen Regelbetrieb?

Darüber diskutieren Arne Baltissen (CEO, Prosoz), Ruth Bosse (CEO & Founder, Ark Climate) und Ibrahim Köran (Head of GovTech & DefenceTech, Heliad), moderiert von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves (Universität Bremen).

Wann? Montag, 16. November 2026, 10.30 bis 12 Uhr

Wo? Virtuelle Veranstaltung (den Link erhalten Sie nach Anmeldung)

Zur Anmeldung

Die Autoren:

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves(©  privat)
Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves
(© privat)

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung. Linkedin-Profil

Ibrahim Köran(Bild:  Heliad)
Ibrahim Köran
(Bild: Heliad)

Ibrahim Köran leitet das Berliner Büro des Wagniskapitalgebers Heliad, wo er als Head of GovTech & DefenceTech eine dedizierte GovTech-Investmentstrategie verantwortet. Zuvor baute er bei PwC den GovTech-Bereich auf und beriet bei PwC und KPMG auf EU- und Bundesebene zu Digitalstrategien und Organisationsaufbau, insbesondere im Kontext digitaler Souveränität. Linkedin-Profil

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