Digitale Souveränität

Vergesst nicht die IT-Infrastruktur

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Trotz EfA: Entstehen neue digitale Abhängigkeiten?

Die Verwaltungsdigitalisierung verfolgt das Ziel, Leistungen effizienter, nutzerfreundlicher und wirtschaftlicher bereitzustellen. Das Einer-für-Alle-Prinzip ist dabei ein wichtiger Baustein. Einmal entwickelte Lösungen sollen von vielen Behörden nachgenutzt werden können. Dieses Modell schafft Skaleneffekte und vermeidet Doppelentwicklungen.

Gleichzeitig entstehen jedoch neue Fragen hinsichtlich langfristiger Abhängigkeiten. Wenn zentrale Plattformen oder Fachverfahren von einer begrenzten Anzahl von Betreibern bereitgestellt werden, können neue Monostrukturen entstehen. Das kann zunächst effizient sein, erhöht aber langfristig das Risiko technologischer Lock-in-Effekte.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob zentrale Lösungen eingesetzt werden sollen. Vielmehr muss sichergestellt werden, dass solche Lösungen auf offenen Standards basieren und sich bei Bedarf in andere Betriebsumgebungen überführen lassen. Für Behörden bedeutet das, bereits bei Beschaffung und Architekturplanung auf Interoperabilität, Portabilität und Standardisierung zu achten. Nur so bleibt die notwendige Flexibilität erhalten, um auf zukünftige Anforderungen reagieren zu können.

Wie Behörden technologische Lock-in-Effekte vermeiden können

Vendor-Lock-in ist kein neues Phänomen. In modernen Cloud- und Plattformumgebungen entstehen Abhängigkeiten jedoch zunehmend auf anderen Ebenen. Während früher häufig proprietäre Hardware oder spezielle Softwareprodukte die Ursache waren, entstehen Abhängigkeiten heute oft durch komplexe Plattformdienste, Managementebenen oder exklusive Integrationen.

Für Behörden wird es daher zunehmend wichtiger, technologische Entscheidungen nicht ausschließlich nach kurzfristigen Kosten- oder Effizienzgesichtspunkten zu treffen. Ebenso relevant ist die Frage, welche Handlungsspielräume in fünf oder zehn Jahren bestehen.

Dazu gehören insbesondere:

  • offene und dokumentierte Schnittstellen,
  • standardisierte Datenformate,
  • nachvollziehbare Betriebsprozesse,
  • reproduzierbare Infrastrukturkonfigurationen,
  • klare Migrationsstrategien.

Digitale Souveränität entsteht dabei nicht durch einzelne Produkte, sondern durch Architekturentscheidungen. Je standardisierter und transparenter Systeme aufgebaut sind, desto geringer wird die Abhängigkeit von einzelnen Akteuren.

Open Source als Governance- und Resilienzstrategie

In der Diskussion um digitale Souveränität wird Open Source häufig ideologisch betrachtet. Befürworter und Kritiker diskutieren dabei oft über Lizenzmodelle oder politische Grundsatzfragen. Für Behörden ist jedoch eine andere Perspektive relevanter: die Governance-Perspektive.

Offener Quellcode schafft eine wichtige Voraussetzung für Transparenz. Schnittstellen, Sicherheitsmechanismen und technische Abhängigkeiten können nachvollzogen werden. Gleichzeitig ermöglicht Open Source die Zusammenarbeit verschiedener Anbieter innerhalb desselben Ökosystems. Dadurch sinkt das Risiko, dass einzelne Hersteller dauerhaft eine Schlüsselposition einnehmen.

Open Source garantiert zwar nicht automatisch digitale Souveränität. Auch offene Software kann falsch implementiert oder organisatorisch unzureichend betrieben werden. Dennoch schafft sie wichtige Voraussetzungen für Interoperabilität, Nachnutzbarkeit und langfristige Steuerbarkeit. Gerade im öffentlichen Sektor, wo Systeme häufig über Jahrzehnte betrieben werden, gewinnen diese Eigenschaften zunehmend an Bedeutung.

Wie bewerte ich meine Souveränität?

Die entscheidende Frage für Behörden lautet am Ende nicht, ob eine Lösung in einem deutschen Rechenzentrum betrieben wird oder ob ein Anbieter aus Europa stammt. Entscheidend ist vielmehr: Wie handlungsfähig bleibt die Verwaltung, wenn sich Rahmenbedingungen ändern?

Ein einfacher Praxistest kann dabei helfen, den eigenen Souveränitätsgrad entlang verschiedener Faktoren zu bewerten:

  • Können zentrale Fachverfahren innerhalb eines vertretbaren Zeitraums auf eine andere Infrastruktur migriert werden?
  • Sind Datenformate und Schnittstellen offen dokumentiert?
  • Liegt die Kontrolle über Updates, Patches und Softwarequellen bei Ihnen?
  • Ist ein Wechsel von Herstellern oder Dienstleistern mit vertretbarem Aufwand möglich?Gibt es technische oder organisatorische Alternativen zu den heute eingesetzten Plattformen?
  • Lassen sich Systeme auch dann weiterbetreiben, wenn sich Lizenzmodelle, Preise oder die strategische Ausrichtung eines Anbieters ändern?
  • Sind die eingesetzten Software- und Infrastrukturkomponenten transparent dokumentiert?

Je mehr dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet werden können, desto größer ist der Handlungsspielraum einer Organisation – und damit auch ihr Grad an digitaler Souveränität. Wo eine Antwort unklar bleibt, lohnt sich eine vertiefende Prüfung.

Für eine vertiefte Selbstbewertung stellen verschiedene Anbieter und Initiativen inzwischen Leitfäden und Bewertungsmodelle bereit. Besonders hilfreich sind dabei Ansätze, die digitale Souveränität nicht nur aus regulatorischer Sicht betrachten, sondern auch infrastrukturelle Abhängigkeiten analysieren.

Eine praxisorientierte Checkliste zur ersten Standortbestimmung mit Leitfragen zu Infrastruktur, Automatisierung, Update-Kontrolle und Anbieterabhängigkeiten finden IT-Verantwortliche auf der Webseite zu unserem Infrastruktur-Automatisierungstool. Die Checkliste unterstützt dabei, die eigene Ausgangslage strukturiert einzuordnen und erste Handlungsfelder zu identifizieren. Denn letztlich entscheidet sich digitale Souveränität nicht allein daran, wo IT betrieben wird, sondern daran, ob eine Organisation die Kontrolle über ihre digitale Zukunft behält.

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Der Autor
Als Experte für die Automatisierung von hybriden Infrastrukturen sowie für Lifecycle- und Patch-Management unterstützt Dr. Jonas Trüstedt seit zehn Jahren Unternehmen dabei, ihre Systemlandschaften über unterschiedliche Plattformen hinweg reproduzierbar zu betreiben, Automatisierungsprozesse zu standardisieren und Hersteller-Abhängigkeiten zu reduzieren. Bei der ATIX AG verantwortet er als Produktmanager die Weiterentwicklung der Automatisierungssoftware orcharhino.

Bildquelle: ATIX AG