Open Source, europäische Cloud, offene Standards: Wer digitale Souveränität nur technisch denkt, denkt zu kurz, meint Jan-Lars Bey von Cassini. Denn ohne digitale Befähigung bleibt Souveränität für ihn nur ein theoretisches Konzept.
Enablement is king: Die digitale Kompetenzoffensive der Bundesregierung könnte wegweisend sein, meint Jan-Lars Bey von Cassini.
Selten habe ich die Diskussion über digitale Souveränität so optimistisch erlebt wie in den vergangenen Wochen. Auf der TECH 2026 in Heilbronn und beim Zukunftskongress Staat & Verwaltung in Berlin wurde deutlich: Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben die Herausforderungen erkannt, die Lösungsansätze liegen auf dem Tisch, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist groß.
Gleichzeitig sehe ich ein Risiko: Wir betrachten digitale Souveränität noch zu häufig als Technologiefrage. Ja, wir müssen Open Source, europäische Cloud-Anbieter und offene Standards voranbringen. Doch wer digitale Souveränität allein technisch denkt, greift zu kurz. Im Kern geht es um Menschen: um ihre Fähigkeiten, ihr Vertrauen in neue Technologien und ihre Bereitschaft, Veränderung aktiv mitzugestalten.
Wenn wir in Deutschland und Europa mehr digitale Souveränität erreichen wollen, müssen wir die Perspektive erweitern. Ich sage bewusst „mehr digitale Souveränität“, denn vollständige digitale Autarkie ist in einer global vernetzten Wirtschaft auf absehbare Zeit nicht realistisch. Abhängigkeiten bei Rohstoffen, Halbleitern, Softwarekomponenten oder digitaler Infrastruktur werden langfristig bestehen bleiben.
Doch das darf uns nicht davon abhalten zu handeln. Digitale Souveränität ist kein Endzustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Jeder Schritt reduziert Abhängigkeiten, stärkt die Resilienz von Staat und Wirtschaft und baut eigene Kompetenzen auf.
Digitale Souveränität bedarf einer gesellschaftlichen Perspektive
Wie verändern wir über Jahrzehnte gewachsene Strukturen und damit einen Teil unserer Lebenswelt? Viele Beschäftigte in Behörden und Unternehmen fragen sich aktuell, welche Auswirkungen Künstliche Intelligenz und neue digitale Werkzeuge auf ihre Arbeit haben werden. Sie müssen verstehen, wie Technologien funktionieren, Risiken einschätzen können und die neuen Tools selbstbewusst nutzen. Das ist die zentrale Voraussetzung für gelebte digitale Souveränität.
Die digitale Befähigung muss dabei weit über Organisationen und Verwaltung hinausgehen. Denn digitale Souveränität hat eine gesellschaftliche Dimension. Nur wenn wir uns als Gesellschaft sicherer und kritischer im digitalen Raum bewegen, kann auch der Staat für sich digital souverän agieren. Die altersübergreifende digitale Kompetenzoffensive der Bundesregierung kann hier wegweisend sein.
Befähigung ist kein Selbstzweck
Doch wer digitale Kompetenzen erwirbt, braucht auch die passenden Lösungen, um sie wirksam nutzen zu können. Gleichzeitig gilt im Umkehrschluss: Auch die besten europäischen Entwicklungen bleiben wirkungslos, wenn sie nicht genutzt werden. Digitale Souveränität entsteht deshalb weder allein durch Teilhabe und Befähigung noch allein durch Technologie, sondern dort, wo beides zusammenkommt.
Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Erst wenn europäische Lösungen in der Breite eingesetzt werden, entstehen die finanziellen Spielräume, um Produkte kontinuierlich weiterzuentwickeln. Dabei geht es nicht darum, bestehende Anbieter aus ideologischen Gründen zu verdrängen. In einer global vernetzten Wirtschaft wird es weiterhin Abhängigkeiten geben.
Entscheidend ist vielmehr, die eigenen Handlungsoptionen systematisch zu erweitern. Jeder zusätzliche Nutzer erhöht die Attraktivität europäischer Lösungen, schafft Vertrauen und vergrößert den Markt. Mit wachsender Nachfrage steigen die Investitionen in europäische Technologien – und damit ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Der Faktor Mensch ist damit sowohl gesellschaftliche als auch wirtschaftliche Grundlage digitaler Souveränität.
„Scale eats sovereignty for breakfast“
Auf der TECH 2026 in Heilbronn wurde die Notwendigkeit von Skalierung besonders deutlich: „Scale eats sovereignty for breakfast“ war eine der prägenden Aussagen auf der Veranstaltung – ohne ausreichende Skalierung bleibt digitale Souveränität ein theoretisches Konzept. Neben Akzeptanz braucht es dafür vor allem verlässliche Investitionen.
Stand: 08.12.2025
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Hier kommt der öffentlichen Hand eine wichtige Rolle zu: als Anwenderin, Investorin und Marktgestalterin. Beschaffungsstrategien und Förderprogramme sind dabei weit mehr als reine Wirtschaftsförderung: Sie sind eine notwendige Anschubfinanzierung, bis sich ein sich selbst tragender Markt entwickelt hat, in dem eine aufgeklärte und digital befähigte Gesellschaft souveräne Lösungen bewusst nachfragt. So entsteht ein Kreislauf aus Nachfrage, Skalierung und Innovation.
Massive Investitionen sind möglich, auch mit Blick auf die rund eine halbe Milliarde Euro, die die Bundesverwaltung erst 2025 für Microsoft-Lizenzen in die Hand genommen hat. Das Beispiel Frankreich zeigt, wie diese Gelder für europäische Lösungen eingesetzt werden können: Windows soll zeitnah durch Linux als Betriebssystem in der Verwaltung ersetzt werden, während die französischen Behörden auf staatlich betriebene Tools migrieren sollen. Auch Deutschland verfügt über die Voraussetzungen, diesen Weg zu gehen.
Eine andere Erkenntnis, die sich in Heilbronn verfestigt hat: Wir sind bei der Souveränitätsthematik in der öffentlichen Verwaltung, anders als es beim Thema Digitalisierung in den letzten Jahren den Anschein machte, weiter als Teile der Privatwirtschaft. Denn die Dringlichkeit offenbart sich hier am deutlichsten: Digitale Souveränität muss jetzt oberste Priorität haben, um strategische, politische und wirtschaftliche Risiken zu minimieren. Jetzt müssen wir schnell in die wirksame Umsetzung kommen.
Die altersübergreifende digitale Befähigung – etwa im Rahmen der von der Initiative D21 geforderten Nationalen Digitalen Offensive – und der Aufbau eines starken europäischen Angebots digitaler Lösungen durch gezielte Investitionen gehen dabei Hand in Hand.
Der Autor Jan-Lars Bey ist seit 2017 Mitglied des Partnerboards der Cassini Consulting und verantwortet seit 2026 als Chief Business Officer (CBO) das operative Beratungsgeschäft. Der Diplom-Medieninformatiker kam 2014 zu Cassini. Zuvor war er bei der ]init[ AG tätig, zuletzt als Sales Director Government Applications. Sein unternehmerischer Schwerpunkt liegt im Aufbau und in der nachhaltigen Entwicklung von Märkten und Organisationen.