Wer über KI in der öffentlichen Verwaltung spricht, denkt an Datenschutz, Recht oder neue Technologien, aber nur selten an Geschlechtergerechtigkeit. Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves und Dr. Marc Wyszynski zeigen anhand einer der bislang größten Befragungen von Verwaltungsmitarbeitenden, warum genau dies ein Fehler ist.
Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Teilhabe an der KI-Transformation sind wissenschaftlich belegt.
(Bild: Canva / KI-generiert)
Was braucht es alles für eine erfolgreiche KI-Transformation? Klar: einschlägige Use Cases, solide rechtliche Grundlagen, guten Datenschutz, innovative Prozesse, eine förderliche Organisationskultur, ein verlässliches Commitment der Leitungsebene, eine tragfähige KI-Strategie samt Umsetzungs-Roadmap und Geschlechtergerechtigkeit.
Wait, what?! Wir möchten wetten, dass Ihnen einer der aufgezählten Punkte außergewöhnlich vorkam. Und vermutlich war es nicht der Datenschutz.
Aber schauen wir uns die Zahlen einmal genauer an: In Deutschland sind rund 51 Prozent der Bevölkerung Frauen. In der Belegschaft der öffentlichen Verwaltung steigt der Anteil auf rund 60 Prozent, in Kommunalverwaltungen liegt er sogar bei 63,5 Prozent (Destatis 2024). Und betrachtet man die klassischen Verwaltungsberufe, sind Frauen mit mehr als 75 Prozent der Beschäftigten sogar deutlich in der Mehrheit. Mit anderen Worten: Wer über die KI-Transformation der öffentlichen Verwaltung spricht, kommt seriös nicht an dem Thema vorbei. Manche versuchen es trotzdem.
Das mag auch daran liegen, dass belastbare Erkenntnisse bislang weitgehend fehlten. Während Studien wie der Digital-Index oder aktuelle Untersuchungen zu Geschlechterunterschieden bei der KI-Nutzung (beide Initiative D21) wichtige Einblicke für die Gesamtbevölkerung und den allgemeinen Arbeitsmarkt liefern, wissen wir jedoch speziell über die öffentliche Verwaltung bislang erstaunlich wenig.
Der Gap ist real
Mit unserer umfangreichen Befragung von rund 15.000 Verwaltungsmitarbeitenden schließen wir genau diese Lücke und können zeigen: Der „Gender AI Gap“ in der Verwaltung ist sehr real!
Der Gender AI Gap beschreibt dabei geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Teilhabe an der KI-Transformation. Für den vorliegenden Artikel haben wir zunächst die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in den Blick genommen. Hier wird deutlich, dass 21,6 Prozent der Männer, aber nur 16,6 Prozent der Frauen bei der Arbeit in der Verwaltung häufig und regelmäßig künstliche Intelligenz verwenden (sog. Viel-Nutzer:innen bzw. Power-User:innen). Gleichzeitig ist der Anteil der Nicht-Nutzer:innen unter Frauen (49,3 %) signifikant größer, als bei ihren männlichen Kollegen (43,8 %). Auch die Bereitschaft, KI in der Zukunft für die Arbeit nutzen wollen, ist bei Männern (86,6 %) höher als bei Frauen (85,7%).
Aber woran liegt das? Auch hier sind die Daten äußerst aufschlussreich. Schaut man unter die Oberfläche des reinen Nutzungsverhaltens, bestehen klare Unterschiede in der Stärke konkreter Unsicherheiten und Risikowahrnehmungen. Bei Frauen sind Sorgen vor einem falschen Einsatz, möglichen Folgeproblemen oder einem Kontrollverlust über KI-Systeme stärker ausgeprägt (40,6 %) als bei Männern (36,3 %). Zugleich zeigen mit 63,8 Prozent mehr Frauen Vorbehalte gegenüber KI-erzeugten Inhalten (Algorithmus-Aversion) als Männer (57,9 %), und sie haben eine stärker ausgeprägte Befürchtung, den Umgang mit KI nicht ausreichend erlernen zu können (Frauen: 15,1 %; Männer: 10,4 %). Diese Unterschiede können den Einstieg und die regelmäßige Nutzung erschweren, wodurch die Schere des Gender AI Gap weiter wachsen könnte.
Natürlich bieten diese Daten zunächst nur eine Annäherung ans Thema und beantworten längst nicht alle entscheidenden Fragen. Warum entsteht der Gender AI Gap? Welche Maßnahmen helfen tatsächlich und welche gut gemeinten Interventionen bleiben wirkungslos? Fest steht lediglich: Wer die KI-Transformation der öffentlichen Verwaltung erfolgreich gestalten will, muss den Gender AI Gap als eine der ganz zentralen Herausforderungen betrachten.
Einladung zur Studienvorstellung
Einladung zur Studienvorstellung
Der Gender AI Gap in der öffentlichen Verwaltung
Im Rahmen der Veranstaltung werden erstmals die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie zum „Gender AI Gap in der öffentlichen Verwaltung“ vorgestellt. Die Untersuchung basiert auf einer Befragung von rund 15.000 Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung in Deutschland und gibt Einblicke in geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Nutzung und Wahrnehmung von künstlicher Intelligenz.
Im Anschluss an die Studienvorstellung diskutieren Lena-Sophie Müller (CEO der Initiative D21 e.V.), Laura Dornheim (Chief Digital Officer der Landeshauptstadt München) und Björn Niehaves (Uni Bremen) die Ergebnisse und ihre Bedeutung für die erfolgreiche KI-Transformation der öffentlichen Verwaltung. Die Moderation übernimmt eGovernment-Redaktionsleiterin Susanne Ehneß.
Wann?
26. August 2026, 14.00 bis 15.30 Uhr
Wo?
virtuell (den Link erhalten Sie nach der Anmeldung)
Genau darüber möchten wir mit Lena-Sophie Müller (CEO, Initiative D21), Dr. Laura Dornheim (CDO, Landeshauptstadt München) sowie mit Ihnen diskutieren und laden Sie herzlich zu unserer OnlineVeranstaltung am 26. August 2026 ein (siehe Info-Box). Seien Sie gern dabei und diskutieren Sie mit!
Stand: 08.12.2025
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Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung. Zum Linkedin-Profil
Dr. Marc Wyszynski
(Bild: privat)
Dr. Marc Wyszynski ist Wissenschaftler an der Universität Bremen und Mitglied der AG „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“. Als Wirtschaftsinformatiker und Psychologe erforscht er das Zusammenspiel und die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen innovativen Technologien und menschlichen, sozialen sowie organisationalen Faktoren. Zum Linkedin-Profil