Gastkommentar Wir brauchen ein Digitalministerium – aber aus ganz anderen Gründen

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Nicolai Krüger 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

„Unsere Verwaltung scheut Fehler – und bleibt dadurch verwundbar“, konstatiert Gastautor Prof. Dr. Nicolai Krüger von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in NRW. Er schlägt einen ganz anderen Ansatz vor: Lernen durch kontrolliertes Scheitern, stärker werden durch Stress – für eine antifragile Vewaltung.

„Was es braucht: Ein Digitalministerium, das Fehler nicht vertuscht, sondern sie nutzt [...] und in jedem Scheitern eine Quelle für Innovation erkennt." (©  Gabriele - stock.adobe.com / KI-generiert)
„Was es braucht: Ein Digitalministerium, das Fehler nicht vertuscht, sondern sie nutzt [...] und in jedem Scheitern eine Quelle für Innovation erkennt."
(© Gabriele - stock.adobe.com / KI-generiert)

Im Rahmen der aktuellen Koalitionsbildung rückt ein potentielles Digitalministerium in die öffentliche Wahrnehmung. Das Für und Wider dreht sich meist um Koordination, Zuständigkeiten und Schnittstellen. Mit etwas Distanz betrachtet könnte man attestieren, das hierzu alles gesagt ist. Was wir wirklich brauchen, ist ein Digitalministerium, das eine völlig neue Denkweise etabliert – nämlich eine antifragile Verwaltung.

Der Gedanke mag ungewöhnlich erscheinen, ist aber tatsächlich schon in europäischen Behörden gelungen: Die Europäische Zentralbank (EZB) überwacht die IT (-Risiken) von Banken im Euroraum, behördenübergreifend mit den sogenannten National Agencies, in unserem Fall die zwei bankaufsichtlichen Behörden Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFIN) sowie die Bundesbank. Das Ziel: Antifragilität, zumindest im weiteren Sinne.

Antifragilität – was heißt das?

Der Begriff stammt vom Mathematiker und Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb. Antifragile Systeme sind das Gegenteil von fragil: Sie zerbrechen nicht unter Druck – sie werden stärker durch Stress, Fehler und Angriffe. So wie biologische Systeme, die mit jedem neuen Virus ihr Immunsystem verbessern, oder Start-ups, die aus Krisen lernen und sich neu ausrichten.

Von genau diesem Prinzip kann die öffentliche Verwaltung in ihren Digitalisierungsvorhaben lernen.

Datenkatastrophenschutz statt Datenschutz

Im noch jungen Jahr 2025 zeigte ein spektakulärer Vorfall, wie anfällig unsere Verwaltung ist: Die Stadt Dülmen wurde Opfer eines Spear-Phishing-Angriffs. Trotz etablierter Sicherheitsprozesse wurde eine Überweisung über 400.000 € auf ein betrügerisches Konto ausgeführt. Ein proaktiver Datenkatastrophenschutz – ein System, das Anomalien in Zahlungsströmen und Kommunikation KI-gestützt in Echtzeit erkennt – hätte möglicherweise den Angriff frühzeitig enttarnt. Anders als das BSI, das reaktiv Sicherheit gewährleistet, müsste ein Digitalministerium solche Frühwarnsysteme zentral koordinieren und flächendeckend umsetzen.

Chaos-Engineering statt Fehlervermeidungsstrategien

Die Privatwirtschaft macht längst vor, wie man antifragil wird. Netflix betreibt mit seinem Tool „Chaos Monkey“ eine bewusste Fehlerkultur: Server werden absichtlich im laufenden Betrieb deaktiviert, um Schwachstellen aufzudecken. Unsere Verwaltung hingegen scheut Fehler – und bleibt dadurch verwundbar. Ein Digitalministerium sollte genau solche kontrollierten Stresstests für Verwaltungssysteme einführen, um aktiv aus Pannen zu lernen, bevor diese real eintreten.

Reallabore statt Digitalisierungsdezernat

Digitale Transformation bedeutet Unsicherheit – also braucht es rechtlichen Raum für Experimente. Regulatory Sandboxes und Experimentierklauseln sind international bewährte Instrumente, um neue Technologien temporär unter Realbedingungen zu testen. Der Clou: Ein Digitalministerium könnte diese Experimentierräume koordinieren und aus den Ergebnissen dynamisch Gesetze weiterentwickeln. Damit wäre es weit mehr als nur Hüter des Status quo. In Deutschland ist das Konzept als „Reallabor“ bekannt – bislang meist in der Umwelt- oder Stadtentwicklungspolitik.

Ein Digitalministerium könnte diese Reallabore systematisch kuratieren. Von hier aus kann sich transformative Kraft zurück in den Echtbetrieb entfalten – wenn agiles Management, vereinfachte Beschaffung und iterative Innovationspraktiken erprobt wurden. Damit wäre ein solches Ministerium nicht mehr bloß Hüter des Status quo, sondern Ermöglicher eines lernenden Staates.

Von der EZB lernen: Digitalisierung braucht kontrolliertes Scheitern

Ein Digitalministerium wirkt oft als zu zentral gedacht für den deutschen Föderalismus. Doch zentrale Steuerung und föderale Vielfalt schließen sich nicht aus – das zeigt die EZB im IT-Kontext: Sie überwacht europaweit IT-Infrastrukturen, Sicherheitsstandards und Prüfmechanismen für Banken, ohne die Souveränität der nationalen Notenbanken aufzugeben.

2024 führte sie erstmals einen Cyberresilienz-Stresstest durch: Hier wurden keine theoretischen Risiken abgefragt, sondern reale Szenarien simuliert, um zu testen, wie gut Banken auf digitale Angriffe reagieren, kommunizieren und Systeme wiederherstellen. Das ist mehr als Resilienz – es ist die Suche nach adaptiven Mustern im Ausnahmezustand. Genau das ist antifragil: lernen durch kontrolliertes Scheitern. Liest man das Rahmenwerk auch nur flüchtig, wird sofort klar: dieselben Formulierungen ließen sich eins zu eins auf die öffentliche Verwaltung übertragen. Doch einen derartig orchestrierten und übergreifenden Fokus auf IT vermissen wir bislang.

Jetzt Newsletter abonnieren

Wöchentlich die wichtigsten Infos zur Digitalisierung in der Verwaltung

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Städte und Kommunen bleiben in ihren IT-Strukturen oft sich selbst überlassen – und damit isoliert. Ein Digitalministerium könnte hier Innovation durch Simulation ermöglichen: Testumgebungen für Verwaltungs-IT, Pilotkommunen mit permanentem Feedbackloop, simulierte Cybervorfälle als Innovationsmotor – nicht um zu bestrafen, sondern um systematisch zu verbessern. Und das alles eingebettet in die Digitalziele der EU: von der European Digital Identity (EUid) über den Interoperable Europe Act bis hin zum European AI Office.

Antifragilität heißt eben nicht nur überleben – sondern besser werden durch Stress, in europäischer Verbindung, datenbasiert, lernend.

Augmented Intelligence statt Automatisierungswirrwarr

KI-Journalist Thomas Ramge diskutiert in seinem Buch „Augmented Intelligence“ bereits im Jahr 2020 etliche Ideen, die wir heute als Human-in-the-Loop bezeichnen, also Anwendungen Künstlicher Intelligenz, die weder vollautonom gruselige Entscheidungen trifft, noch intransparent wirkt – sondern nachvollziehbar unterstützt. Stattdessen gilt es heute mehr denn je, die Automatisierungsklaviatur richtig zu spielen. Da greift der RPA-Bot (Robotic Process Automation) auf ein wohl-ausgeklügeltes KI-Modell zu, an anderer Stelle bereitet der Recherche-Assistenz Sachverhalte für den Landtag auf. In beiden Fällen stehen echte Anwendungsszenarien dahinter. Und in beiden Fällen ist es bereits heute verfügbare Technologie, die lediglich zum Einsatz gebracht werden muss.

Fazit: Antifragil ist das neue Digital

Was Deutschland nicht braucht: ein weiteres Ministerium, das Konzeptpapiere schreibt. Was es braucht: Ein Digitalministerium, das Fehler nicht vertuscht, sondern sie nutzt. Das Datenkatastrophen vorhersieht, Experimente zulässt – und in jedem Scheitern eine Quelle für Innovation erkennt. Denn antifragile Systeme tun nicht nur das Richtige in der Krise – sie entwickeln neue Lösungen, wo andere erstarrt sind. Nicht resilient. Nicht stabil. Sondern kreativ im Chaos. Antifragil.

Literaturquellen
Taleb, N. N. (2013). Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. Albrecht Knaus Verlag.
Rosenthal, C., & Jones, N. (2020). Chaos engineering: system resiliency in practice. O'Reilly Media.
Ramge, Thomas (2020). Augmented Intelligence. Wie wir mit Daten und KI besser entscheiden. Reclam.
Krüger, N., & Mertens, S. (2024). Learnings from a Technological Fusion: Uncovering the Impacts of Generative AI and NoCode Automation on Sales and Marketing. In: Generative Künstliche Intelligenz in Marketing und Sales: Innovative Unternehmenspraxis: Insights, Strategien und Impulse (pp. 71-82). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Der Autor: Prof. Dr. Nicolai Krüger ist Professor für GovTech, GovAI, eGov, Applied AI an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen.

(ID:50371455)