Digitalstrategie

Dänemarks Vorsprung – Deutschlands Chancen

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Teilhabe und Sicherheit: Herausforderungen in beiden Systemen

Trotz aller Fortschritte zeigt das dänische Modell durchaus Grenzen: Die digitale Kluft zwischen technikaffinen und weniger versierten Bevölkerungsgruppen – etwa älteren Menschen – ist eine reale Herausforderung. Die ausschließliche Digitalisierung vieler Verwaltungsleistungen kann dazu führen, dass sich einzelne Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen fühlen. Barrierefreiheit, analoge Alternativen und zielgruppenspezifische Unterstützung sind daher notwendig, um digitale Teilhabe für alle sicherzustellen.

Auch Deutschland steht vor ähnlichen Herausforderungen, die zusätzlich durch föderale Heterogenität verstärkt wird. Gleichzeitig wächst mit der Digitalisierung auch die Anfälligkeit für Cyberangriffe. Während Dänemark bereits robuste Resilienzstrategien, Redundanzsysteme und eine starke Cybersicherheitsarchitektur aufgebaut hat, steht Deutschland hier erst am Anfang eines flächendeckenden Ausbaus. Datenschutz, Datenethik und staatliche Kontrolle über kritische IT-Infrastrukturen werden in beiden Ländern zunehmend zentrale Handlungsfelder.

Politische Steuerung: Neustart mit dem Digitalministerium

Mit der Gründung des Bundesministeriums für Digitales im Mai 2025 bündelt Deutschland erstmals die politischen und strategischen Zuständigkeiten für die digitale Transformation. Das Ministerium verantwortet zentrale Bereiche wie Netzausbau, digitale Verwaltung, KI-Anwendungen, Cybersicherheit und die Umsetzung des „Deutschland-Stacks“. Es erhält weitreichende Entscheidungsbefugnisse über IT-Budgets der Bundesverwaltung (mit Ausnahme bestimmter Ressorts) und soll ressortübergreifende Projekte koordinieren.

Dänemark profitiert bereits seit Jahren von einer zentralen Steuerung digitaler Themen durch klare institutionelle Rahmenbedingungen. Diese politische Kontinuität hat entscheidend zum Erfolg des digitalen Staates beigetragen. Für Deutschland ist das neue Ministerium eine echte Chance, die bisher fragmentierte Digitalpolitik zu bündeln und klare Prioritäten zu setzen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, nicht nur technologische, sondern auch kulturelle und organisatorische Blockaden zu überwinden – hin zu einem agilen, strategisch geführten und nutzerorientierten digitalen Staat.

Digitalisierung braucht Haltung, Infrastruktur und den Mut zum Wandel

Dänemark beweist eindrucksvoll, wie digitale Verwaltung messbaren Nutzen schafft – durch weniger Bürokratie, effizientere Prozesse, höhere Nutzerzufriedenheit und eine innovationsfreundliche Wirtschaftsumgebung. Trotzdem ist die digitale Transformation kein einmaliges Ziel, sondern ein permanenter Prozess. Technologien, Erwartungen der Bürger und gesellschaftliche Anforderungen entwickeln sich ständig weiter. Wer E-Government erfolgreich gestalten will, muss kontinuierlich lernen, adaptieren und verbessern – in Technik, Organisation und Haltung. Das Beispiel Dänemark zeigt: Ein funktionierender digitaler Staat ist möglich – wenn politischer Wille, leistungsfähige Infrastruktur und ein klarer Fokus auf die Nutzer zusammenspielen.

Und was gilt für Deutschland?

Mit der Schaffung eines eigenständigen Digitalministeriums und der Weiterentwicklung des Onlinezugangsgesetzes (OZG 2.0) eröffnen sich für Deutschland echte Chancen, die Digitalisierung der Verwaltung neu und wirksamer zu gestalten. Die Bündelung von Zuständigkeiten, klare strategische Steuerung und die Konzentration auf zentrale Zukunftsthemen wie KI und Breitbandausbau sind wichtige Schritte in Richtung einer modernen, leistungsfähigen Verwaltung. Doch technologische Maßnahmen allein reichen nicht aus: Entscheidend für den Erfolg ist ein tiefgreifender Kulturwandel hin zu mehr Agilität, Nutzerorientierung und Innovationsbereitschaft. Nur wenn dieser Wandel gelingt, kann Deutschland im internationalen Vergleich aufholen und die digitale Transformation dauerhaft verankern.

Kurzinterview mit Andreas Gerhardt

Herr Gerhardt, in Ihrem Beitrag heben Sie unter anderem den Nachholbedarf im Bereich der digitalen Identität hervor und nennen schon einige Hürden bezüglich der Integration. Müssen wir unsere eID-Strategie nicht vielleicht komplett neu aufsetzen oder lässt sich die eID doch noch zum Erfolg führen?

Gerhardt: Ich bin überzeugt, dass wir die eID noch zum Erfolg führen können, wenn wir die eID-Strategie konsequent weiterentwickeln. Die Grundlagen sind gelegt, jetzt braucht es vor allem einfachere Verfahren, mehr Anwendungen im Alltag und eine bessere Abstimmung aller Akteure. Wenn wir diese Punkte entschlossen angehen, kann die digitale Identität in Deutschland noch ein Erfolgsmodell werden.

Ihre Ausführungen zur Redundanz als weiteren Grundpfeiler digitaler Souveränität sind ja sehr detailliert. Während viele über Digitalisierung sprechen, ist das Buzzword digitale Resilienz noch relativ jung, aber durchaus dringlich. Haben wir – vor allem mit Blick auf die geopolitische Lage – das Thema verschlafen?

Gerhardt: Tatsächlich haben wir beim Thema digitale Resilienz lange gezögert. Während die Digitalisierung vorangetrieben wurde, hat man Fragen der Redundanz, Ausfallsicherheit und strategischen Unabhängigkeit oft zu wenig beachtet. Die aktuellen geopolitischen Spannungen führen uns sehr deutlich vor Augen, wie verletzlich digitale Infrastrukturen sind. Wir holen jetzt zwar auf und investieren in Sicherheit, Notfallpläne und strategische Partnerschaften, aber wir müssen noch konsequenter handeln. Digitale Resilienz ist eine wichtige Kernvoraussetzung für unsere digitale Souveränität.

Hand aufs Herz: Kann das neue Digitalministerium tatsächlich den kulturellen Wandel in Behörden anstoßen, den Sie als entscheidend beschreiben? Wie bewerten Sie die ersten Weichenstellungen des BMDS und die Ressourcenausstattung sowie Durchsetzungskraft gegenüber anderen Ressorts?

Gerhardt: Damit der kulturelle Wandel in den Behörden jedoch richtig angestoßen werden kann, ist es wichtig, genug Ressourcen, klare Kompetenzen und Rückhalt aus der Regierungsspitze bereit zu stellen. Digitalisierung scheitert selten an Technik, sondern fast immer an Zuständigkeitsgerangel und mangelnder Veränderungsbereitschaft. Hier braucht es Führung, Verbindlichkeit und Vorbilder. Ich setze große Hoffnungen in Karsten Wildberger und finde diese Besetzung mit einem Mann aus der Wirtschaft sehr vielversprechend. Mit ihm kann der Wandel in Deutschland jetzt wirklich Fahrt aufnehmen und der Weg zu einer leistungsfähigen, sicheren Infrastruktur geebnet werden.

Oft hört man, die Ergebnisse aus anders aufgestellten Ländern seien auf Deutschland aufgrund des föderalen Systems, der Bevölkerungsdichte und/oder kultureller Unterschiede nicht übertragbar. Welche Vorteile könnten die deutsche Kultur und der deutsche Föderalismus für die digitale Transformation bieten, wenn man sie nur richtig nutzte?

Gerhardt: Vielerorts herrscht die Ansicht, dass unser föderales System und die vielfältige Verwaltungskultur eher bremsen als beschleunigen. Doch Föderalismus hat auch klare Vorteile: Er ermöglicht Wettbewerb um die besten digitalen Lösungen und schafft Raum für Innovation in den Ländern und Kommunen. Wenn wir diesen Erfahrungsschatz systematisch teilen und Standards verbindlich setzen, können wir Vielfalt in Stärke übersetzen. Außerdem bietet die deutsche Kultur mit ihrem hohen Anspruch an Qualität, Datenschutz und Verlässlichkeit eine gute Grundlage, digitale Transformation nachhaltig und vertrauenswürdig zu gestalten.

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Andreas Gerhardt
ist Experte für die digitale Transformation und CEO von GlobalConnect in Deutschland. GlobalConnect ist Anbieter von digitaler Infrastruktur und Datenkommunikation in Dänemark, Norwegen, Schweden, Deutschland und Finnland. Mit einem umfangreichen Glasfasernetz fördert das Unternehmen den Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland. Dabei geht die Mission über reine Konnektivität hinaus: Auf Basis der skandinavischen Expertise setzt sich GlobalConnect dafür ein, Deutschland fit für die digitale Zukunft zu machen – mit Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und langfristiger Widerstandsfähigkeit.

Bildquelle: GlobalConnect

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