Digitalisierung Steuerverwaltung

KONSENS beweist, dass föderale IT gelingen kann

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Schluss mit dem Klischee: Beamte als High Potentials

Sibus bricht eine Lanze für die Beschäftigten in der Finanzverwaltung. Das verbreitete Bild vom unbeweglichen Beamten? In seinem Arbeitsalltag schlicht falsch. „Die Teams, mit denen ich zusammenarbeite, stehen einem Team in der Privatwirtschaft in nichts nach“, sagt er. „Das ist Champions-League-Niveau.“

In Nordrhein-Westfalen etwa durchlaufen Beschäftigte der Finanzverwaltung zunächst das reguläre Studium zum Finanzfachwirt. Anschließend absolvieren sie eine einjährige interne Zusatzausbildung als Softwareentwickler. Das Ergebnis: Fachleute, die sowohl Steuerrecht als auch Softwarearchitektur beherrschen.

„Da steht niemand herum und überlegt, wie er den Tag übersteht“, beschreibt Sibus den Arbeitsethos. „Meeting nach Meeting, Entwicklung, Austausche – die haben Lust, die Steuerverwaltung zu modernisieren.“ Diese Motivation sei kein Zufall. Schließlich erlebten die Beschäftigten täglich, welche analogen Prozesse sie ablösen. Sibus stand zu Beginn seiner KONSENS-Arbeit selbst einmal im Finanzamt – neben einem einzelnen Steuerbescheid, der vom Boden bis zur Kniescheibe reichte. Bei Personengesellschaften mit 3.000 oder 4.000 Beteiligten würden für Abgabeübernahmen zwischen Bundesländern bis heute ganze Postautos angemietet.

KI in der Steuerverwaltung: Auf gutem Weg, aber kein Selbstläufer

Seit Anfang 2026 setzt Nordrhein-Westfalen das KI-Modul NRW Genius flächendeckend in seinen Finanzämtern ein. Rund 33.000 Beschäftigte nutzen die datenschutzkonforme Verwaltungsassistenz für Recherche, Textanalyse und Formulierungshilfe. Ein KI-gestütztes Risikomodul identifiziert zudem risikoarme Steuerfälle, die automatisiert bearbeitet werden können – und reduziert so die Zahl der manuellen Prüfhinweise erheblich.

Den allgemeinen Reifegrad von KI in der Steuerverwaltung kennt Sibus nicht nur vom Hörensagen. Semper Prospera hat die Finanzverwaltung Nordrhein-Westfalen zuletzt bei zwei eigenständigen KI-Projekten begleitet: einem System zur automatisierten Risikoberechnung und einem behördeninternen KI-Chatbot, der seit Ende 2025 im Einsatz ist. Beide laufen vollständig abgeschirmt vom Internet, auf eigenen Servern, ohne externe Cloud. „In der Finanzverwaltung ist Datensouveränität keine Designentscheidung, sondern Voraussetzung“, sagt Sibus.

„Es gibt aktuell enorm viel Bewegung – wir wissen inzwischen aber auch, welche Ansätze in der Praxis tragen und welche nicht“, ordnet er ein. Heute gilt noch: KI unterstützt, schlägt vor, entlastet – den Steuerfall gibt am Ende ein Mensch frei. Ob und wann das anders wird, ist eine politische Frage, die gerade aktiv diskutiert wird. „Der Human in the Loop bleibt – vorerst.“

Ab August 2026 greifen zudem die Hochrisiko-Vorgaben des EU AI Act. Die Steuerverwaltung fällt in diese Kategorie. Semper Prospera baut deshalb Forschungspartnerschaften auf – unter anderem mit dem Fraunhofer-Institut und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz –, um regulatorische Entwicklungen frühzeitig in laufende Prozesse zu übersetzen.

Cobol-Code und der demografische Wandel

Deutschland besitzt eines der komplexesten Steuersysteme der Welt – und die Software, die es abbildet, stammt teilweise aus den 1960er-Jahren. Cobol, eine Programmiersprache aus dieser Ära, verarbeitet bis heute die Massendaten in Finanzämtern, Banken und Versicherungen. Seit den 1990er-Jahren wird ihr Ende prophezeit. Die Realität zeigt jedoch: Auch 2026 sind Cobol-Entwickler gefragter denn je. Ein erheblicher Teil der Fachkräfte in der öffentlichen Verwaltung scheidet in den kommenden Jahren altersbedingt aus. Der dbb Beamtenbund beziffert den aktuellen Personalmangel auf 550.000 Beschäftigte – Tendenz steigend durch den Ruhestand der Babyboomer-Generation. Sibus erlebt die Folgen konkret: „Da sind teilweise Lines of Code, die man als Spaghetti-Code bezeichnen muss. Sich da erstmal zurechtzufinden, ist enorm aufwendig.“

Die Strategie in den KONSENS-Projekten lautet daher, Bestandscode systematisch zu dokumentieren, Anforderungen zu analysieren und die „neue Welt“ iterativ neben der alten aufzubauen. Die bestehenden Systeme laufen parallel weiter – als Sicherheitsnetz. „Man stelle sich vor: Plötzlich läuft das neue System nicht, das alte ist abgestellt, und ein einziger Tag Ausfall bedeutet Milliardenverluste beim Steueraufkommen“, skizziert Sibus. Bei einem jährlichen Steuervolumen von über einer Billion Euro in Deutschland sei diese Herangehensweise alternativlos.

Nächste Hürde: Eine einheitliche Testlandschaft

Auf die Frage, was er sich von der Finanzverwaltung wünscht, nennt Sibus ein einheitliches Testsystem. Aktuell betreiben die Bundesländer jeweils eigene Testumgebungen – zugeschnitten auf die bestehende Software. Für die neuen KONSENS-Module seien diese Systeme schlicht und ergreifend nicht ausgelegt.

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„Wenn wir eine einheitliche Testlandschaft haben, können wir viel schneller Tests anstoßen und effizienter Fehler lösen“, sagt Sibus. Aktuell erforderten Fehlerbehebungen zusätzliche Schleifen zwischen den Systemen beider Welten. Dies sei zeitaufwendig und vor allem vermeidbar.

KONSENS hat bewiesen, dass föderale IT-Zusammenarbeit funktionieren kann – nach dem teuren Scheitern von FISCUS keine Selbstverständlichkeit. In den nächsten Jahren wird sich herausstellen, wie schnell die Migration von der alten in die neue Welt gelingt. Die Grundlage ist jedenfalls mit klaren Zuständigkeiten, gewachsenem Vertrauen und Teams, die liefern wollen, geschaffen.

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