Digitalisierung Steuerverwaltung KONSENS beweist, dass föderale IT gelingen kann

Von Johannes Kapfer 5 min Lesedauer

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Deutschlands größtes IT-Vorhaben vereint Bund und 16 Bundesländer bei der Modernisierung der Steuerverwaltung. Über 1.300 Fachleute arbeiten an 19 Kernverfahren – und liefern Ergebnisse. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt: Der Föderalismus ist hier kein Bremsklotz, sondern ein Qualitätsmerkmal.

Christian Sibus ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Semper Prospera.(Bild:  Semper Prospera)
Christian Sibus ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Semper Prospera.
(Bild: Semper Prospera)

Wer über KONSENS spricht, muss zuerst über FISCUS reden. Das „Föderale Integrierte Standardisierte Computer-Unterstützte Steuersystem“ startete Anfang der 1990er-Jahre mit dem Ziel, eine einheitliche Software für alle rund 650 Finanzämter in Deutschland zu entwickeln. Nach 13 Jahren und geschätzten 900 Millionen Euro Kosten stand das Projekt vor dem Aus. Koordinierungsprobleme zwischen den Bundesländern, Kostenexplosionen und fehlende technische Ergebnisse führten 2005 zur Liquidation der eigens gegründeten FISCUS GmbH.

Die Lehre daraus mündete 2006 in KONSENS – der „Koordinierten neuen Software-Entwicklung der Steuerverwaltung“. Statt jedoch alles auf der grünen Wiese neu zu bauen, setzt KONSENS auf schrittweise Vereinheitlichung, Modernisierung und klare Arbeitsteilung. Fünf auftragnehmende Länder – Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – übernehmen die Entwicklung. Die übrigen elf Länder beteiligen sich finanziell, wirken als Auftraggeber an Genehmigungsprozessen mit und sind verpflichtet, die entwickelten Verfahren zu übernehmen und einzusetzen.

„Man muss sich aufeinander zubewegen, weil das Ziel mittlerweile klar und greifbar geworden ist“, sagt Christian Sibus, Geschäftsführer der IT-Beratung Semper Prospera, der seit 2018 in der digitalen Transformation komplexer Verwaltungs- und IT-Projekte – unter anderem im KONSENS-Umfeld – aktiv ist. Sein Unternehmen mit rund 20 Beschäftigten übernimmt dort Projektmanagement, Softwareentwicklung und Beratung – vom Anforderungsmanagement bis zur praktischen Umsetzung.

Fünf Länder, unterschiedliche Perspektiven – ein gemeinsames Ziel

Viele Köche verderben den Brei? Sibus widerspricht. „Auf der operativen Ebene arbeiten alle Bundesländer übergreifend sehr gut miteinander“, berichtet er. „Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich mit Kolleginnen und Kollegen aus Bayern oder Nordrhein-Westfalen in einem Meeting sitze – wir arbeiten an derselben Geschichte.“

Tatsächlich bringt die föderale Struktur einen Vorteil, der in zentralistischen Modellen fehlt; unterschiedliche Perspektiven auf identische Sachverhalte. Hamburg etwa betrachtet Personengesellschaften durch die Brille seiner Reedereien und Schifffahrtsgesellschaften. In Hessen existieren solche Steuergestaltungen schlicht nicht. Dieses Spannungsfeld erzwingt gründlichere Lösungen – weil die Software am Ende für alle 16 Länder funktionieren muss.

Als Sibus 2018 in das KONSENS-Umfeld einstieg, befanden sich viele länderübergreifende Strukturen noch in einer frühen Reifephase. „Es waren nie Showstopper, aber die Abstimmung zwischen den Beteiligten war damals deutlich aufwendiger“, sagt er. Externe Projektmanager und Consultants hätten geholfen, Prozesse und Organisationsstrukturen weiterzuentwickeln. Heute seien die Verantwortlichkeiten klar und die Zusammenarbeit eingespielt.

Ein zentraler Erfolgsfaktor: Vertrauen. „Wer einen Teil seiner Souveränität aufgibt und einem anderen Bundesland die Entwicklung überlässt, braucht Vertrauen“, betont Sibus. Genau dieses Vertrauen habe sich über Jahre aufgebaut – ein bedeutsamer Unterschied zum gescheiterten FISCUS-Vorgänger.

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