Ein aktueller WEF-Bericht schätzt den weltweiten GovTech-Markt für 2034 auf 1,4 Billionen US-Dollar. Doch das eigentliche Potenzial ist viel größer, denn Government-Technologien können die Arbeitsweise der öffentlichen Verwaltungen transformieren.
Der Einsatz von GovTech ermöglicht erhebliche Effizienzsteigerungen, mehr Transparenz und Nachhaltigkeit in der öffentlichen Verwaltung.
Das Potenzial von Government Technology (GovTech) wurde bislang häufig unter den Gesichtspunkten von Marktgröße und Investitionsvolumen gesehen, etwa wie viele Lösungen verfügbar sind oder welchen Anteil die Investitionen in diese Technologien an der öffentlichen Beschaffung ausmachen – oder ausmachen könnten.
Ein aktueller Report von Weltwirtschaftsforum (WEF), Global Government Technology Centre (GGTC) Berlin und Capgemini geht über diese reine Marktbetrachtung hinaus und nimmt die Auswirkung des Einsatzes von GovTech in den Fokus. Denn durch konsequente Digitalisierung und den Einsatz von GovTech-Produkten und Dienstleistungen im öffentlichen Sektor können erhebliche Effizienzsteigerungen, mehr Transparenz und Nachhaltigkeit erreicht werden. In Zahlen: Im Jahr 2034 ließe sich dadurch weltweit ein gesellschaftlicher Mehrwert von 9,8 Billionen US-Dollar freisetzen.
GovTech in Aktion: die Länderbeispiele
Wie das konkret umgesetzt werden kann, wird anhand von praktischen Beispielen aus sieben Ländern aufgezeigt. Und auch hier bringt der Bericht neue Aspekte ins Spiel, denn es sind nicht die „üblichen Verdächtigen“ wie Estland oder die skandinavischen Länder, deren Initiativen im Einzelnen vorgestellt werden, sondern Aserbaidschan, Bahrain, Brasilien, Deutschland, Malaysia, Ruanda und die Ukraine. Die Informationen basieren laut Bericht auf Experteninterviews und Länderstudien der Autoren, als Auswahlfaktoren werden wirtschaftliche Größe, geografische Diversität, bestehende GovTech-Bestrebungen und Pläne für die digitale Transformation der Verwaltung genannt.
So nutzt zum Beispiel Brasilien ein Algorithmen-basiertes Tool, um Betrug, Korruption und Biases bei der Vergabe öffentlicher Aufträge aufzudecken. Die „Diia“-Plattform bietet Ukrainerinnen und Ukrainern weltweit Zugriff auf wichtige Regierungsressourcen, darin integriert sind über 30 Regierungsdienste und 18 wichtige Dokumente. Laut dem Bericht hat die App bereits über 20 Millionen Nutzer, und es konnten fast 500 Millionen Dollar eingespart werden.
Ein weiteres Beispiel ist die Plattform IremboGov in Ruanda. Sie ermöglicht den Zugang zu öffentlichen Diensten verschiedener Ministerien und umfasst bereits 250 Behördendienste. In Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft soll das Angebot künftig auf 400 Dienstleistungen ausgeweitet werden.
Mehr als Prozessdigitalisierung
Die Länderfallstudien veranschaulichten auch, so das Fazit, wie das Verständnis von GovTech zunehmend mit den Konzepten der digitalen öffentlichen Infrastruktur (Digital Public Goods – DPI) und digitalen öffentlichen Gütern (Digital Public Goods – DPG) verknüpft ist. DPI wird als ein Konzept beschrieben, das gemeinsame digitale Systeme umfasst, die sowohl vom öffentlichen als auch vom privaten Sektor auf sicheren, stabilen Grundlagen aufgebaut und genutzt werden, wobei häufig offene Standards, Spezifikationen und Open-Source-Software verwendet werden, um die Bereitstellung von Diensten auf gesellschaftlicher Ebene zu ermöglichen. DPGs sind definiert als quelloffene Software, offene Daten, offene KI-Modelle, offene Standards und offene Inhalte, die den Datenschutz und andere geltende Gesetze und bewährte Verfahren einhalten, keinen Schaden anrichten und zur Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung beitragen. Im Report werden einzelne Kernelemente von DPI und DPGs wie digitale Dienste/Anwendungen, sektorspezifische und grundlegende DPI betrachtet.
„Der Report zeigt, dass GovTech weiter greift als die Digitalisierung von Prozessen oder Lösungen“, so Marc Reinhardt, Public Sector Global Industry Leader bei Capgemini. Zwar gehe es auch weiterhin darum, wie Regierungen durch innovative Technologien digitale Dienstleistungen verbessern und neue Werte schaffen können. Die Logik liege aber in einer „wesentlich tiefgreifenderen statt einer nur inkrementellen Innovation“, in einer Optimierung des Gesamtsystems. Und Kelly Ommundsen, Head Digital Inclusion und Mitglied des WEF-Executive Committee, resümiert: „GovTech bietet die Chance, die Beziehung zwischen Bürgern und Staat neu zu denken und Regierungen nicht nur schneller und kostengünstiger, sondern auch gerechter und reaktionsfähiger zu machen.“
Kommentar
Perspektiven in Deutschland
Der Bericht und insbesondere die Ergebnisse in anderen Ländern erinnern einmal mehr daran, dass man bei der Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland offenbar lange den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen hat – bzw. nur 575 einzelne OZG-Leistungen statt eines potenziellen leistungsstarken GovTech-Ökosystems.
Inzwischen ist der Blick klarer. Dafür spricht allein schon die Gründung des GGTC, das darauf abzielt, das deutsche GovTech-Innovationsökosystem mit einem globalen Netzwerk von Experten und Praktikern zu verbinden, Regierungen, Technologieführer und politische Entscheidungsträger zusammenzubringen. Der Bericht bescheinigt Deutschland, einen strategischen Ansatz für den Aufbau eines robusten GovTech-Partner-Ökosystem entwickelt zu haben. Als Initiativen sind GovTech Campus Deutschland, der AI Assistant F13 in Baden-Württemberg und GovTecHH in Hamburg aufgeführt. Hervorgehoben wird auch die zentrale Vision des Marktplatzes, der den Austausch interoperabler Lösungen fördern und nicht zuletzt auch die vertikale Trennung zwischen den verschiedenen Verwaltungsebenen aufheben soll.
Stand: 08.12.2025
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Den kompletten Report „The Global Public Impact of GovTech: A $9.8 Trillion Opportunity“ mit allen Länderbeispielen, Erläuterungen zur Methodik und Handlungsempfehlungen finden Sie auf der Website des WEF.