Who is in charge?

Entscheidungsaversion untergräbt Demokratie

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Macht ist demokratische Pflicht, kein Privileg

Carola Heilemann-Jeschke, CIO der Freien Hansestadt Bremen und Abteilungsleiterin beim Senator für Finanzen.(Bild: ©  Freie Hansestadt Bremen)
Carola Heilemann-Jeschke, CIO der Freien Hansestadt Bremen und Abteilungsleiterin beim Senator für Finanzen.
(Bild: © Freie Hansestadt Bremen)

Die politische Kultur, gerade in Deutschland, misstraut der „harten“ Macht: der Fähigkeit, Interessen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Macht wird schnell mit Machtmissbrauch gleichgesetzt. Die Folge: Menschen, die sich der Sache verpflichtet fühlen, distanzieren sich reflexhaft von Macht und überlassen das Feld jenen, die weniger Skrupel haben, sie für sich zu nutzen.

Demokratie funktioniert aber nicht ohne Führung. Politische Ämter sind nicht dazu da, den Stuhl zu dekorieren, sondern dazu, Konflikte sichtbar zu machen, Interessen zu gewichten und Entscheidungen zu treffen. Das ist irgendwie in Vergessenheit geraten. In pluralen Gesellschaften gibt es keine Lösung ohne Verlierer. Wer in verantwortlicher Position seine Machtmittel nicht nutzt, also Entscheidungen aus Angst vor Widerstand vermeidet, verletzt sein demokratisches Mandat im Kern.

Nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung: für den Status quo, für Blockade, für die Verlagerung von Verantwortung an andere Ebenen. Dabei ist Macht zunächst neutral. Sie ist die Fähigkeit, Wirkung zu entfalten, positiv wie negativ. Moralisch wird sie erst durch Ziel, Transparenz und Grenzen. Macht für die Sache heißt: durchsetzen, was legitimiert, begründet und auf ein Gemeinwohlziel ausgerichtet ist – nicht, was dem eigenen Ego dient.

Die stille Krankheit komplexer Demokratien

Der Bremer Psychologe und Organisationsforscher Peter Kruse hat früh beschrieben, wie Komplexität und Vernetzung Führung verändern. Je vernetzter ein System, desto unüberschaubarer werden Nebenwirkungen. Kleine Entscheidungen können einen großen Effekt haben, Verantwortungswege verlieren sich im Dickicht von Zuständigkeiten.

In dieser Lage kippt etwas: Führungskräfte beginnen, weniger Wirkung zu suchen, als Risiken zu vermeiden. Verantwortung heißt dann vor allem: bloß keinen Fehler machen, bloß keinen Shitstorm riskieren, bloß keine Schlagzeile provozieren. Kruse hat diese Logik einmal als „Regeln des totalen Stillstands“ verdichtet: Konflikte vertagen, Ambivalenzen nicht aussprechen, endlos prüfen, zusätzliche Gremien bilden, bis das System zwar ständig beschäftigt, aber faktisch blockiert ist.

In Politik und Verwaltung sehen wir genau diese Muster. Streitfragen werden in Arbeitskreise, Kommissionen und Runden Tische ausgelagert. Zuständigkeiten werden so verteilt, dass am Ende niemand mehr klar verantwortlich ist. Große Programme und Pakte erzeugen Bewegung auf dem Papier, ersetzen aber nicht die eine unbequeme Entscheidung, die wirklich etwas verändern würde.

So entsteht eine paradoxe Situation: Das System produziert permanent Modernisierungsrhetorik und perfektioniert gleichzeitig die Kunst, Verantwortung für die tatsächliche Umsetzung zu vermeiden.

Ein Lehrbuchfall der Verantwortungsdiffusion

Man muss nur auf die Prozesse von Staat und Verwaltung schauen. Seit Jahren wird die große Transformation proklamiert: digitale Verfahren, durchgängige Prozesse, Registermodernisierung, Entbürokratisierung. Gesetze werden beschlossen, Gipfel abgehalten, Strategiepapiere veröffentlicht. Und doch bleibt der Alltag vieler Bürger und Bürgerinnen: Formulare, Fax, Wartezeiten. Die Mechanik dahinter ist immer wieder dieselbe:

Erstens, der föderale Verschiebebahnhof. Der Bund verweist auf die Zuständigkeit der Länder und auf die Finanzverfassung, die Länder auf den Bund, die Kommunen auf die fehlenden Rahmenvorgaben oder Ressourcen. Alle haben ein bisschen recht und genau das macht es so bequem. Wo alle zuständig sind, ist am Ende niemand verantwortlich.

Zweitens, rechtliche Schutzbehauptungen. Datenschutz, EU‑Vorgaben, Haushaltsrecht oder Vergaberecht dienen als universale Bremser‑Narrative. Allzu häufig werden Spielräume nicht ernsthaft ausgelotet, weil der Verweis auf „geht leider nicht“ weniger riskant ist, als der Versuch, Möglichkeiten auszuloten und dafür politisch einzustehen.

Drittens, die Pilotitis. Überall entstehen Modellprojekte, Leuchttürme und Laborräume. Man erprobt, evaluiert, lernt und vermeidet so just die Entscheidung, erfolgreiche Muster wirklich zu verallgemeinern. Pilotprojekte sind bequem: Sie signalisieren Tatkraft, ohne dass jemand die Verantwortung für die Zumutung des Rollouts übernehmen muss.

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Besonders deutlich wird das, wenn Gesetze scheitern oder durch politische Kompromisse verwässert werden, ohne dass es jemand wirklich „gehört“ haben will, etwa bei zentralen Vorhaben der Verwaltungsdigitalisierung. Die Konflikte sind real: Es geht um Steuerungshoheit, um Ressourcen, um Macht. Aber sie werden nicht offen entschieden und verantwortet, sondern über Blockade ausgetragen. Verantwortung löst sich auf.

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