Aufbau der Deutschen Verwaltungscloud

Cloud-Transformation ist kein Stichtagsprojekt

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Sie haben gesagt, dass vor allem Infrastruktur-Services vom Markt eingekauft werden müssen. Inwiefern verändern sich damit die Geschäftsmodelle der öffentlichen IT-Dienstleister und wie sollte die Zusammenarbeit mit Cloudanbietern, besonders mit Hyperscalern, gestaltet werden?

Schallbruch: Bei den Modellen muss man differenzieren: Diejenigen unserer Mitglieder, die Betriebsleistungen anbieten, werden künftig voraussichtlich einige davon aufgeben und dafür Leistungen von souveränen Cloudanbietern zukaufen. Fachverfahrensanbieter dagegen stehen vor der Aufgabe, ihre Services auf Cloud-Bereitstellung umzustellen. Das ist mit Aufwand verbunden, vergleichbar mit einer Neuentwicklung. Dafür müssen sie also zunächst investieren. Im Dezember 2022 haben sich Bund und Länder in der Besprechung der Regierungschefs darauf verständigt, diese Cloud-Transformation auch finanziell zu unterstützen. Das begrüße ich sehr.

Zur Zusammenarbeit mit Anbietern vom Markt: Wir werden Angebote mehrerer Hyperscaler nutzen und ich gehe von einer längerfristigen Zusammenarbeit aus, die es ermöglicht, dass wir über lange Zeiträume die Cloudtransformation gemeinsam bewältigen können. Denn Fachverfahrensanbieter, die ihre Lösungen in den nächsten Jahren auf Cloud-Bereitstellung umstellen und dafür Mittel investieren, brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Wenn wir also wollen, dass sie ihre Lösungen in die Deutsche Verwaltungscloud einbringen, sollten wir mit diesen Anbietern mehrjährige Kooperationen eingehen. Transformation braucht stabile Rahmenbedingungen.

Wie wird dieser Transformationsprozess ablaufen, was erwarten Sie?

Schallbruch: Es ist ein längerer Prozess, kein Stichtagsprojekt. Das ist eine der ganz großen Herausforderungen für die Deutsche Verwaltungscloud. Sie wird nicht als zentrales Top-Down-Projekt „aufgebaut“. Tatsächlich ergibt sich das Wachsen und Gedeihen aus einer Fülle von Einzelentscheidungen auf allen Ebenen: Zu welchem Zeitpunkt eine Behörde oder Kommune welches Fachverfahren über die Cloud-Plattform bezieht, hängt von mehreren Faktoren ab, etwa von den finanziellen Ressourcen oder von Laufzeiten bestehender Verträge. Wir müssen also verschiedene Geschwindigkeiten ermöglichen.

Diese Entscheidungen, welche Leistungen am besten aus der Cloud zu beziehen sind, treffen Kommunen gemeinsam mit ihren IT-Dienstleistern. Kann die Genossenschaft dabei auch unterstützen oder beraten?

Schallbruch: Wir haben bei uns ein Projekt aufgesetzt: govdigital-Cloud, in dessen Rahmen wir gemeinsam mit den Dienstleistern ein Portfolio definieren, das für unsere Unternehmen und ihre Kunden passt. Dieses Portfolio werden wir dann bereitstellen. Aktuell besprechen wir gerade Leistungsumfang und Betriebsmodell. Konkret geht es beispielsweise darum, welche Cloudservices gebraucht werden, welche Infrastrukturen, Plattformdienste und Softwaredienste, ob eine gemeinsame Entwicklungsumgebung bereitgestellt werden soll.

Wie erfassen Sie die Bedarfe der Kommunen?

Schallbruch: Im Wesentlichen über unsere Mitglieder, die wissen, was ihre Kunden jeweils brauchen. Damit erfassen wir noch nicht den Bedarf aller Kommunen, auch wenn schon 75 Prozent aller Kommunen Kunden unserer Mitglieder sind. Zudem haben wir im MVP-Projekt über 200 Verantwortliche aus der gesamten Öffentlichen Verwaltung nach ihren Bedarfen befragt und gehen somit davon aus, dass wir ein ganz gutes Bild haben.

Hintergrund

Die Deutsche Verwaltungscloud-Strategie

Die Deutsche Verwaltungscloud-Strategie (DVS) ist eine Multi-Cloud-Strategie. Sie wurde entwickelt, um die digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung zu stärken. Die Strategie sieht vor, gemeinsame Standards und offene Schnittstellen für Cloud-Lösungen in der Öffentlichen Verwaltung zu schaffen, um die übergreifende Nutzung von Cloud-Services und Softwarelösungen sowie Wechsel zwischen den Anbietern zu ermöglichen und somit kritische Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern zu reduzieren. Das grundlegende Konzept dazu wurde im Oktober 2020 vom IT-Planungsrat beschlossen. In seiner 39. Sitzung am 10. November 2022 hat der IT-Planungsrat das Rahmenwerk zur Zielarchitektur der DVS verabschiedet, ebenso wie die Feinkonzeption der Koordinierungsstelle der Deutschen Verwaltungscloud. Mit der Entwicklung eines MVP (Minimum Viable Product), also einer ersten technischen Lösung, für diese Koordinierungsstelle hat das Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI) die govdigital eG beauftragt.

Über govdigital eG

govdigital ist eine bundesweite Genossenschaft der öffentlichen IT-Dienstleister. Die Organisation wurde im Dezember 2019 gegründet und hat derzeit 24 Mitglieder. Durch partnerschaftlichen Austausch von Kompetenzen und Know-how soll ein Mehrwert für die digitale Zukunft des öffentlichen Sektors geschaffen werden. Zu den aktuellen Projekten gehören außer der Entwicklung des MVP für die Koordinierungsstelle der Deutschen Verwaltungscloud auch Aufbau und Entwicklung des Marktplatzes für EfA-Leistungen, Entwicklung von Cybersicherheitslösungen und -services für die Öffentliche Verwaltung oder der Aufbau eines Kubernetes-Clusters.

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