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Gerade große öffentliche Einrichtungen müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, zu langsam und zu behäbig bei der Digitalisierung zu sein. Ist die DRV Bund da eine Ausnahme?
Flügge: Auch die DRV Bund ist in dem Sinne eine klassische Verwaltung, als dass sie hierarchisch aufgebaut ist. Es gibt viele organisatorische Einheiten, die eine hohe fachliche Spezialisierung haben. Die Zusammenarbeit mit anderen Rentenversicherungsträgern wird über Gremien gesteuert – Ausschüsse, Arbeitsgruppen, Fachgruppen. Wenn Sie ein querschnittliches Thema, wie die Digitalisierung bewegen wollen, gibt es natürlich Reibungsverluste. Im „Klein-Klein“ von Vorlagen, Aufträgen und Stellungnahmen kann es schon mal länger dauern und die Sicht auf das große Ganze verloren gehen.
Wir haben daher mit „Transformationslaboren“ ein neues Format der Zusammenarbeit eingeführt. In interdisziplinären Teams (Nutzer, Fachlichkeit, Recht, Technik, Design) arbeiten wir hier in kurzen Zyklen an Digitalthemen. Ein erstes Labor haben wir in Zusammenarbeit mit dem BMI für die Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit des Online-Rentenantrags gestartet. Bereits Anfang kommenden Jahres werden die ersten daraus resultierenden Verbesserungen live gehen.
Das Starten solcher Schnellboote birgt natürlich die Gefahr, dass Doppelstrukturen und eine Organisation der zwei Geschwindigkeiten entstehen. Elementarer Bestandteil der Transformationslabore ist daher eine Reflektion: Was hat besonders gut funktioniert und sollte in die Abläufe und Entscheidungsstrukturen der Bestandsorganisation übernommen werden? Damit wird das Schnellboot wieder ins Mutterschiff zurückgeholt und soll dieses selber nach vorne bringen.
Apropos Online-Rentenantrag. Welche Aufgaben kommen auf Sie und ihr Haus im Zuge der OZG-Umsetzung zu und wie werden diese Ziele in die Strategie eingebunden?
Flügge: Die OZG-Umsetzung ist ein Vorhaben, in das alle Rentenversicherungsträger eingebunden sind. Die DRV hat schon sehr früh ihre Leistungen in Form von Online-Diensten zugänglich gemacht und damit eine hervorragende Basis. Aktuell haben wir bereits 35 von 39 OZG-Leistungen umgesetzt.
Für mich als CDO der DRV Bund ist der Online-Kanal extrem wichtig: Je mehr Daten wir über Online-Dienste gleich digital ins Haus bekommen, desto weniger Probleme haben wir mit der Digitalisierung der „Holzpost“ und desto besser können wir Prozesse automatisieren und die Sachbearbeitung mit intelligenten Assistenzsystemen unterstützen.
Wir wollen diesen Kanal daher noch deutlich stärken und attraktiver machen, insbesondere was die Nutzerfreundlichkeit anbelangt. In der Digitalstrategie haben wir konkrete Ziele für die DRV Bund gesetzt was den Anteil der Reha- und Rentenanträge anbelangt, die elektronisch eingehen sollen. Auch haben wir uns im Zuge der Umsetzung des Once-Only-Prinzips das Ziel gesetzt, den Datenaustausch mit anderen Stellen auszubauen und proaktive Angebote zu schaffen, nach dem Motto „Sie haben Anspruch auf…“.
Neben der OZG-Umsetzung kommen auf Öffentliche Verwaltungen im Zuge der Digitalisierung noch viele weitere Großprojekte zu, wie zum Beispiel eine grenzübergreifende Zugangsmöglichkeit. Wie wollen Sie bei der DRV damit umgehen?
Flügge: Grenzübergreifende Dienste sind für die DRV kein Neuland. So kommt es nicht selten vor, dass jemand in mehreren EU-Staaten Rentenansprüche erworben hat. Seit einigen Monaten tauschen wir über das neue System „Electronic Exchange of Social Security Information“, kurz EESSI, Versicherungsdaten mit anderen europäischen Rentenversicherungsträgern digital aus. Damit werden Laufzeiten reduziert und Kosten gespart. Der Rentenantrag wird dann nur in dem Mitgliedstaat gestellt, in dem man lebt. Der dortige Träger leitet – über das EESSI-System – das Rentenverfahren in den anderen Mitgliedstaaten ein.
Für den grenzübergreifenden Zugang müssen wir auch in der Lage sein, ausländische elektronische Identitätsnachweise entsprechend eIDAS in unseren Online-Diensten zu akzeptieren. Die technische Integration dafür ist bereits abgeschlossen und derzeit werden umfangreiche Tests durchgeführt. Zur Barrierefreiheit: Die haben wir traditionell fest im Blick. Es gibt bei der DRV Bund in der IT-Abteilung ein Kompetenzteam, das sich ausschließlich um dieses Thema kümmert.
Wie sieht die DRV Bund in zehn Jahren aus, wenn Sie das schaffen, was Sie sich vorgenommen haben?
Flügge: Stellen Sie sich einfach einen paradiesischen Garten mit vielen glücklichen Menschen und Tieren vor. Nein, im Ernst: Ich glaube, dass wir mit den angestoßenen Aktivitäten auf einem guten Weg zu einer digital leistungsfähigen und innovativen öffentlichen Organisation sind. Wichtiger als das punktgenaue Erreichen einzelner Ziele ist dabei, dass wir ein gemeinsames Zukunftsbild haben, neue Arbeitsmethoden und -formate einüben und den Perspektivwechsel hin zu Nutzern und Nutzerinnen vollziehen. Der Rest kommt dann schon.
Sie haben nicht einmal die Worte Agilität oder KI verwendet? Ist das ein Bug oder ein Feature?
Flügge: Weder noch. Ich habe schon einige digitalpolitische Hypes und Trends erlebt und begegne diesen eher gelassen. Wir haben schon einige Themen identifiziert, bei denen uns maschinelles Lernen weiterhelfen könnte, insbesondere bei der Klassifizierung von Schriftstücken und bei der semantischen Analyse von Berichten und Gutachten. Wir versuchen jetzt aber nicht auf Teufel komm raus KI-Anwendungen zu bauen oder eine Blockchain umzusetzen, nur um damit Schlagzeilen zu machen oder einen Haken hinter gewisse Buzzwords zu setzen. Ähnlich ist es mit der Agilität. Agiles und nutzerzentriertes Handeln zieht sich quer durch die Digitalstrategie der DRV Bund – auch wenn es nicht immer explizit so benannt ist.
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