Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist in vollem Gange. Doch vielerorts bremsen technische Hürden und finanzielle Engpässe die Modernisierung. Im Gespräch mit eGovernment erklärt ein Landrat, wie er in Eigenregie allen Bürgerinnen und Bürgern die digitalen Teilhabe ermöglicht.
Landrat Götz-Friedbert Murkelmann mit Erna vor der Skyline von Grünow-Prankwitz.
(Bild: Landkreis Grünow-Prankwitz)
Während Bund, Länder und Kommunen seit Jahren um OZG-Umsetzungsquoten, Interoperabilitätsstandards und Once-Only-Prinzipien ringen, hat ein Landkreis in der brandenburgischen Uckermark die Verwaltungsdigitalisierung offenbar im Alleingang gelöst. Der Landkreis Grünow-Prankwitz erreicht nach eigenen Angaben eine OZG-Umsetzungsquote von 100 Prozent – und das bei jährlichen IT-Kosten von unter 800 Euro. Der Mann hinter dem Projekt ist der parteilose Landrat Götz-Friedbert Murkelmann.
„Die Bürger kommen nicht zum Portal – also kommt das Portal zu den Bürgern“
„Wir haben uns gefragt: Warum zwingen wir 74-jährige Landwirte, sich mit BundID und Zwei-Faktor-Authentifizierung herumzuschlagen, wenn die Technik auch zu ihnen kommen kann?“, sagt Murkelmann im Gespräch mit eGovernment. Die Antwort, auf die der gelernte Verwaltungsfachwirt und Hobby-Programmierer nach eigener Aussage „in einer schlaflosen Nacht zwischen zwei Staffeln Twin Peaks“ kam, ist so bestechend wie radikal.
Murkelmann hat in seiner Freizeit einen KI-Agenten entwickelt, den er schlicht „Renate“ nennt – benannt nach seiner pensionierten Vorgängerin im Amt – „die auch immer alles für alle erledigt hat“. Renate verbindet sich über offene Schnittstellen mit sämtlichen digitalen Fachverfahren, Serviceportalen und Registerauskünften der übergeordneten Behörden und Kommunen. Die KI nimmt digitale Verwaltungsakte entgegen, verarbeitet sie – und übersetzt sie vollautomatisiert zurück ins Analoge.
Konkret wird jeder Verwaltungsvorgang, der digital eingeht, von Renate in ein faxkompatibles Format konvertiert und über eines von drei Faxgeräten im Kreishaus an die zuständige Sachbearbeiterin oder den zuständigen Sachbearbeiter ausgespielt. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten weiter mit Papier, die Landesebene bekommt ihre digitalen Datensätze – alle sind glücklich“, erklärt Murkelmann.
Drei Faxgeräte und ein Traum
Die technische Infrastruktur des Projekts ist überschaubar. Neben einem handelsüblichen Laptop, auf dem Renate läuft, bilden drei gebrauchte Faxgeräte der Marke Sister – „Baujahr 2003, absolute Arbeitstiere“ – das Rückgrat der Lösung. Eines für den Eingang, eines für den Ausgang, eines als Backup. „Redundanz ist im IT-Betrieb das A und O“, betont Murkelmann.
Die Kosten hielten sich im Rahmen. Die Faxgeräte stammen aus einer Auflösungsauktion des Finanzamts Prenzlau. „38 Euro für alle drei, inklusive Tonerkartuschen. Das schlägt jedes Vergabeverfahren für Cloud-Dienste.“ Hinzu kommen monatliche Telefongebühren für die Faxleitung und ein handelsüblicher Internetanschluss. „Wir reden über Gesamtkosten von 780 Euro im Jahr. Da gibt die FITKO mehr für Kaffee aus.“
DSGVO-konforme Datensicherung: Die Disketten-Lösung
Besonders stolz ist Murkelmann auf das Datensicherungskonzept, das er gemeinsam mit dem Kreisdatenschutzbeauftragten entwickelt hat. Sämtliche personenbezogenen Daten, die Renate verarbeitet, werden auf 3,5-Zoll-Disketten gesichert – handelsübliche HD-Disketten mit sage und schreibe 1,44 Millionen Byte Speicherkapazität.
„Die Vorteile liegen auf der Hand“, erklärt Murkelmann. „Eine Diskette ist physisch isoliert, nicht aus der Ferne angreifbar und passt in jeden Tresor. Kein Ransomware-Angriff der Welt kann eine Diskette verschlüsseln, die in einem feuerfesten Stahlschrank im Keller des Kreishauses liegt.“
Tatsächlich bestätigte der zuständige Landesdatenschutzbeauftragte auf Anfrage von eGovernment, dass gegen die physische Speicherung auf Wechseldatenträgern grundsätzlich keine Einwände bestünden – „sofern die organisatorischen Maßnahmen nach Artikel 32 DSGVO eingehalten werden“. Murkelmann nimmt das als Ritterschlag: „Wir sind die einzige Kommune in Deutschland, deren Backup-Strategie nachweislich DSGVO-konform, offline-fähig und zu 100 Prozent souverän ist. Kein US-Hyperscaler, keine Cloud. Nur deutsche Wertarbeit von Verbatim.“
Brieftaube Erna sichert die letzte Meile
Für die Auslieferung der Sicherungsdisketten an externe Standorte – etwa das Ausweichrechenzentrum im Keller der Freiwilligen Feuerwehr Grünow – setzt Murkelmann auf einen besonders nachhaltigen Transportweg: Brieftaube Erna.
Die dreijährige Taube aus der Zucht des örtlichen Brieftaubenvereins „Luftpost Uckermark 1923 e.V.“ transportiert die Disketten in einem speziell angefertigten Brustgeschirr mit Klettverschluss über die 4,2 Kilometer zwischen Kreishaus und Feuerwehr. „Erna schafft die Strecke in acht Minuten. Das ist schneller als unser WLAN an manchen Tagen“, sagt Murkelmann.
Stand: 08.12.2025
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Der ökologische Fußabdruck des Transports sei „praktisch null“, die Betriebskosten beschränkten sich auf artgerechtes Bio-Taubenfutter und eine jährliche Untersuchung beim Tierarzt. Für den Fall, dass Erna einmal verhindert sei, stehe mit Ersatztaube „Jürgen XVI.“ ein Backup bereit. „Auch hier: Redundanz“, betont Murkelmann.
Föderale Resonanz: Zwischen Kopfschütteln und Studienreise
Die Resonanz auf das Projekt fällt gemischt aus. Brandenburgs Digitalstaatssekretär Ernst Bürger habe sich nach einer Präsentation im Kreistag „ungewöhnlich lange die Schläfen gerieben“, berichtet Murkelmann. Gleichzeitig hätten sich drei weitere Landkreise aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt für Studienreisen nach Grünow-Prankwitz angemeldet. „Die haben ähnliche Probleme: kein Breitband, kein Budget, keine Fachkräfte. Aber Faxgeräte hat jeder.“
Für das zweite Halbjahr 2026 plant er bereits die nächste Ausbaustufe: eine bidirektionale Schnittstelle, über die Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen per Anruf auf Band sprechen können. Renate soll die Sprachnachrichten transkribieren, in die passenden Fachverfahren einspeisen und das Ergebnis – natürlich – per Fax zurücksenden.
„Manche sagen, ich drehe die Digitalisierung zurück“, sagt Götz-Friedbert Murkelmann und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück. „Ich sage: Ich drehe sie dahin, wo sie hingehört – zu den Menschen.“