Innovationssystem Deutschland: eine acatech-Studie Wie die öffentliche Verwaltung effizienter werden kann

Von Nicola Hauptmann 4 min Lesedauer

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Eine ineffiziente öffentliche Verwaltung enttäuscht nicht nur Bürgerinnen und Bürger, sondern behindert auch die Umsetzung von Innovationen. In einer aktuellen Studie untersucht die acatech den Status quo und stellt zahlreiche Handlungsoptionen vor.

„Unsere Studie legt nahe, durch technische Modernisierung, agilere Strukturen und kluge Personalentwicklung die Effizienz der Verwaltung zu steigern. Unabhängig davon wünsche ich mir, dass Regelwerke auf Diät gesetzt, also vereinfacht und reduziert werden.“ (acatech Präsident Jan Wörner)(© Dzianis Vasilyeu – stock.adobe.com)
„Unsere Studie legt nahe, durch technische Modernisierung, agilere Strukturen und kluge Personalentwicklung die Effizienz der Verwaltung zu steigern. Unabhängig davon wünsche ich mir, dass Regelwerke auf Diät gesetzt, also vereinfacht und reduziert werden.“ (acatech Präsident Jan Wörner)
(© Dzianis Vasilyeu – stock.adobe.com)

Die Leistungen der öffentlichen Verwaltung werden oft danach bewertet, wie einfach und nutzerfreundlich sie für Bürgerinnen und Bürger sind. Die Studie der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften „Effizienz und Agilität der öffentlichen Verwaltung erhöhen“ wählt einen anderen Blickwinkel und untersucht, wie die öffentliche Verwaltung innovationsfreundlicher werden kann.

Davon ausgehend, dass Innovationen der Schlüssel zur nachhaltigen Festigung und zum Ausbau unseres Wohlstands sind, werden Zustand und Leistung der öffentlichen Verwaltung im Hinblick auf Innovationsfreundlichkeit bewertet und Handlungsoptionen ausgesprochen. Es mangele in Deutschland nicht an Ideen, doch gelinge die Umsetzung häufig nicht – oder nur zu langsam. Zum einen seien die öffentliche Verwaltung mit ihrer Ausrichtung auf Beständigkeit und Gesetzlichkeit und die dynamischen, unvorhersehbaren, oft auch disruptiven Innovationsprozesse von „nahezu gegensätzlicher Natur“. Das eigentliche Hemmnis aber wird in der ständig wachsenden Anzahl von Auflagen und Berichtspflichten gesehen, die innerhalb der Verwaltungen ineffizient umgesetzt werden.

Die Autor:innen der Studie beschreiben den Status quo, aber auch Handlungsoptionen, untergliedert in die drei Teilbereiche: Beschäftigte, Strukturen und Technologien, wobei die einzelnen Bereiche aufgrund der Wechselwirkungen nicht isoliert voneinander reformiert werden können.

Über die Studie

Die Studie „Effizienz und Agilität der öffentlichen Verwaltung erhöhen“ ist Bestandteil eines mehrjährigen Projekts. Im Rahmen dieses Projekts untersucht die acatech – Deutsche Akademie­ der Technikwissenschaften die Herausforderungen des deutschen Innovationssystems unter jährlich wechselnden Schwerpunktthemen. Diese Diskussionen sollen dazu beitragen, „dass das Innovationssystem seine Rolle als nachhaltiger Innovations- und Wohlstandsmotor bestmöglich erfüllen kann.“

Methodik

Die Studie basiert zum einen auf der Beschreibung und Analyse­ des aktuellen Standes auf Basis verfügbarer Befragungen und Daten. Die zweite Quelle sind qualitative Interviews mit über 50 Stakeholdern des deutschen Innovationssystems. Darauf aufbauend präsentieren die Verfasser Handlungsoptionen, die in den Interviews erörtert wurden.

Autorinnen und Autoren der Studie:

  • Dr. Gerhard Kussel, acatech Geschäftsstelle
  • Sandra Pavleka, acatech Geschäftsstelle
  • Prof. Dr. Dr. h. c. Christoph M. Schmidt, RWI – Leibniz-Institut­ für Wirtschaftsforschung e. V./acatech

Kompetenzen aufbauen

Der demografische Wandel und der drohende Fachkräftemangel sind bekannte Fakten; die Studie geht von einem Personalbedarf im öffentlichen Dienst von mehr als 550.000 Stellen aus, legt den Fokus aber nicht auf die Quantität. Denn vor allem fehle es an Transformations- und Digitalisierungskompetenz. Der demografische Wandel wird daher auch als Chance gesehen, diese Kompetenzen in die Verwaltung zu holen, dazu müsse aber der Kompetenzbedarf erst einmal erfasst werden, um dann Lücken schließen zu können.

Als wirksame Maßnahmen für Weiterbildung und Kompetenzaufbau werden Fellowship-Programme, wie etwa Work4Germany der DigitalService GmbH des Bundes, Lernplattformen, aber auch Austausch und Kollaboration über Netzwerke und Podcasts genannt. Um Fachkräfte von extern zu gewinnen, sollten sowohl prosoziale als auch monetäre Anreize gesetzt werden. Auch die Entwicklung und Befähigung der Führungskräfte ist demnach entscheidend, Führungspositionen sollten nicht einseitig mit Juristinnen und Juristen besetzt, sondern auch für externe Bewerbungen geöffnet werden.

Wie stark die einzelnen Teilbereiche miteinander verflochten sind, zeigt sich an den Vorschlägen zur Umgestaltung der Strukturen. Maßnahmen wie die Einführung einer Fehlerkultur, Schaffung von Freiräumen für innovative Ideen oder der Einsatz agiler Lotsen für die öffentliche Verwaltung betreffen auch unmittelbar die Arbeit und Qualifikation der Beschäftigten.

Statische Strukturen aufbrechen, Digitalisierung vorantreiben

Weitere Vorschläge betreffen die Neugestaltung der föderalen Zusammenarbeit. So sollten zum Beispiel Kommunen bei der Regulierung frühzeitig einbezogen sowie die Auswirkungen von Gesetzgebung auf Handhabung, Prozesse und Finanzen geprüft werden.

Ausführlich diskutiert wird die Verwaltungsdigitalisierung, die „als zentrales Modernisierungsvorhaben auf allen Verwaltungsebenen“ einen gesamtstaatlichen Ansatz erfordere. Entscheidungsbefugnis und Handlungsfähigkeit des IT-Planungsrats werden als noch nicht ausreichend erachtet für eine effektive Arbeit, die Verfasser plädieren für mehr Entscheidungskompetenz und „politische Durchgriffsmacht“ des IT-Planungsrats. Auch dessen Gremienstruktur sei zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen. Die FITKO solle ausgebaut werden: „Ziel sollte, wie auch vom Normenkontrollrat empfohlen, die Schaffung einer leistungsfähigen Digitalisierungsagentur sein, die sowohl die FITKO als auch die Koordinierungsstelle für IT-Standards (KoSIT) umfasst.“ Zum Vergleich wird die Agency for Digital Government in Dänemark mit 400 Beschäftigten genannt. Zudem sollten Digitalisierungsstrategien in allen Verwaltungsebenen etabliert, Digitalisierungsbeauftragte (CDO) auch in den Kommunen eingesetzt und die interkommunale Zusammenarbeit gestärkt werden.

Eng verknüpft mit dem Thema Verwaltungsdigitalisierung ist der Bereich Technologien. Die in der Studie zusammengetragenen Initiativen, Ansätze und Best Practices sind insgesamt umfangreich und lesenswert, für das Kapitel „Technologien“ gilt das besonders.

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Die Autoren sehen die größte Herausforderung bei der Ende-zu-Ende-Digitalisierung in der sehr heterogenen IT-Struktur der öffentlichen Verwaltung, entsprechend wichtig sei die Definition einheitlicher Standards und Schnittstellen. Wo immer möglich, sollen Cloudlösungen eingesetzt und bei Entwicklungen im staatlichen Auftrag Open-Source-Produkte genutzt werden.

Innovationen beschaffen

Schließlich widmet sich die Studie zum Innovationssystem einem ganz zentralen Punkt: der Rolle der öffentlichen Beschaffung in diesem System. „Verwaltungsleitungen könnten die strategische Beschaffung als Innovationsmotor für die Verwaltung und Impulsgeber für das Innovationssystem etablieren“, heißt es. Strategische Beschaffung und digitale Verwaltungsprozesse seien auch die Voraussetzungen, um innovative, meist KI-basierte GovTech-Lösungen nutzen zu können. Empfohlen werden interkommunale Zusammenarbeit, aber auch Venture-Client-Einheiten, wie in Hamburg mit GovTecHH bereits umgesetzt.

Die Studie lege nahe, durch technische Modernisierung, agilere Strukturen und kluge Personalentwicklung die Effizienz der Verwaltung zu steigern, fasste acatech-Präsident Jan Wörner zusammen: „Unabhängig davon wünsche ich mir, dass Regelwerke auf Diät gesetzt, also vereinfacht und reduziert werden.“

Die in der Studie aufgeführten Handlungsoptionen sind umfangreich und in vielen Fällen auch durch Best Practices belegt. Sie sind aber nicht als „apodiktische Handlungsempfehlungen“ zu verstehen. Mit der Studie wollen die Autor:innen vielmehr eine Grundlage schaffen für einen informierten gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Diskurs.

Die acatech-Studie „Innovationssystem Deutschland. Effizienz und Agilität der ­öffentlichen Verwaltung erhöhen“ finden Sie hier.

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