2024 wurde Ingolstadt vom damaligen Bundesministerium für Digitales und Verkehr als Vorreiter für die internetbasierte Fahrzeugzulassung (i-Kfz) gelobt. Damit können viele Dienstleistungen der Kfz-Zulassungsbehörden online durchgeführt werden.
Kuch: Ja, stimmt. I-Kfz ist ein überregionales Angebot und war hier besonders beliebt. Mit 21 Prozent der Anmeldevorgänge, die bereits digital abgewickelt werden, liegt Ingolstadt bundesweit vorne – wobei das an einem großen Automobilhersteller liegen soll, der hier viele Autos zulässt. Wären wir nicht „Audi-Stadt“, wären es vielleicht nicht ganz so viele. Unser früherer Amtsleiter in der Zulassungsstelle hatte auch sehr gute Kontakte zur Audi. Nichtsdestotrotz: Unter den Großstädten wie München, Stuttgart und Wolfsburg sind wir führend. Für das i-KFZ waren wir zudem Pilotanwender. Gemeinsam mit der Audi sind wir bereits seit 2013 im Rahmen eines Pilotprojekts an der Entstehung der Online-Dienstleistung beteiligt. Apropos Pilotanwender: 2014 war Ingolstadt bereits beim Bürgerservice-Portal Pilotstadt. Das bundesweit einheitliche Unternehmenskonto wurde von der AKDB (Anstalt für kommunale Datenverarbeitung in Bayern) entwickelt und ist nun bayern- bzw. deutschlandweit in verschiedenen Kommunen im Einsatz. Daran sieht man auch, dass in Ingolstadt schon sehr früh die Erkenntnis und die Bereitschaft da waren, in digitale Themen zu investieren. Während meiner vorherigen Tätigkeit im Landratsamt Fürth habe ich das bereits angestoßen, tatsächlich eingeführt wurde es jedoch erst später. Das Bürgerservice-Portal war allerdings auch ein Thema, das wir gegenüber dem Freistaat und bei den Spitzenverbänden immer wieder angesprochen hatten.
Das Bürgerservice-Portal ist ein klarer Mehrwert. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es Menschen gibt, die digitale Angebote nicht nutzen können oder wollen.
Es gibt immer noch viele Bürgerinnen und Bürger, die gerne persönlich ins Rathaus kommen – und das ist keine Altersfrage. Für die wenigen Angelegenheiten, die im Jahr anfallen, geht man doch gerne ins Rathaus, weil man dort persönlich mit anderen Menschen spricht. Deshalb werden auch weiterhin persönliche Termine in der Verwaltung angeboten. Digitalisierung soll ergänzen, nicht ersetzen.
Für Unternehmen ist es jedoch ein entscheidender Standortfaktor, ob sie für jeden Antrag oder jede Bescheinigung jemanden persönlich ins Rathaus schicken oder ob sie dies bequem von überall aus erledigen können. Deshalb hatten wir im vergangenen Jahr das deutschlandweite Unternehmenskonto bei uns implementiert und binden es nun auch an unsere Fachanwendungen an. Eine Firma, die beispielsweise ihren Hauptsitz in Flensburg hat und bei uns lediglich eine Zweigstelle betreibt, kann bestimmte Aufgaben von Flensburg aus anstoßen und erledigen – zum Beispiel mit einem einheitlichen Konto und den gleichen Zugangsdaten. Egal, ob sie etwas für den Hauptsitz in Flensburg oder für die Zweigstelle bei uns erledigt, es bleibt immer dasselbe Portal und dasselbe Unternehmenskonto. Das große Potenzial besteht darin, dass die Stadt insbesondere für Unternehmen attraktiv wird. Und gerade in diesen schwierigen Zeiten, die wir jetzt auch in der Region wirtschaftlich erleben, ist das hoffentlich ein Standortfaktor. Unser neuer Oberbürgermeister hat angekündigt, große Weltunternehmen ansiedeln zu wollen – da würde sich das anbieten.
Sehen Sie in Ingolstadt besonders großes Potenzial für die Digitalisierung? Und wie schätzen Sie die konkreten Chancen dafür am Standort ein?
Kuch: Ich würde das nicht speziell auf Ingolstadt beziehen, sondern eher sagen, dass es deutschlandweit in allen Städten noch großes Potenzial für die Digitalisierung gibt. Ich würde mir wünschen, dass von staatlicher Seite noch mehr standardisierte Angebote bereitgestellt werden.
Seit fünf Jahren sind Sie nun in der Stadtverwaltung in Ingolstadt tätig. Wie sehen Sie Ihre Rolle im Stadtrat und was ist Ihr Hauptanspruch?
Kuch: Im Bereich der Organisationsentwicklung und IT gab es schon vor unserem ehemaligen Oberbürgermeister Dr. Christian Scharpf einen Grundsatzbeschluss zur Digitalisierung. Das war eigentlich schon eine gute Basis in Bezug auf die Zielsetzungen. In vielerlei Hinsicht waren aber noch die Strukturen und die Umsetzung ausbaufähig. Ganz entscheidend für Digitalisierung sind die Prozesse. Ich muss wissen, wie die aktuellen Prozesse umzusetzen sind und wie diese zukünftig aussehen sollen. Dafür braucht es aber erst mal eine Prozessaufnahme, also das Bewusstmachen und Kennenlernen von Prozessen. Dann braucht es ein Prozessmanagement – das war ein Thema, mit dessen Aufbau ich unmittelbar nach meinem Start im Stadtrat 2020 begonnen habe. Wir arbeiten weiterhin am Ausbau des Online-Angebots. Ein Bereich, in dem wir allerdings noch an Tempo und inhaltlicher Tiefe zulegen müssen, betrifft die Umsetzung von End-to-End-Prozessen – von der digitalen Antragstellung über die Bearbeitung, die Anbindung an Fachverfahren bis hin zum Rückkanal zum Bürger. Dabei geht es auch um die Schaffung von Strukturen und das Fördern des Bewusstseins. Dies war auch ein wesentlicher Teil meiner Arbeit in den ersten fünf Jahren. Außerdem muss die IT angepasst werden; aktuell sind wir kurz vor der Fertigstellung. Die Technik in vielen Firmen sowie im öffentlichen Bereich stammen im Kern noch aus den Anfängen der 1980er-Jahre, als die ersten Computer und Fachverfahren eingeführt wurden. Skalierbarkeit, Interoperabilität oder durchgängige Systemarchitektur spielten damals keine Rolle – heute sind sie Grundvoraussetzung. Wir sind jetzt auch fast fertig, die Organisationsstruktur so aufzubauen, dass wir uns mit Themen wie KI-Einsatz und Datenmanagement befassen können. Die technische Ausrichtung ist mittlerweile so aufgestellt, dass sich diese Ziele mit vertretbarem personellem Aufwand realisieren lassen. Aber es geht um mehr als neue Technik – es geht um neue Verwaltungslogik. Es braucht nun einheitliche Standards für KI und für Datenmanagement. Wenn ich für jede Fachanwendung in einem Amt – im Tiefbauamt, im Bürgeramt, etc. – immer wieder andere Standards hätte, dann würde sich unser technischer Bereich so verzetteln, dass wir es nicht umsetzen könnten. Auch im IT-Bereich gibt es selbstverständlich den Fachkräftemangel. Das vorhandene Personal muss also alles Wichtige abdecken können. Das geht nur über Standardisierung und Skalierbarkeit. Das waren meine Hauptthemen in den ersten Jahren – mal abgesehen von der notwendigen Stellenplankonsolidierung, wobei auch das sehr eng zusammenhängt: In dem Augenblick, wo ich Stellen aus wirtschaftlichen Gründen abbauen und gleichzeitig den Bürgerservice aufrechterhalten oder weiter ausbauen muss, geht das nur noch, indem ich verstärkt digitalisiere. Die Digitalisierung bestimmter Aufgaben vereinfacht entweder die Arbeit der handelnden Personen oder übernimmt diese vollständig, zum Beispiel durch die Automatisierung mit künstlicher Intelligenz. Deshalb sind Personal, Organisation und IT stark miteinander verbunden.
Digitalisierung ist schließlich keine kurzfristige Initiative, sondern eine strukturelle Daueraufgabe – oder wie sehen Sie das?
Kuch: Genau, da bin ich einfach überzeugt.
Beim Fußball kannst du auch die tollste Strategie haben, planen und super Spieler auf das Feld schicken. Aber dort gibt es den Spruch: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ – und das gilt auch für uns.
Digitalisierung bedeutet ein Umdenken in der Verwaltungslogik. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Zusammenspiel von IT, Organisation und Personal – sowie in einem realistischen und kontinuierlichen Umsetzungswillen.
Außerdem bringt das für die Kommunen nicht nur Effizienzgewinne, sondern auch insgesamt eine finanzielle Entlastung mit sich, oder?
Kuch: Natürlich. Wenn ich auf der einen Seite sehe, dass die Aufgaben zunehmen und wir auf der anderen Seite weiterhin einen guten Bürgerservice bieten wollen – und das mit weniger Personal –, dann führt an der Digitalisierung kein Weg vorbei. Ich kann entweder die Prozesse digitalisieren oder die Qualität nimmt ab.
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