Open Source im Public Sector Schnittstelle zwischen Staat und Community

Von Susanne Ehneß

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Die Nutzung quelloffener Software wird im Koalitionsvertrag explizit eingefordert. Das Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) hat die Bedingungen für ein nachhaltiges Open-Source-Ökosystem für die Öffentliche Verwaltung ausgewertet und einen praktischen Vorschlag skizziert.

Der Goldstandard bei Open-Source-Projekten: Anwendungen gemeinsam entwickeln und untereinander austauschen
Der Goldstandard bei Open-Source-Projekten: Anwendungen gemeinsam entwickeln und untereinander austauschen
(© bakhtiarzein - stock.adobe.com)

„Für öffentliche IT-Projekte schrei­ben wir offene Standards fest. Entwicklungsaufträge werden in der Regel als Open Source beauftragt, die entsprechende Software wird grundsätzlich öffentlich gemacht“, heißt es im Koalitionsvertrag 2021. Der Weg geht also klar von proprietären hin zu offenen Lösungen – auch im Public Sector. Das Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) hat sich angesehen, wie ein nachhaltiges Ökosystem zwischen Open-Source-Software, staatlicher Finanzierung und Einflussnahme sowie Akteuren aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft aussehen kann und hat einen Vorschlag zusammengestellt, wie etablierte Open-Source-Strukturen mit der Öffentlichen Verwaltung verknüpft werden können.

Das Ergebnis ist ein komplexes Netzwerk aus Rollen und deren Beziehungen zueinander, genannt „FOSSGov-Ökosystem“, wobei FOSS für „Freie und Open-Source-­Software“ steht.

Hintergrund

Die Debatte um den Einsatz quell­offener Software in der Öffentlichen Verwaltung ist nicht neu, hat aber durch das politische Bekenntnis im Koalitionsvertrag nochmal Fahrt aufgenommen. Die Pro- und Kontra-Argumente sind bekannt: Auf der einen Seite macht freie, anpassbare Software unabhängiger von einzelnen Herstellern und fördert damit die digitale Souveränität, auf der anderen Seite ist die Migration auf quelloffene Systeme komplex und für Fachanwendungen nicht immer umsetzbar.

Wären Verwaltungen bei der Open-Source-Nutzung also dauerhaft auf externe Software-Entwickler angewiesen? Und ist absehbar, wie teuer eine Migration auf Open Source letztlich wird – wenn sie denn überhaupt klappt? Das Dauerthema um die Linux-Einführung in der Münchener Verwaltung dürfte den meisten IT-Verantwortlichen noch gut in Erinnerung sein.

Anforderungen

Die FOSSGov-Skizze des ÖFIT will diese Unsicherheiten nehmen, ­bietet aber keine fertige Lösung. „Erfolgreich ist sie, wenn sie zu Folgefragen, begründetem Widerspruch und besseren Alternativvorschlägen anregt“, heißt es im Papier.

Der Entwicklung des Rollenmodells lagen laut ÖFIT sechs Prinzipien zugrunde:

  • Der Staat muss in der Interaktion mit FOSS von einer Käufer- zu einer Gärtnermentalität finden – eine Einstellung, bei der langfristiges Handeln und Investieren ein Ökosystem gedeihen lassen.
  • Die Verwaltung muss sich intern koordinieren und ihre Bedarfe und Interessen bündeln, damit die FOSS-Community nicht überfordert wird.
  • Staatliche Finanzierung von FOSS-Projekten darf nicht zu ­einem staatlichen Kontroll­anspruch führen.
  • Es braucht Mittler zwischen Verwaltung und FOSS-Community, die beide Sprachen sprechen.
  • Die Vorteile der dezentralen Organisation von FOSS-Projekten gilt es zu wahren und zu nutzen.
  • Forks, also vom ursprünglichen FOSS-Projekt losgelöste Weiterentwicklungen, sind zu vermeiden.

Zudem gab es zehn Anforderungen an das Modell. Demnach muss ein solches Open-Source-Ökosystem plausibel zeigen, wie

  • Entwicklung und Pflege der FOSS-Projekte finanziert werden,
  • der Staat seine Interessen in die FOSS-Projekte einbringen kann,
  • die FOSS-Projekte selbst ausreichend staatsfern bleiben,
  • ehrenamtliches Engagement in den FOSS-Projekten gewahrt bleibt,
  • neue FOSS-Projekte für spezifische staatliche Bedarfe entstehen,
  • Wissensmanagement zu FOSS in der Verwaltung stattfindet,
  • staatliche Entwicklungsbedarfe zu FOSS-Projekten gebündelt werden,
  • der Einsatz von FOSS in der Verwaltung die regionale IT-Wirtschaft fördert,
  • FOSS zertifiziert wird, beispielsweise, um IT-Sicherheitsanforderungen zu erfüllen,
  • Raum für die vielen Varianten von FOSS-Projekten, Dienstleistenden und staatlichen Akteuren entsteht.

Praxisbeispiele

Im ÖFIT-Papier „Ein Open-Source-Ökosystem für die öffentliche Verwaltung“ geben die Autoren ­Basanta E. P. Thapa, Christian Weidner und Dorian Grosch einige Praxisbeispiele, um das Modell mit Leben zu füllen. Zwei Anwendungsmöglichkeiten werden hier verkürzt dargestellt:

Beispiel 1: Eine Behörde möchte eine Tätigkeit digitalisieren, die sie bisher analog durchgeführt hat. Andere Ämter in Deutschland nutzen bereits eine geeignete FOSS-Lösung.

Laut FOSS-Ökosystem und den darin zugeschriebenen Rollen meldet die Behörde ihren Bedarf an ihren öffentlichen IT-Dienstleister, der daraufhin das FOSSGov-Verzeichnis auf bereits genutzte Lösungen sichtet und fündig wird. Der Dienstleister installiert daraufhin die Software bei der Behörde oder beauftragt dafür einen mit der Codebase vertrauten Service-Dienstleister.

Beispiel 2: Eine Behörde möchte eine Tätigkeit digitalisieren, doch es gibt dafür keine passende FOSS-Codebase.

Wie in Beispiel 1, meldet die Behörde den IT-Bedarf an ihren öffentlichen IT-Dienstleister, der in diesem Fall im FOSSGov-Verzeichnis keine entsprechende Lösung findet. Der Dienstleister reicht den Bedarf als „Challenge“ beim sogenannten FOSSGov-Inkubator ein. Ein Gründerteam entwickelt daraufhin eine neue Codebase, die den Bedarf der Behörde deckt. Als Codebase-Maintainerin fungiert zunächst die öffentliche Code-Treuhand. Das Gründerteam gründet sich als Unternehmen aus und agiert sowohl als Entwickler als auch als Service-Dienstleister für die Codebase. Der öffentliche IT-Dienstleister beabsichtigt, die neue Codebase zu betreiben und beginnt mit etwaigen Zertifizierungen sowie der Aufnahme der Codebase ins FOSSGov-Verzeichnis.

Fazit

„Die Skizze zeichnet (...) das Bild des Staates als zurückhaltenden Gemeinschaftsgärtner, der seinen Beitrag zu großen, wohlgedeihenden Projekten leistet, aber auch gezielt neue Codebases heranzüchtet“, heißt es im ÖFIT-Papier. „Dabei ist das Ziel nicht Kontrolle, sondern möglichst viele Mitstreitende für die Pflege und Weiterentwicklung zu gewinnen. Der Staat setzt dabei auf eine Vielfalt an Dienstleistern und Mitwirkenden aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft, um einen lebendigen Markt zu schaffen.“

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Die Autoren räumen zwar ein, dass das Modell an einigen Stellen stark vereinfache, zeigen aber, dass der Staat eine funktionierende Schnittstelle zur Open-Source-Community schaffen kann. „Die FOSSGov-Skizze soll als ein konkreter Vorschlag die Grundlage für weiterführende Diskussionen bilden“, heißt es abschließend.

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