Cyber Innovation Hub Innovationen für die Bundeswehr

Das Gespräch führte Susanne Ehneß 7 min Lesedauer

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Sven Weizenegger, Leiter des Cyber Innovation Hubs der Bundeswehr, und Philipp Petrescu, CEO von MVP Factory, erläutern im Interview, was den Cyber Innovation Hub zur erfolgreichsten Innovationseinheit der Bundesregierung macht.

Sven Weizenegger, Leiter des Cyber Innovation Hubs der Bundeswehr.(©  CIHBw)
Sven Weizenegger, Leiter des Cyber Innovation Hubs der Bundeswehr.
(© CIHBw)

Welche digitalen Entwicklungen des Cyber Innovation Hubs setzt die Bundeswehr derzeit ein?

Weizenegger: Seit unserer Gründung 2017 haben wir mehr als 170 Innovationsvorhaben gestartet. Der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) hat gemeinsam mit Soldatinnen und Soldaten der Infanterie ein sogenanntes Duell-Simulations-System entwickelt. Dabei handelt es sich um einen­ LED-Lichtteppich, der eine schnelle und flexible Versorgung Verwundeter bei Dunkelheit ermöglicht. 2.000 faLKE-Exemplare­ hat das Verteidigungsministerium­ der Ukraine für seine Streitkräfte bei der Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg bestellt, die die Bundesregierung im Rahmen ihrer Unterstützung geliefert hat. Weitere Innovationsvorhaben werden übergangsweise als Prototypen von den Streitkräften genutzt, unter anderem vom Vorauskommando der Brigade Litauen.
Außerdem sind sieben Innovationsvorhaben in laufende Beschaffungsprojekte der Bundeswehr ­eingeflossen; entweder, indem konkrete Erkenntnisse eines Innovationsvorhabens nachweislich für ein laufendes Beschaffungsprojekt genutzt wurden oder zum Abbruch einer Beschaffung geführt haben. Mit dieser Quote sind wir die erfolgreichste Innovationseinheit der Bundesregierung.

Unser derzeitiger Innovationsfokus liegt auf den Themen ‚Software Defined Defence‘ und Drohne.

Sven Weizenegger

Eines der vielen Projekte ist die Logistik-Lösung Yarded. Was verbirgt sich dahinter?

Petrescu: Im Ernstfall eines möglichen Kampfeinsatzes müssen Soldatinnen und Soldaten und Materialien wie beispielsweise Panzer schnell und effektiv zusammengestellt werden, um innerhalb von 48 Stunden einsatzbereit zu sein. Diese Organisation wurde in der Vergangenheit mit Stift und Papier erfasst – ein zeitraubendes und ­ineffektives Geschäft, das längst digital organisiert werden sollte. Und hier kommt „Yarded“ ins Spiel. Die Logistik-Lösung entstand aus einer Innovation Challenge des CIHBw, die wir gemeinsam mit der Logistiktruppe der Bundeswehr durchgeführt haben. Dabei haben wir gemeinsam zur Einreichung von Ideen aufgerufen. Dem Aufruf sind am Ende 86 Soldatinnen und Soldaten gefolgt.
Wir haben die Ideen dann durch einen Coaching- und Prototyping-Prozess geschleust, wobei wir mit einem Expertenteam acht individuelle Teams über mehrere Wochen von einer ersten Idee über Minimal Viable Products (MVPs) bis zum fertigen Prototyp in mehreren Feedback- und Iterationsschleifen begleitet haben. Yarded hat sich im Anschluss mehrfach im Praxistest bewährt und hat zudem den ersten Platz bei der NATO Innovation Challenge 2023 gewonnen. Yarded automatisiert heute logistische Prozesse, eliminiert ­manuelle Aufgaben und bietet einen nahtlosen digitalen Überblick.

Welche Digitalprojekte sind derzeit in Planung?

Weizenegger: Unser derzeitiger Innovationsfokus liegt auf den Themen „Software Defined Defence“ und Drohne. Die Innovationszyklen im Software-Bereich werden immer kürzer, die Menge der zu verarbeitenden Daten steigt exponentiell, ebenso die Anforderungen an die Rechenkapazitäten. Das Disruptionspotenzial von Software und Künstlicher Intelligenz sehen wir als Cyber Innovation Hub als Herausforderung und Chance zugleich. Mit unserem Innovationsvorhaben „Image Aware“ setzen wir KI zur Aufklärung von Desinformationskampagnen ein. Mittels KI können Bild- und Videodaten automatisch erfasst und ausgewertet werden. Dafür greift das Programm auf öffentlich zugängliche Daten aus der Social-Media- und Messenger-Kommunikation zurück.
Außerdem ist die KI in der Lage, Fotos, Memes und Videos zu erkennen und einzuordnen. Die KI reduziert die inhaltliche Komplexität, was eine datengetriebene Analyse von bislang unstrukturierten Daten ermöglicht. Die so entstehenden Lagebilder sind aussagekräftiger als reine Textanalysen, da sie eine nuanciertere und vielfältigere Betrachtung von Narrativen zulassen.
In hybriden Konfliktsituationen entstehen dadurch neue Fähigkeiten zur Einordnung des Informationsumfeldes, in dem sich die Bundeswehr bewegt. Beim Thema Drohne holen wir den Rückstand der vergangenen Jahre auf. In Deutschland gab es über knapp ein Jahrzehnt intensive politische Debatten, ob die Bundeswehr in großem Umfang mit Drohnen ausgestattet werden soll. Erst der Krieg in der Ukraine hat zu einem Umdenken geführt. Gemeinsam mit Innovationstreibern aus dem Start-up-Ökosystem arbeiten wir an ­diversen Drohnen-Innovations­vorhaben. Dabei geht es um ein breites Spektrum – von Drohnen-Aufklärung bis hin zur Drohnenabwehr.

Mit Hilfe einer leistungsstarken Mixed-Reality-Brille ermöglicht das Innovationsvorhaben „ACOP“ die realitätsnahe, interaktive und maßstabsgetreue 3D-Visualisierung der Lage auf dem Gefechtsfeld.(©  Bundeswehr/CIHBw)
Mit Hilfe einer leistungsstarken Mixed-Reality-Brille ermöglicht das Innovationsvorhaben „ACOP“ die realitätsnahe, interaktive und maßstabsgetreue 3D-Visualisierung der Lage auf dem Gefechtsfeld.
(© Bundeswehr/CIHBw)

Wie bedeutend sind Augmented und Virtual Reality?

Weizenegger: Wir haben eine ganze Reihe von AR- und VR-Innovationsvorhaben im CIHBw. Ein konkretes Beispiel ist unser Innovationsvorhaben „Augmented Common Operation Picture“ – kurz ACOP. Mittels Augmented Reality wird eine realitätsnahe interaktive 3D-Visualisierung der Lage auf dem Gefechtsfeld erstellt. Mit dieser Technik wird die Lage im sprichwörtlichen Sinne greifbar, die Stäbe und Entscheider:innen können sich in die Situation interagieren. Im „virtuellen Sandkasten in 3D“ können Soldatinnen und Soldaten Truppen verschieben, Geofaktoren wie etwa Höhenunterschiede abschätzen sowie ein realistisches und aktuelles Lagebild einsehen.
Und das System bietet noch einen entscheidenden Vorteil: Es ermöglicht einen ortsverteilten Zugriff auf das gleiche Lagebild, das heißt, die Stäbe müssen sich also nicht physisch an einem Ort treffen, um das gleiche zu sehen. Welchen Vorteil das birgt, hat der Krieg in der Ukraine gezeigt. Dort werden Gefechtsstände priorisiert bekämpft, um die gegnerischen Kommandeure auszuschalten. Eine gemeinsame Befehlsausgabe ist also immer ein Sicherheitsrisiko.

Auf der nächsten Seite: Arbeitsweise des Hubs und die Zusammenarbeit mit dem Start-up-Ökosystem.

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