Kolumne Frittiertes Hirn

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves 4 min Lesedauer

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Mehr schaffen in weniger Zeit: So lautet das große Versprechen der KI. Professor Niehaves zeigt, warum genau dieser Produktivitätsschub zu Arbeitsvermehrung, kognitiver Überlastung und ziemlich erschöpften Wissensarbeiter:innen führen kann. Und warum wir deshalb­ nicht nur KI, sondern vor allem die Arbeit mit ihr gestalten müssen.

Entlastung oder Belastung? Die Nutzung künstlicher Intelligenz muss ernsthaft gestaltet werden.(Bild:  Canva / KI-generiert)
Entlastung oder Belastung? Die Nutzung künstlicher Intelligenz muss ernsthaft gestaltet werden.
(Bild: Canva / KI-generiert)

Wenn Sie zu den kulinarisch wagemutigeren Personen gehören, haben Sie bei diesem Titel vielleicht etwas anderes erwartet. Aber unser heutiger prekärer Zwischengang wird nicht auf dem Teller, sondern auf dem Schreibtischstuhl serviert. „AI Brain Fry“ nennen Julie Bedard, Matthew Kropp und ihre Kolleg:innen ein Phänomen, über das sie jüngst im Harvard Business Review (03/2026) berichteten.

AI Brain Fry

Gemeint ist hiermit eine Form mentaler Erschöpfung als Folge von KI-Nutzung. AI Brain Fry entsteht, wenn Menschen KI-Systeme auf eine Art und Weise nutzen, die sich nicht mit ihrer kognitiven Kapazität verträgt. Betroffene Hirne berichten als Folge von manischem Jonglieren unzähliger KI-Aufgaben von mentalem Nebel, Konzentrationsproblemen und Schwierigkeiten bei Entscheidungen. Kurz gesagt: Die KI läuft hervorragend. Nur der Mensch davor hat den Rauchpunkt bereits erreicht.

Cognitive Offloading

Das ist doch ziemlich bemerkenswert, denn schließlich wird uns KI als große Entlastungsmaschine verkauft. Sie schreibt unsere Kolumnen (Späßle gmacht!), fasst Dokumente zusammen, erstellt Präsentationen, protokolliert Besprechungen und recherchiert Informationen. Was früher eine Stunde dauerte, erledigen Chatty, Claude und ihre Freunde heute in zwei Minuten. In der Wissenschaft nennt man das „Cognitive Offloading“: Wir lagern Teile unserer Denkarbeit an technische Hilfsmittel aus und reduzieren damit zunächst unsere eigene kognitive Anstrengung. Eigentlich müssten wir also jeden Abend tiefenentspannt nach Hause gehen.

Aber warum tun wir das nicht?

Erstens, Arbeitsvermehrung: Weil wir die gewonnene Zeit nicht freinehmen, sondern sich die Arbeit verdichtet und wir schlicht mehr Dinge starten. Wenn eine Pressemitteilung früher drei Stunden dauerte und heute in dreißig Minuten erledigt ist, verbringen wir die freiwerdenden zweieinhalb Stunden eben nicht an der Kaffeemaschine. (Oder? ODER!?!) Sondern wir erstellen noch eine Management Summary, drei Varianten für unterschiedliche Zielgruppen und vorsichtshalber eine Präsentation dazu.

Die Bürokollegin macht das übrigens genauso. Und wenn plötzlich jeder in der Abteilung zehnmal so viele Texte, Analysen und Anfragen produzieren kann, müssen diese auch von irgendjemandem gelesen, beantwortet und verarbeitet werden. KI senkt die Grenzkosten geistiger Produktion, schafft aber damit gleichzeitig die Voraussetzung für eine wundersame neue Form der Arbeitsvermehrung!

Zweitens, Verschiebung der kognitiven Last: Die Arbeit, die wir an die KI abgeben, verschwindet nicht einfach. Nur ihre Form verändert sich. Wer Chatty eine E-Mail schreiben lässt, muss sie nicht mehr selbst schreiben, sollte sie aber tunlichst noch lesen. Aus Schreiben wird Prüfen, aus Recherchieren wird Bewerten und aus Arbeiten zunehmend Überwachen und Orchestrieren. Genau so entsteht ein hübsches Paradoxon: Je mehr Arbeit die KI für uns erledigt, desto mehr kann sich unsere eigene Arbeit von der Ausführung zur permanenten „Supervision“ verschieben, und mit ihr unsere kognitive Last.

Drittens, kognitive Fragmentierung und Taskwechselkosten: Weil KI nicht nur verändert, was und wie viel wir arbeiten, sondern auch den Takt, in dem wir es tun. Früher schrieb man vielleicht 25 Minuten an einem Text (wer erinnert sich noch an die Pomodoro-Technik?) und blieb dabei weitgehend in einem Problemraum. Heute setzt man schnell einen Prompt ab, startet während der Wartezeit schnell einen neuen Chat, beantwortet eine eMail, prüft den ersten Output, bittet um drei Varianten, wechselt zur Präsentation, bekommt das Rechercheergebnis zurück und versucht sich daran zu erinnern, warum man es eigentlich haben wollte. (Just me?!?) Die einzelne Aufgabe mag leichter geworden sein, unser Arbeitstag aber zerfällt in immer kleinere kognitive Häppchen. Jeder Wechsel verlangt vom Gehirn, sich neu zu orientieren.

Wirksam gestalten

Eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre wird deshalb darin bestehen, die KI-gestützte Arbeitswelt (und nicht nur einzelne KI-Lösungen!) ernsthaft zu gestalten. Arbeitsverdichtung, kognitive Fragmentierung und die Verschiebung unserer Arbeit vom Erstellen zum Prüfen, Entscheiden und Orchestrieren müssen durchdacht werden. Und das ist nicht allein eine Frage des betrieblichen Gesundheitsschutzes. Wir müssen auch aufpassen, dass die versprochenen Produktivitätsgewinne der KI nicht auf wundersame Weise wieder wegdiffundieren: indem wir einfach zehnmal mehr produzieren, zusätzliche Aufgaben erfinden, immer mehr parallele Prozesse starten und anschließend einen beträchtlichen Teil unserer Zeit damit verbringen, all das wieder zu sortieren.

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Gute Arbeitsgestaltung muss deshalb beides leisten: Sie muss Arbeit für Menschen besser machen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die möglichen Produktivitätsgewinne tatsächlich wirksam werden. (Schicken Sie mir gern den Namen der Verwaltung, die das Ihrer Meinung nach schon optimal hinbekommt!) Denn sonst sieht der Wissensarbeiter (w/m/d) der Zukunft vielleicht aus wie eine überdrehte Mischung aus Louis de Funès und Homer Simpson: Die Hände fliegen über die Tastatur, das Bein wippt, fünf Chats warten auf Rückmeldung, drei Agenten recherchieren parallel, und gleichzeitig ist vergessen worden, warum man den letzten Prompt überhaupt geschrieben hatte. D’oh! Auf dem Papier die produktivste Organisation aller Zeiten, und mittendrin: frittiertes Hirn.

Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves
ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.

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Bildquelle: Björn Niehaves

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