Aus dem Rathaus Eva Weber: „Die Verwaltung bleibt ein verlässlicher Akteur“

Das Gespräch führte Susanne Ehneß 6 min Lesedauer

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Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber spricht im Interview über die Ernennung ihrer Stadt als Pilotkommune des BMDS, über ­Ziele, Herausforderungen und die Balance zwischen Standardisierung und Selbstbestimmung.

Eva Weber ist seit 1. Mai 2020 Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg.(Bild:  Stadt Augsburg)
Eva Weber ist seit 1. Mai 2020 Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg.
(Bild: Stadt Augsburg)

Augsburg ist eine von sechs ­bayerischen Pilotkommunen des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS). Was bedeutet das konkret für die Stadt?

Weber: Augsburg beteiligt sich am Pilotprojekt „Blaupause für flächendeckendes digitales Angebot an Verwaltungsleistungen“, das vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung gemeinsam mit dem Bayerischen Staatsministerium für Digitales initiiert wurde. Ziel dieses Projekts ist es, einen Leitfaden mit Best Practices und Lösungsansätzen für die digitale Verwaltung zu entwickeln. Als Kommune mit knapp 1.800 digitalen Verwaltungsdienstleistungen – und damit in der Spitzengruppe im bundesweiten Ranking – bringt Augsburg dabei seine Erfahrungen aus bereits umgesetzten OZG-Projekten (Onlinezugangsgesetz) wie dem digitalen Bauantrag, der elektronischen Wohnsitzanmeldung und dem elektronischen Aufenthaltstitel ein. Damit übernimmt Augsburg eine wichtige Rolle als Impulsgeber für andere Städte und Gemeinden. Die Ergebnisse des Projekts werden im Frühjahr 2026 vorliegen.

Tauschen Sie sich mit den anderen Pilotkommunen aus?

Weber: Ja, es sind verschiedene Formate geplant, um den Austausch mit den anderen Pilotkommunen zu ermöglichen. Die Koordination dieser Treffen erfolgt durch das Bayerische Staatsministerium für Digitales und das BMDS. Darüber hinaus pflegen wir eine intensive Zusammenarbeit mit Nürnberg und München im Rahmen der sogenannten MAN-Kooperation. Auch über den Bayerischen und Deutschen Städtetag sowie die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement sind wir gut vernetzt und nutzen diese Plattformen für den Austausch von Lösungen und Best Practices. Als stellvertretende Präsidentin des Deutschen Städtetags und Vorstandsmitglied im Bayerischen Städtetag ist es mir besonders wichtig, die Perspektive der Kommunen aktiv einzubringen und gemeinsam die digitale Transformation voranzutreiben.

Rückblickend auf 2025: Welche zentralen Digitalisierungsziele hat Augsburg in diesem Jahr erreicht?

Weber: Im Jahr 2025 hat Augsburg wichtige Fortschritte in allen vier Zieldimensionen seiner digitalen Verwaltungsstrategie erzielt. Wir haben unser Angebot an Online-Diensten optimiert und ausgebaut und uns damit in der Spitzengruppe der digitalen Städte Deutschlands positioniert. Gleichzeitig haben wir niedrigschwellige Angebote wie den Bürgerkoffer – ein mobiles Set, mit dem Bürgerinnen und Bürger digitale Verwaltungsleistungen direkt vor Ort nutzen können – und die „Flotte Pin“, die eine schnelle Aktivierung des Online-Ausweises ermöglicht, etabliert. Damit stellen wir sicher, dass Verwaltungsdienstleistungen unkompliziert und ortsunabhängig wahrgenommen werden können.

Intern wurde die E-Akte als Dreh- und Angelpunkt digitaler Prozesse in zahlreichen Dienststellen ausgerollt, und wir haben die Grundlagen für den Einsatz generativer KI geschaffen. Zudem wurde eine E-Learning-Plattform für alle Beschäftigten eingeführt. Im Bereich Teilhabe und Beteiligung haben wir Kooperationen mit Partnern wie dem BMDS, der AKDB und der bayerischen Digitalagentur Byte ausgebaut und wissenschaftliche Expertise, insbesondere der Technischen Hochschule Augsburg, in unsere Projekte eingebunden. Auch die Zusammenarbeit mit dem ­Digitalrat wurde intensiviert.

Was ist für 2026 geplant?

Weber: Für 2026 haben wir uns wieder ehrgeizige Ziele gesetzt. Wir planen demnächst den Start des volldigitalisierten Bewohnerparkens, das eine automatisierte Genehmigung und papierlose Ausstellung ermöglicht. Wir werden die Ergebnisse des BMDS-Pilotprojekts veröffentlichen und daraus Handlungsempfehlungen ableiten. Außerdem wollen wir die Bayern-Packages weiter nutzen und eigene Dienste ausbauen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung unserer Smart-City-Ansätze und der Integration der BundID sowie der Vorbereitung auf die EUID-Wallet für digitale Nachweise und Genehmigungen ab 2027.

Darüber hinaus werden wir weitere Verwaltungsprozesse digitalisieren, indem wir Automatisierungslösungen für Routineaufgaben einführen und unterstützende KI-Lösungen im Verwaltungsalltag nutzen. Ein durchgängiges Datenmanagement und die Förderung einer Innovationskultur sind ebenfalls zentrale Vorhaben.

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Digitalisierung braucht Standards, Kommunen brauchen Gestaltungsspielräume. Wie erleben Sie die Balance zwischen Standardisierung und Selbstbestimmung?

Weber: Standards sind für die Digitalisierung unverzichtbar, weil sie Interoperabilität und Effizienz schaffen. Gleichzeitig brauchen Kommunen Gestaltungsspielräume, um auf lokale Anforderungen reagieren zu können. Wir nutzen zentrale Angebote wie die Bayern-Packages, setzen aber bewusst auf eigene Entscheidungskompetenz, um Innovation und Bürgernähe zu ermöglichen. Die geplante Einführung eines zentralen kommunalen IT-Dienstleisters in Bayern kann die Zusammenarbeit weiter strukturieren, wichtig ist jedoch, dass die kommunale Eigenverantwortung erhalten bleibt.

Der Digitalbeirat ist ein externer Impulsgeber für die Stadt Augsburg. Wäre die Stadt ohne die Arbeit des Beirats dort, wo sie heute steht?

Weber: Der Digitalrat ist für uns ein unverzichtbarer Impulsgeber. Dass wir ihn 2021 als ersten kommunalen Digitalrat in Deutschland gegründet haben, war ein richtungsweisender Schritt. Dieses Gremium bringt Perspektiven aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen und sorgt dafür, dass wir Digitalisierung nicht nur verwaltungsintern denken, sondern im Dialog mit der Stadtgesellschaft. Viele unserer strategischen Entscheidungen und die Entwicklung der „Digitalen Agenda“ wären ohne die Ideen und Impulse des Digitalrats nicht in dieser Qualität entstanden. Ich schätze die engagierte Arbeit des Beirats sehr, er leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass Augsburg neue Wege geht.

Eine gelungene digitale Transformation erfordert auch einen Kulturwandel. Wie fördern Sie in der Verwaltung die Bereitschaft für Veränderungen?

Weber: Eine gelungene digitale Transformation ist ohne Kulturwandel nicht denkbar. Wir fördern die Bereitschaft für Veränderungen, indem wir gezielt motivierte Mitarbeitende als Impulsgeber gewinnen und interdisziplinäre Projektteams aufbauen. Diese Teams bringen Fachwissen aus den Dienststellen, der Organisation, dem Prozessmanagement, der Digitalisierung und der IT zusammen. Die zentrale Koordination übernimmt unser Team Digitale Transformation gemeinsam mit der Geschäftsstelle Digitalisierung. Klare politische und strategische Leitlinien, wie unsere digitale Verwaltungsstrategie, geben Orientierung. Gleichzeitig setzen wir auf Beteiligungsformate und Methoden wie World Cafés oder Design Thinking, um neue Perspektiven zu eröffnen. Kooperationen mit Hochschulen und externe Impulse durch den Digitalrat ergänzen diesen Ansatz. Wichtig ist uns auch die Förderung von „New Work“ und einer modernen, wertebasierten Verwaltungskultur, die Innovationen ermöglicht und Veränderungen als Chance begreift.

Was unterscheidet die Digitalisierungsvorhaben einer Großstadt wie Augsburg von jenen kleinerer Kommunen?

Weber: Die Digitalisierungsvorhaben einer Großstadt wie Augsburg unterscheiden sich vor allem durch die Komplexität der Strukturen und die Vielfalt der Fachverfahren. Wir müssen in Augsburg über 300 Fachverfahren integrieren und dabei ­hohe Anforderungen an Skalierbarkeit und IT-Sicherheit erfüllen. Zudem besteht ein größerer Bedarf an interdisziplinären Teams und an der Einbindung vielfältiger Stakeholder. Kleinere Kommunen können oft schneller umsetzen, haben aber weniger Ressourcen für passgenaue Lösungen.

Wird sich das Verhältnis zwischen Verwaltung, Politik und Bürgerinnen durch die Digitalisierung langfristig verändern?

Weber: Wie in vielen anderen Bereichen unseres täglichen Lebens wird die Digitalisierung sicherlich auch das Verhältnis zwischen Verwaltung, Politik und Bürgerinnen und Bürgern langfristig verändern. Digitale Services können dabei helfen, die Transparenz und Servicequalität zu erhöhen und ermöglichen neue Formen der Interaktion. Damit diese Entwicklung gelingt, müssen wir alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen mitnehmen und sicherstellen, dass niemand zurückbleibt. Die Verwaltung bleibt ein verlässlicher Akteur, der in einem volatilen Umfeld agiert und die kommunale Daseinsvorsorge für alle gewährleistet. Partizipation und Einbindung aller Teile der Gesellschaft sind dabei zentrale Voraussetzungen.

Titelbild der eGovernment-Ausgabe 02/2026
(Bildquelle: VIT)

eGovernment-Ausgabe 02/2026

Dieser Beitrag stammt aus der eGovernment 02/2026, die Sie über unser Ausgabenarchiv herunterladen können.

Was wünschen Sie sich von Bund und Land, um die Digitalisierung in den Kommunen voranzubringen?

Weber: Ich wünsche mir, dass die Anforderungen der Kommunen in ihrer Vielfalt gehört und berücksichtigt werden. Es müssen digitale Plattformen geschaffen werden, die als Basis dienen, aber gleichzeitig individuelle Anpassungen ermöglichen. Der Spagat zwischen zentralen Vorgaben und kommunalem Wettbewerb muss gewahrt bleiben, denn nur so können Innovationen schnell ihren Weg zu den Bürgerinnen und Bürgern finden.

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