Ein Reifegrad-Modell gibt der Transformation eine strategische Richtung. Wie das konkret aussieht, erläutert Arthur Mickoleit von Gartner anhand des „Digital Government Maturity Model 3.0“.
Wo steht eine Verwaltung bei der digitalen Transformation? Das kann ein Reifegradmodell bestimmen.
Deutschland erlebt 2025 einen digitalen Aufschwung: Zum ersten Mal gibt es ein eigenes Bundesministerium für Digitales – verbunden mit viel Enthusiasmus, aber auch mit hohen Erwartungen und Herausforderungen. Geopolitische Spannungen, Fragen digitaler Souveränität, eine Pensionierungswelle im öffentlichen Sektor, sinkendes Vertrauen in staatliche Institutionen und disruptive Technologien wie KI prägen das Umfeld. Gerade jetzt entscheidet digitale Reife darüber, ob Verwaltung handlungsfähig und bürgernah bleibt.
Dabei sind digitale Technologien längst kein Fortschrittsversprechen mehr – sie sind zur Voraussetzung für funktionierende Verwaltungen geworden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Behörden zuerst punktuelle Online-Angebote und später dann strategisch gesteuerte Digitalisierungsinitiativen entwickelt. Der Fokus verschiebt sich: weg von technikgetriebenen Projekten, hin zu einer Verwaltung, die sichtbare Wirkung für Gesellschaft und Staat schafft.
Eine aktuelle Studie von Gartner bezeichnet genau diese Reifeentwicklung als strategisch. Mit dem Digital Government Maturity Model 3.0 (DGMM 3.0) liefert Gartner das Analyseinstrument, das Behörden-Entscheiderinnen jetzt brauchen, um Wirkung zu erzeugen – jenseits von technischer Exzellenz und Tool-Benchmarks.
Digitalisierung weiter gedacht als Online-Angebote und Prozess-Effizienz
Verwaltungen müssen digitale Investitionen neu justieren. Weg von Prozesseffizienz, hin zu einem strategischen Beitrag zur Erfüllung der staatlichen Erwartungen und Kernaufgaben. Postdigitales Government ist dabei ein Schlüsselwort für Investitionen, deren Erfolg nicht an Ressourcen-Einsatz und Output-Metriken gemessen wird. Sondern vielmehr an konkreten Wirkungen – von Bürokratieentlastung über Bürgernähe und -teilhabe bis hin zu Resilienz, Handlungsfähigkeit und digitaler Souveränität.
Beispiele aus Europa zeigen, wie dieser Perspektivwechsel gelingen kann: Italien investiert mit IO, pagoPA und SPID seit Jahren in nationale Plattformen, die Bürgern den Zugang zu öffentlichen Leistungen erleichtern (Stichwort: digital public infrastructure). Frankreichs Fokus auf Verfügbarkeit von KI-Ressourcen und Daten für die Verwaltung hat bereits zahlreiche Innovationen hervorgebracht. Und die Ukraine zeigt mit der sich ständig weiter entwickelnden Diia-Plattform, wie Technologieeinsatz selbst in Kriegszeiten Verwaltungsleistungen sichern kann.
Diese strategische Denkweise rückt das Wesentliche in den Mittelpunkt: Führungsverantwortung, Bürgernähe, kluge Datennutzung – und das Ziel, mit digitalen Mitteln echte Probleme zu lösen, nicht nur Prozesse zu verwalten.
Das Digital Government Maturity Model 3.0
Das DGMM 3.0 beschreibt fünf Reifegrade digitaler Verwaltungen – jeweils charakterisiert durch den strategischen Fokus von Digitalisierung, die Führungsstruktur, die Gestaltung von Bürger-Services, die Nutzung von Daten und die Einbindung in digitale Ökosysteme:
Stufe 1: Traditionelles E-Government „Digitalisierung“ hier dreht sich meistens um Compliance, soll heißen das oberste Ziel ist die Einhaltung von Vorschriften und Vorgaben. Behörden erweitern ihr Online-Angebot entsprechend spärlich und konzentrieren sich auf interne Prozessverbesserungen. Der Nutzen für Bürgerinnen und Bürger bleibt begrenzt, Transformationswirkung entsteht nicht. Führende Verwaltungen habe diese Phase vor 20 Jahren hinter sich gelassen.
Stufe 2: Effiziente Verwaltung Schrittweise Verbesserungen steigern die Effizienz einzelner Prozesse und Online-Dienste. Verwaltungsdaten werden zunehmend für Analysezwecke genutzt, aber meist isoliert innerhalb der Abteilung. Nutzerperspektiven beim Design von Services werden langsam berücksichtigt – Thema Lebenslagen, ohne aber eine zentrale oder verbindliche Rolle zu spielen.
Stufe 3: Bürgerorientierte Verwaltung Hier wandert der Fokus merklich von verwaltungsinternen Abläufen hin zu den Bedürfnissen der Bürger, Unternehmen und anderen Stakeholdern. Lebenslagen gewinnen an Bedeutung und Daten werden proaktiv eingesetzt, um neue Serviceangebote zu gestalten und gesamte Leistungen zu automatisieren. Technologie-Einsatz führt zu mehr Innovation, aber auch zu gesellschaftlichen Fragen über gewünschte und unerwünschte Auswirkungen.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel IT-Medien GmbH, Max-Josef-Metzger-Straße 21, 86157 Augsburg, einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von Newslettern und Werbung nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung.
Stufe 4: Vollständig digitale Verwaltung Daten werden strategisch genutzt für ganzheitliche, vernetzte Serviceangebote über Ressort- und Fachgrenzen hinweg. Gemeinsame Plattformen und Synergien zwischen Behörden – aber auch mit Wirtschaft und Gesellschaft (Thema GovTech) – etablieren sich. Datenschutz, digitale Ethik und Resilienz der Verwaltung sind als Zielsetzungen stark in den Vordergrund gerückt.
Stufe 5: Postdigitale Verwaltung Digitalisierung ist voll internalisiert und im Verantwortungsbereich aller Führungsebenen, oft auch der politischen Entscheiderinnen. Initiativen und Investitionen richten sich an höherwertigen Missionszielen aus. Digitalisierung zielt auf messbare, gesellschaftliche Wirkung über Ressort- und Verwaltungsgrenzen hinweg.
Gerade in großen Behörden kann es unterschiedliche Entwicklungsstände in der digitalen Reife geben – etwa zwischen IT-nahen Querschnittsbereichen und fachlichen Organisationseinheiten mit direktem Bürgerkontakt. Umso wichtiger ist ein strukturierter Reifegrad-Check, der solche Unterschiede sichtbar macht und als Grundlage für gezielte strategische Maßnahmen dient.
Die digitale Reife als Führungsaufgabe und -herausforderung
Für CIOs markiert das DGMM 3.0 einen Paradigmenwechsel: von der Infrastruktursteuerung hin zur strategischen Ausrichtung relevanter Akteure und Investitionen. Die Rolle der Behörden-CIOs verändert sich und damit auch die Frage, ob Digitalisierung weiterhin Selbstzweck bleibt oder zur wirklichen Schwungmasse wird, z. B. durch synergistische Nutzung von Daten und Plattformen.
Postdigitales Government ist kein technokratischer Endzustand, sondern ein Zielbild mit Governance und Strategie-Anforderungen. Es verlangt Agilität im Umgang mit Unsicherheit, einen konstruktiven Umgang mit Datennutzung und -ethik und eine klare Vorstellung davon, was Wirkung bedeutet und welche Akteure dafür mobilisiert werden müssen.
Gerade in Deutschland zeigt sich 2025, wie stark diese Faktoren wirken:
Digitale Souveränität wird durch Abhängigkeit von Hyperscalern und Fehlen europäischer Kapazitäten infrage gestellt.
Demografie und Budgetdruck zwingen die Verwaltung dazu, Wissen, Kompetenz und Handlungsfähigkeit langfristig zu sichern.
KI-Disruption verändert Arbeitsweisen rasant – von reifen KI-Technologien über GenAI bis hin zu künftigen KI-Agenten erfahren Behörden die Auswirkungen auf Produktivität und Bürgernähe.
Fazit: Der richtige Zeitpunkt für Reifebestimmung
Die Empfehlung ist klar: CIOs in deutschen Behörden sollten das Digital Government Maturity Assessment nutzen, um die aktuelle digitale Reife zu bestimmen – und anstehende Investitionen zukunftssicher zu machen.
Das Online-Tool bietet dazu Handlungsoptionen, die ergänzt werden können mit Erkenntnissen und Empfehlungen zu:
Nutzung reifer KI-Technologien für bessere Bürgerdienste. Aber auch Erprobung neuerer KI-Technologien in gesichertem Umfeld, z. B. AI Sandboxes.
Einführung gemeinsamer Daten- und Technologie-Architekturen für Bürger, Verwaltung und Wirtschaft. Thema Datenräume und EUDI-Wallets.
Gestaltung souveräner Plattformen in Staat und Gesellschaft, so wie der angedachte Deutschland-Stack.
Das Reifegrad-Modell gibt der Transformation Richtung und macht sie greifbar. Das ist wichtig – denn wer den nächsten Reifeschritt seinen Stakeholdern gegenüber nicht klar beschreibt, wird ihn kaum erfolgreich umsetzen können. Und riskiert damit, die Erwartungen an eine moderne, souveräne und bürgernahe Verwaltung zu verfehlen.
Der Autor
Arthur Mickoleit ist Director Analyst und Key Initiative Leader, Digital Government, bei Gartner.