Onlinefunktion des Personalausweises Digitale Identität als Schlüssel zur modernen Verwaltung

Von Johannes Kapfer 5 min Lesedauer

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Rudolf Philipeit ist Gründer und Vorstand des gemeinnützigen Vereins buergerservice.org und hat mit eGovernment über die Potenziale des Personalausweises sowie die Herausforderungen der Digitalisierung gesprochen – und darüber, weshalb Deutschland mit dem Personalausweis bereits über eine Lösung verfügt, die weltweit ihresgleichen sucht.

Rudolf Philipeit setzt sich seit über einem Jahrzehnt ehrenamtlich für die Verbreitung der Online-Funktion des Personalausweises ein. Dadurch soll die öffentliche Verwaltung nachhaltig personell entlastet werden.(Bild:  bürgerservice.org)
Rudolf Philipeit setzt sich seit über einem Jahrzehnt ehrenamtlich für die Verbreitung der Online-Funktion des Personalausweises ein. Dadurch soll die öffentliche Verwaltung nachhaltig personell entlastet werden.
(Bild: bürgerservice.org)

Rudolf Philipeit ist ein Mann mit einer Mission. Der gebürtige Ansbacher, Jahrgang 1961, hat es sich zum Ziel gesetzt, das Online-Ausweisen in Deutschland endlich aus der Nische zu holen. Was auf den ersten Blick nach einer technischen Spielerei klingen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schlüssel zu einer umfassenden Modernisierung der öffentlichen Verwaltung – und weit darüber hinaus. Mit seinem gemeinnützigen Verein buergerservice.org arbeitet Philipeit seit 2014 daran, Kommunen und Behörden die Potenziale der Online-Ausweisfunktion näherzubringen.

Der Weg zur digitalen Identität begann für Philipeit in den 1990er Jahren. Nach zwei Beamtenlaufbahnen bei der Deutschen Telekom – zunächst im mittleren, dann im gehobenen technischen Dienst – erlebte er hautnah den Aufstieg des Internets mit. „Als Beamter konnte ich mich beurlauben lassen, das war damals höchst attraktiv“, erinnert sich Philipeit. „Ich war auf einmal im Internet ein gefragter Akteur und konnte zehn Jahre lang das ganze Thema E-Business aufsaugen.“ Diese seinerzeit einzigartige Kombination aus hoheitlichem Verständnis durch die ­Beamtenausbildung und ­nachrichtentechnischer Expertise durch sein Studium sollte später den Grundstein für sein Engagement legen.

Der entscheidende Wendepunkt kam mit der Einführung des elektronischen Personalausweises im Jahr 2010. Philipeit leitete damals ein Kompetenzzentrum E-Government in Süddeutschland und konnte aus dem Konjunkturpaket II rund 100.000 Kartenlesegeräte ­erstehen, um sie für Pilotprojekte zu verteilen. „Vom ersten Moment an wusste ich: Der Online-Ausweis ist das, was wir brauchen“, sagt er mit Nachdruck. „Das war der Moment, wo eine Lücke geschlossen wurde, die einfach immer da war und die heute ja noch da ist – wir haben immer mehr Fake im Internet, und der kommt eben daher, dass wir uns nicht ausweisen.“

Ein Verein musste her

Doch dann kam der Dämpfer. Der Chaos Computer Club stellte das Projekt an den Pranger, die Tagesschau und die ZDF-Sendung Report berichteten kritisch. Philipeit musste in den Folgejahren feststellen, dass das Online-Ausweisen nicht in der Bevölkerung ankam. „Man hat ein Produkt gebaut, aber es nicht vermarktet“, analysiert er nüchtern. Der Grund liege auf der Hand. Behörden könnten zwar hervorragend Produkte entwickeln, Administration und rechtliche Aspekte in Perfektion herstellen – aber Vertrieb und Marketing? Fehlanzeige. „Selbst wenn sie es gewollt hätten, sie hätten es nicht machen können, weil jegliche Rahmenbedingungen, die du für Vertrieb und Marketing brauchst, überhaupt nicht vorhanden waren und sind.“

Aus dieser Erkenntnis wurde 2014 buergerservice.org geboren. Sieben Gründungsmitglieder legten jeweils 1.000 Euro in die Vereinskasse – und waren schlagartig handlungsfähig. Das Erfolgsrezept: Authentizität und die Aktivierung vorhandener Bordmittel. „Wir brauchen keine zusätzlichen Gelder, Finanzbudgets oder Projekte“, erklärt Philipeit. „Wir überzeugen die Menschen, das zu nutzen, was bereits vorhanden ist.“ Heute zählt der Verein rund 60 Mitglieder aus Kommunen, Behörden und der öffentlichen Verwaltung – bei einem Jahresbudget von etwa 50.000 bis 60.000 Euro aus Mitgliedsbeiträgen. Ein Meilenstein war die Entwicklung der SID-Box, einer Art Verkaufsraumkonzept für das Online-Ausweisen. „Wenn du in den Media Markt gehst und ein Handy kaufen willst, nimmst du es in die Hand und spielst ein bisschen drauf herum“, erklärt Philipeit die Idee. „Genau das wollten wir auch ermöglichen.“ Mit einem gebrauchten Notebook und der SID-Box können Kommunen das Online-Ausweisen für Bürger erlebbar machen. Mittlerweile gibt es professionelle Smart-eID-Terminals, die auf diesem Konzept ­basieren. Der Durchbruch kam auf der letzten CeBIT 2018. „Online-Ausweisen kannten damals eigentlich nur sehr wenige. Auf der Messe hatten wir regen Zuspruch und konnten ­viele neue Mitglieder für unsere ­Sache gewinnen.“

Philipeits Vision geht weit über die reine Technik hinaus. „Wir sprechen von Bürokratieabbau und denken dabei an all die Dinge, die uns von staatlicher Seite unangenehm erscheinen“, sagt er. „Aber viele dieser Dinge sind notwendig, damit unsere Gesellschaft funktioniert.“ Sein Ansatz ist daher ein anderer. Nicht Gesetze streichen, sondern Prozesse digitalisieren. „Mit dem Online-Ausweis lässt sich der Bürokratieaufwand für die Verwaltung, die Wirtschaft und die Bürgerinnen und Bürgermit einem Bruchteil des heute üblichen Zeitaufwandes erledigen,weil es damit automatisiert digital Ende-zu-Ende funktionieren kann, dann haben wir beides bedient. Die Bürokratie bleibt notwendig, aber sie fällt uns nicht mehr zur Last.“

Der digitale Kfz-Schein beispielsweise wurde kürzlich verfügbar, und Philipeit hat ihn über Nacht in einen Workshop eingebaut – für eine eID-Roadshow in Celle. „Ich habe gesagt: Jeder, der heute mitmacht, wird hinterher seinen Kfz-Schein digital mit aus dem Vortragsraum nehmen. Das war sowas von cool!“ Dass der Bürgermeister die zwei Stunden im Raum saß, am Workshop teilgenommen hat und am Ende sogar noch seine BundID registrieren konnte, zeige, dass der Funke überspringe, wenn man die Potenziale erlebbar mache.

Die Potenziale des Online-Ausweises reichen dabei weit über behördliche Prozesse hinaus. Philipeit nennt ein Beispiel: „Warum haben wir keine Online-Ausweisfunktion für Kinder- und Jugendschutz in sozialen Medien?“ Die anonyme Altersverifikation sei im Featureset des Online-Ausweises vorhanden und könne per Gesetz für ­jedes Alter freigeschaltet werden. ­„Zehnjährige würden die Eltern ­drangsalieren, dass sie endlich den Online-Ausweis bekommen und ihre PIN haben, wenn wir solche Aktivitäten endlich mal wirklich umfassend organisieren und ­umsetzen.“

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Für ihn ist der elektronische Personalausweis mehr als ein ­Verwaltungsinstrument – er ist ein Standortvorteil für Deutschland. „Wir haben weltweit eines der besten Produkte. Made in Germany.“ Dabei bleibt der gebürtige Ansbacher realistisch, was die Herausforderungen angeht. Mitgliedschaften seien oft an Personen gebunden. Verlasse der Befürworter die Behörde, komme irgendwann der Kämmerer „um die Ecke“, um zu fragen, ob man die Mitgliedschaft noch brauche. „Auch das findet statt. Aber drei Schritte vor, einer zurück – das ist auch okay“, sagt Philipeit gelassen. Das organische Wachstum überfordere niemanden und ermögliche es jedem Mitglied, die Potenziale mit Bordmitteln zu erschließen.

Die Zukunft sieht er voller Möglichkeiten. Mit dem digitalen Führerschein, der für 2026 angekündigt ist, dem bereits verfügbaren digitalen Kfz-Schein und der schrittweisen Integration weiterer Dokumente in die kommende ­EUDI-Wallet wächst das Ökosystem. „Das ist keine statische App, die einfach da ist“, betont Philipeit. „Das ist der Einstieg in ganz neue Welten des Digitalisierens. Wir bauen Bürokratie ab, indem wir sie nicht mehr sehen und nicht mehr spüren. Wir ­werden sie weiterhin brauchen – das hat was mit unserer Gesellschaft zu tun. Aber wenn wir sie nicht mehr sehen, dann ist das der ­beste Weg.“

Der frischgebackene vierfache Großvater zeigt mit seinen 64 ­Jahren keine Ermüdungserscheinungen. Im Gegenteil. Die Begeisterung für „sein Thema“ ist ­ungebrochen. Ab der kommenden Ausgabe wird er für unsere Fachzeitschrift eGovernment regelmäßig ­Kolumnen verfassen. Authentisch, praxisnah und mit dem Blick für die Dinge zwischen den Zeilen, die das Verwaltungsdasein ­menschlich machen.

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