Live aus dem CDO-Zirkel Das Rad des Sisyphos oder: Alternativen zum Adam-Prinzip

Ein Gastbeitrag von Andreas Steffen 7 min Lesedauer

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Räder sind toll. Sie laufen meist recht rund. Man kann damit und darauf gut vorankommen. Jedenfalls in der hübschen Theorie. In der gelegentlich fiesen Realität des Digitalisierens werden sie viel zu häufig komplett neu erfunden. Zwar könnte dies ein Indiz für Ideenvielfalt, Innovationsgeist und Intrapreneurship sein, allerdings ist das Ergebnis oft ganz und gar nicht neu.

Was würde ein Sisyphos in der Amtsstube machen, wenn er sich von seiner steinrollenden Aufgabenerledigung befreit und sich womöglich mit Efa zusammenschließt? (©  matiasdelcarmine - stock.adobe.com)
Was würde ein Sisyphos in der Amtsstube machen, wenn er sich von seiner steinrollenden Aufgabenerledigung befreit und sich womöglich mit Efa zusammenschließt?
(© matiasdelcarmine - stock.adobe.com)

In meiner Zeit im Consultingbereich der PSI AG (1999 bis 2004) haben wir ISO-9001-zertifiziert nach hervorragend definierten und klugen Prozessen gearbeitet. Angebotserstellung, Projektkalkulation und -dokumentation, Vorgangsbearbeitung und noch allerlei andere Aktivitäten waren perfekt in Lotus Notes hinterlegt und wurden regelmäßig auf Sinnhaftigkeit, Effizienz und Effektivität geprüft.

Viele Jahre später (2014) stand ich in meiner damaligen Doppelrolle als Noch-Innovationsmanager der ]init[ AG und Neu-Geschäftsführer des NEGZ im Public Sector Park der CeBIT. (Ältere Semester unter den Lesenden erinnern sich vielleicht noch.) Dort ließ ich mir von einem führenden Anbieter der E-Akte die Besonderheiten dieses Tools erklären, welches die deutsche Behördenwelt von der Steinzeit zumindest ins digitale Mittelalter führen sollte.

Womöglich lag es am leicht messegeschädigten Hirn, vielleicht auch an meinem begriffsstutzigen Verstand, jedenfalls habe ich damals und bis heute nicht kapiert, was die wirkliche Evolution sein sollte gegenüber den Dingen, die wir etliche Jahre zuvor schon kannten & konnten.

Halt: Womöglich war es ein Quantensprung! Allerdings sind diese Quanten leider recht kleine Wesen und ihr Sprungverhalten bedeutet zwar eine messbare Veränderung des Energiezustands, jedoch ist die dabei zurückgelegte Strecke deutlich geringer, als es die Anwendung der Redewendung vermuten lässt – und wesentlich kleiner, als es die Verwaltungsmodernisierung dringend braucht.

Adam und Efa

„Alle digitalisieren alles mehrfach“ – dieses unschöne Adam-Prinzip (als Gegenpart des potenziell paradiesischen Efa-Prinzips, das sich auf einige wenige Musketiere beruft) ist leider nach wie vor gängige Praxis.

Bevor man nun auf „die“ Verwaltung schimpft, die damit nicht nur Steuergelder verbrennt, sondern auch zu maximalem Wildwuchs statt Standardisierung beiträgt, wodurch wiederum Nutzerfreundlichkeit oder Entbürokratisierung konterkariert und fast schon karikiert werden, lohnt sich der Blick auf den Kontext und das Gesamtsystem.

2009 brauchte es im Rahmen der Föderalismusreform II eine Grundgesetzänderung (Art. 91c GG), damit Bund und Länder in digitalen Dingen miteinander arbeiten dürfen. Kein Scherz: Vorher war das per Gesetz verboten beziehungsweise unsinnig eingeschränkt. Wie gut die ebenenübergreifende Zusammenarbeit bis hinein in die kommunale Verwaltungswelt funktioniert – oder nicht –, ist regelmäßig Inhalt von Diskussionen in den unterschiedlichsten Gesprächsrunden.

„Getting things done“ (GTD) könnte hierbei ein gutes Leitmotiv der Digitalisierung sein. Im Dialog mit meinem CDO-Zirkel-Co-Sprecher-Kollegen (CZCSK) Philipp Stolz, der im oberbayerischen Schondorf die Stabsstelle Digitalisierung leitet, fiel kürzlich das Wort „Aufgabenerledigung“ – und von hieraus landeten wie nicht nur bei „Adam und Efa“, sondern ebenso bei einem griechischen Herrn, der regelmäßig Steine rollt, obwohl er kein Bandmitglied der Rolling Stones ist. (In jüngeren Generationen braucht es häufig den zusätzlichen Hinweis, dass Sisyphos nicht nur der Name eines Berliner Techno-Clubs ist.)

Auch heute arbeiten wir in bundesweiten Strukturen und Systemen, die oftmals noch aus der Zeit der Preußischen Reformen (1807–1815) stammen. Von meinem ehemaligen ]init[-Kollegen und heutigen NEGZ-Kompagnon Marco Brunzel gab es 2011 einen ebenso wunderbaren wie erschreckenden Impuls zu diesem Thema in unserem damaligen Format „Innovation Lunch Break“, durch den ich lernte, dass wir uns auch im 21. Jahrhundert noch in organisationalen Rahmenbedingungen bewegen, die so aufgebaut sind, dass ­relevante Ämter maximal einen eintägigen Postkutschenritt voneinander entfernt liegen. Tradition kann toll sein! Allerdings wird behauptet, dass wir heutzutage gar nicht mehr sonderlich viele Postkutschen im Einsatz haben.

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