Digitale Souveränität Chancen von KI nutzen, Daten trotzdem schützen

Von Richard Ruf 3 min Lesedauer

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Künstliche Intelligenz kann Verwaltungen entlasten, Prozesse beschleunigen und den Service verbessern. Doch wie gelingt der Einsatz, ohne digitale Abhängigkeiten zu verstärken?

In Europa gelten nachvollziehbaren Gründen höhere Hürden für KI. Das muss aber – dank Open Source – nicht bedeuten, auf Innovation zu verzichten.(Bild: ©  deimos.az - stock.adobe.com / KI-generiert)
In Europa gelten nachvollziehbaren Gründen höhere Hürden für KI. Das muss aber – dank Open Source – nicht bedeuten, auf Innovation zu verzichten.
(Bild: © deimos.az - stock.adobe.com / KI-generiert)

Im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz (KI) einfach von einem IT-Hype zu sprechen, muss wohl die Untertreibung des Jahrhunderts sein. Spätestens seit der Veröffentlichung von ChatGPT im Jahr 2022 – also seit mehr als drei Jahren! – führt kein Weg mehr an dem Thema vorbei.

Und auch im öffentlichen Sektor erhoffen sich viele deutliche Effizienzsteigerungen – und gehen voran. So übertreffen in Brasilien die öffentlichen Investitionen in KI die des privaten Sektors und der Einsatz von KI in der polnischen Stadt Stettin soll so erfolgreich sein, dass einige Mandatsträger wie der CDU-Politiker Daniel Peters sich durch Adaption des Modells bis zu 20 Prozent an Kosteneinsparungen in der Verwaltung erhoffen.

Dass der Einsatz von KI-Systemen im öffentlichen Sektor sinnvoll sein kann, steht außer Frage. Dennoch gilt: Wer sich zu sehr auf externe KI-Plattformen verlässt, riskiert ein empfindliches Verlustgeschäft in Sachen digitaler Souveränität. Denn mit jedem Datensatz, der das eigene Netzwerk verlässt, wächst die Abhängigkeit von fremden Anbietern – und schrumpft die Kontrolle darüber, wo, wie und von wem diese Informationen genutzt werden.

Proprietäre Systeme oft keine Option

Der schnelle Griff zur cloudbasierten KI großer US-Anbieter ist somit für den öffentlichen Sektor schwierig – vor allem die Einhaltung europäischer Datenschutzstandards bleibt hier nämlich völlig unklar, ein Verbleib der Daten im EU-Gebiet kann nämlich nicht garantiert werden, wie Microsoft in einer Anhörung im französischen Parlament selbst einräumte. Gerade für Behörden, die täglich mit sensiblen Informationen arbeiten, ist das ein Problem – rechtlich, politisch und sicherheitstechnisch.

Doch müssen öffentliche Stellen damit auf KI verzichten? Keineswegs. Denn auch, wenn zunächst bequemer wirkende Weg über einsatzfertige Lösungen proprietärer Anbieter aus Übersee aus Gründen der digitalen Souveränität und des Datenschutzes für europäische Behörden faktisch ausscheidet, gibt es durchaus Alternativen.

Open-Source-Systeme können im öffentlichen Sektor glänzen

Hier können Open-Source-Lösungen ihre große Stärke ausspielen: sie sind flexibel, ihr Quellcode ist frei einsehbar und die Kontrolle über die Daten verbleibt vollständig bei der sie nutzenden Behörde. Zudem lassen sich Open-Source-Systeme problemlos lokal oder auf eigenen Rechenzentren hosten. Dass quelloffene Systeme auch für den öffentlichen Sektor geeignet sind, zeigen bereits viele Städte und Kommunen – zuletzt die französische Großstadt Lyon, die von Microsoft vollständig auf Open-Source-Systeme in der Verwaltung umgestiegen ist.

Auch funktional müssen Behörden mit dem Einsatz von Open-Source-Systemen auf nichts verzichten. Statt ChatGPT lässt sich beispielsweise mit Ollama oder GPT4All leistungsfähige Sprachverarbeitung lokal betreiben. Chatbots oder Dialogsysteme lassen sich mit quelloffenen Lösungen wie Rasa abbilden. Auch Behörden, die mit großen Dokumentenbeständen arbeiten (beispielsweise Archive, Fachämter oder Sicherheitsbehörden) und in diesen gezielt Informationen suchen wollen, haben zum Beispiel mit Haystack eine quelloffene Alternative zu proprietären KI-Suchlösungen. Und mit LocalAI lassen sich Schnittstellen zu zahlreichen bestehenden Anwendungen schaffen, die heute oft nur über kommerzielle Anbieter verfügbar sind.

Funktionsvielfalt keine Grenzen gesetzt

Zumal die Open-Source-Landschaft heute einen erstaunlichen Grad an Interoperabilität erreicht hat: Viele der genannten Systeme lassen sich flexibel miteinander kombinieren und direkt in bestehende Arbeitsumgebungen einbinden. So können KI-Funktionen dort zur Verfügung stehen, wo Mitarbeitende ohnehin täglich arbeiten – etwa in Textverarbeitung, Tabellen oder Präsentationen. Beispielsweise setzt die Stadt Lyon bei ihrem Open-Source-Setup auf eine quelloffene Office Suite, an die sich zahlreiche KI-Systeme anbinden und für verschiedenste Einsatzzwecke verwenden lassen. Das senkt die Einstiegshürde für alle, die keine KI-Expertinnen oder -Experten sind, und macht den Einsatz im Verwaltungsalltag deutlich unkomplizierter.

Und gerade weil die technischen Möglichkeiten auch abseits kommerzieller Lösungen heute da sind, sollten Verwaltungen den Schritt zu offener, selbst betriebener Technologie konsequent gehen. So lassen sich Innovation und Effizienz mit Datenschutz und Unabhängigkeit verbinden – denn auch der Public-Sektor darf von den Versprechungen, die KI-Systeme machen, profitieren. Dabei gehört aber die Kontrolle über die Daten und Systeme in öffentliche Hand – und nicht in die Serverräume der Konzerne.

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