Für Transparenz und mehr Wettbewerb in der Beschaffung Bedarfe schon vor der Ausschreibung erkennen

Das Gespräch führte Nicola Hauptmann 4 min Lesedauer

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Den Smart Country Startup Award des Bitkom erhielt 2025 ein junges Unternehmen, das mit Hilfe von KI Ausschreibungsdaten analysiert und so frühzeitige Hinweise zu geplanten Beschaffungen bietet. GovIntel-Gründer Leon Rückert spricht im Interview über die Herausforderungen und seine nächsten Pläne.

Leon Rückert, Gründer des Start-ups GovIntel.(Bild:  Leon Rückert)
Leon Rückert, Gründer des Start-ups GovIntel.
(Bild: Leon Rückert)

Vor Ihrer Unternehmensgründung haben Sie bei Possible (damals Public Deutschland) gearbeitet, später bei Polyteia, haben also Erfahrung mit dem Public Sector. Wie sehen Sie die aktuelle Situation, was die Zusammenarbeit von öffentlicher Verwaltung und GovTech-Start-ups betrifft?

Rückert: Der Bedarf an Govtech-Lösungen ist auf jeden Fall da, es gibt auch Innovatoren in unterschiedlichen Verwaltungen und es zeichnet sich eine positive Entwicklung ab: Die Verwaltungen werden offener für die Zusammenarbeit mit Start-ups. Das ist mir schon während der Arbeit bei Polyteia aufgefallen. Ich denke, dass es die neue Generation an Govtech-Start-ups leichter haben wird als die Start-ups vor fünf, sechs Jahren, weil Verwaltungen inzwischen eher daran gewöhnt sind, dass bei neuen Technologien wie KI die innovativsten Lösungen wahrscheinlich von Start-ups kommen. Das sehen übrigens auch Beratungsunternehmen und IT-Integratoren so, die zunehmend mit jungen Unternehmen als Partner zusammenarbeiten, statt nur auf Eigenentwicklungen zu setzen.

Auf der anderen Seite haben auch die Start-ups dazugelernt: Zum Beispiel, dass es eine gute Idee ist, zuerst einmal mit kleineren Aufträgen unterhalb der Vergabeschwelle einzusteigen, um Vertrauen und auch Referenzen zu gewinnen. Da hilft es natürlich auch, wenn Vergabeschwellen angehoben werden. Und etabliertere GovTech Player schaffen es immer häufiger, Rahmenverträge mit öffentlichen IT-Dienstleistern abzuschließen. Trotzdem bleiben noch Herausforderungen, zum Beispiel wenn für jeden neuen kommunalen Kunden eine neue Datenschutzfolgeabschätzung gemacht werden muss, statt fester Standards.

Bei über 11.000 Kommunen und einer komplexen Landschaft hunderter Fachverfahren, in denen viele wertvolle Daten für Prozesse liegen, ist es noch immer schwierig, innovative Lösungen in die Breite zu bringen.

In jedem Fall müssen ja Angebot und Nachfrage erst einmal zueinander finden. Wenn die Verwaltungen adressiert werden, geht es darum, ihnen einen Überblick zu den Angeboten zu ermöglichen, etwa über Plattformen. Der Ansatz von GovIntel ist praktisch das Pendant dazu: Sie wollen Anbietern einen frühzeitigen Überblick über die Bedarfe im Public Sector bieten. Was genau ist denn deren Schmerzpunkt?

Rückert: Wie ich immer wieder in den Gesprächen gehört habe, ist das Kernproblem: Wenn eine Ausschreibung veröffentlicht wird, ist es eigentlich schon zu spät, denn dann ist der Austausch zwischen Auftraggeber und Anbieter streng reglementiert. Die Anforderungskriterien sind aber häufig schon auf einen bekannten Anbieter zugeschnitten. Das zeigen die Statistiken zur Anzahl von bietenden Unternehmen, für über 40 Prozent aller IT-Ausschreibungen wird nur ein Angebot abgegeben, es gibt also oft keinen Wettbewerb. In der Phase vor der Ausschreibung ist es jedoch gewünscht und regulatorisch vorgesehen, dass öffentliche Auftraggeber sich mit den Lösungen auf dem Markt beschäftigen, bevor die Anforderungen an eine Lösung festgeschrieben werden. Deswegen setzen wir mit GovIntel darauf, dass diese Phase der Markterkundung effizienter genutzt werden kann.

Wie gehen Sie dabei vor und welche Informationen nutzen Sie?

Rückert: Wir werten dafür mit Hilfe von KI die Daten aus öffentlichen Vergabeplattformen und -portalen aus. Unter anderem nutzen wir vergangene Ausschreibungen als Indikatoren dafür, was und wann erneut beschafft wird. Denn die Vertragslaufzeiten sind in der Regel 4 Jahre, teilweise mit ein- oder zweimaliger Verlängerungsoption um ein weiteres Jahr. So können Lösungsanbieter frühzeitig, ein halbes oder gar ein Jahr im Voraus, erfahren, in welchen Verwaltungen Bedarf besteht.

Wir wollen hohe Transparenz für jede Verwaltungseinheit schaffen, man kann also filtern nach Region oder Bundesland, föderaler Ebene, bei Kommunen auch nach Art und Größe und natürlich nach Thema.

Und die Idee ist, dass die GovTech Start-ups dann ihre Lösungen den Verwaltungen oder Behörden vorstellen können, noch bevor diese die Leistung erneut – und wie zu befürchten, nach demselben Muster – ausschreiben?

Rückert: Genau, Anbieter von innovativen GovTech-Lösungen können dann direkt auf die jeweilige Verwaltung zugehen und zeigen, was möglich ist, somit kann die Ausschreibung dann offener gestaltet werden. Wir wollen damit eine neue Dynamik schaffen und durch mehr Transparenz mehr Wettbewerb schaffen. Und Wettbewerb bedeutet: bessere Lösungen zu geringeren Kosten in die Verwaltungen bringen.

Wobei es nicht nur um Start-ups geht, wir arbeiten, gerade auf Bundes- und Länderebene, auch mit größeren Unternehmen und Scale-Ups, die ihre Lösungen bereits erfolgreich im Privatsektor anbieten, nun aber auch den öffentlichen Sektor erschließen wollen.

Ihr Unternehmen ist noch sehr jung, Sie haben kürzlich auf ­LinkedIn geschrieben, dass die erste Version schon nach wenigen Wochen stand und Sie jetzt mit Early Adoptern an der Weiterentwicklung arbeiten. Wie sind die Pläne und welche Herausforderungen sehen Sie?

Rückert: In unserem Early-Adopter-Programm arbeiten wir gemeinsam mit einer begrenzten Anzahl von ausgewählten Kunden, die das Produkt über mehrere Monate nutzen. Wir haben sehr enge Feedback-Schleifen, alle zwei bis drei Wochen. Das heißt, wir lernen von den Anwendern und passen das Produkt an deren Erwartungen an. Im nächsten Jahr wollen wir dann so weit sein, einer größeren Anzahl an Kunden die Nutzung von GovIntel zu ermöglichen.

Die Herausforderung ist einmal, zu priorisieren, welche Features wir sofort umsetzen und welche später – und es hat sich herausgestellt, dass eine hohe Datenqualität die Voraussetzung ist, richtige Erkenntnisse aus Daten ziehen zu können und KI umfassend zu verwenden. Es gibt einen großen offenen Datenbestand, wenn man aber tiefer einsteigt, zeigen sich viele Inkonsistenzen wie unterschiedliche Schreibweisen oder fehlende Angaben. Diesen bereiten wir auf, damit sich auch Erkenntnisse aus den Daten ziehen lassen.

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Im Moment fokussieren wir uns, wie gesagt, auf Vergabemitteilungen und Ausschreibungen. Darüber hinaus experimentieren wir sehr viel, wir arbeiten daran, auch aus anderen Quellen abzuleiten, welche Lösungen für eine Verwaltung relevant sein könnten.

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