GovTech-Potenzial nicht ausgeschöpft „Wir sitzen in Europa auf einem riesigen Innovationsschatz“

Von Nicola Hauptmann 3 min Lesedauer

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Nicht nur in Deutschland nutzen die öffentlichen Auftraggeber erst einen Bruchteil des Potenzials von GovTech-Lösungen. Wie groß die Lücke zwischen Innovationspotenzial und Auftragsvergabe in Deutschland und in Europa tatsächlich ist, zeigt jetzt eine Analyse von Sopra Steria und GovMind.

Das Angebot ist groß und breitgefächert: Über 5.000 GovTech-Lösungen europäischer Anbieter sind bereits auf dem Markt.(© natali_mis – stock.adobe.com)
Das Angebot ist groß und breitgefächert: Über 5.000 GovTech-Lösungen europäischer Anbieter sind bereits auf dem Markt.
(© natali_mis – stock.adobe.com)

Anbieter von GovTech-Lösungen sind oft noch in der Start-up-Phase und wenig bekannt, bei Vergaben kommen sie selten zum Zug. Wie gering ihr Anteil bei öffentlichen Vergaben sei, könne niemand genau sagen, die Datenlage zum Vergabewesen in Deutschland sei dürftig, sagte GovMind-Geschäftsführer Manuel Kilian letztes Jahr im eGovernment-Interview. Doch jetzt liegen Zahlen vor: In einer gemeinsamen Analyse haben Sopra Steria und GovMind berechnet, wie groß das Potenzial an innovativen Lösungen für die Verwaltung ist und wie viel davon genutzt wird. Von 2,75 Billionen Euro, die öffentliche Verwaltungen in Europa jährlich für Waren oder Dienstleistungen ausgeben, entfallen demnach nur 6,4 Milliarden auf Govtech-Lösungen, kaum ein viertel Prozent.

Europa: Auftragslücke von 200 Milliarden Euro

Das eigentliche Potenzial liege jedoch bei 7,5 bis 9 Prozent. Basis für diese Berechnung ist eine Studie der Universität der Bundeswehr und des Kompetenzzentrums Innovative Beschaffung (KOINNO), die das innovationsrelevante Beschaffungsvolumens des öffentlichen Sektors untersucht und im Ergebnis mit 12 bis 15 Prozent ansetzt. Das schließt aber auch Bauleistungen ein, die rund ein Drittel des Beschaffungsvolumens ausmachen. Da es sich bei GovTech-Lösungen in erster Linie um digitale Produkte handele, sei ihre Anwendbarkeit auf öffentliche Bauleistungen begrenzt, deshalb wurde dieser Anteil herausgerechnet. Somit ergibt sich ein zusätzliches Auftragspotenzial von über 200 Milliarden Euro in Europa.

Potenzial in Deutschland

Wie sieht es in Deutschland aus? Bei einem Beschaffungsvolumen der öffentlichen Hand von 350 Milliarden Euro wurden laut der Analyse hierzulande 1,9 Milliarden Euro für GovTech-Produkte ausgegeben. Nach der angewandten Methodik ergeben sich somit zwischen 27,7 und 34,7 Milliarden Euro für GovTech-Lösungen – im Schnitt 31,2 Mrd. Euro – ein zusätzliches Potenzial von fast 30 Milliarden Euro.

Das Angebot dafür ist da: Über 5.000 GovTech-Lösungen listet GovMind auf seiner Plattform auf, angeboten von über 2.000 Unternehmen – Start-ups und KMU mit Hauptsitz in Europa. Damit hat sich die Zahl der Anbieter innerhalb von zehn Jahren zwischen 2011 und 2021 fast vervierfacht, so die Analyse. Auch die Vielfalt des Angebots ist gewachsen und deckt praktisch die ganze Bandbreite des Bedarfs der digitalen Verwaltung ab. Die Lösungen sind in der Übersicht in sieben Hauptbereiche untergliedert, wobei DefenseTech-Lösungen für den Verteidigungsbereich noch gar nicht berücksichtigt sind: innere Verwaltung, Interaktion mit Bürgerinnen und Bürgern, Sicherheit und Ordnung, Bildung und Kultur, Gesundheit und Soziales, Gestaltung der Umwelt sowie Daseinsvorsoge. Damit ist praktisch die ganze Bandbreite des Bedarfs für die digitale Verwaltung abgedeckt.

Und während Eigenentwicklungen zeit- und kostenintensiv sowie risikobehaftet sein können, stünden diese GovTech-Lösungen dem öffentlichen Sektor direkt zur Implementierung und Nutzung zur Verfügung, wie die Studienautoren betonen. „Wir sitzen in Europa auf einem riesigen Innovationsschatz. Mehr als 5.000 GovTech-Lösungen sind ein großes Potenzial, das, richtig genutzt, den europäischen Public Sector in der Digitalisierung und nachhaltigen Modernisierung um Jahre voranbringt“, sagt Ronald de Jonge, Operating Officer & Deputy Head of Public Sector bei Sopra Steria. Durch die Realisierung des GovTech-Potenzials von rund 200 Milliarden Euro könne Europa einen GovTech-Binnenmarkt schaffen und dafür brauche es „keine langen Verhandlungen und Ratifizierungen, sondern eine konsequente Nutzung des vorhandenen Innovationspotenzials“, so de Jonge weiter.

Ronald de Jonge, Operating Officer & Deputy Head of Public Sector bei Sopra Steria(© Sopra Steria)
Ronald de Jonge, Operating Officer & Deputy Head of Public Sector bei Sopra Steria
(© Sopra Steria)

Dazu müssten die öffentlichen Auftraggeber die Rahmenbedingungen verbessern, den Zugang für GovTechs zu öffentlichen Aufträgen erleichtern und ihren Verwaltungen Entscheidungshilfen für den Einsatz von Innovationen geben, sagt Darius Selke, Head of Sopra Steria Ventures Deutschland. Das genügt aber noch nicht, denn einzelne Verwaltungen können das Marktangebot kaum überblicken.

„Es wäre unrealistisch, von der öffentlichen Beschaffung und den Kommunen zu erwarten, ein solches europaweites Scouting eigenständig zu bewältigen“, weiß Selke. „Das erprobte Venture-Clienting-Modell ist die effizienteste Methode, um diese Ventures mit ihren tausenden Lösungen zu scouten, zu evaluieren und mit den bestehenden Herausforderungen der Verwaltung zu matchen.“

Kommentar

Es braucht mehr Transparenz

So hilfreich die vorgestellte Analyse ist, um überhaupt einmal die Ist-Situation zu beleuchten: Wenn mehr Aufträge für Govtechs das Ziel sein sollen, muss die Umsetzung auch nachverfolgbar sein. Das heißt, die Beauftragungen sollten erfasst und auswertbar sein. Mit dem Datenservice Öffentlicher Einkauf, zu dem auch der Bekanntmachungsservice gehört, gibt es in Deutschland immerhin eine zentrale Serviceplattform, in der veröffentlichungspflichtige Bekanntmachungen zu Vergabeverfahren von Bund, Ländern und Kommunen bereitgestellt werden. Ein Anknüpfungspunkt ist der Start-up-Beschaffungsindex von Staat-up e.V. und der Universität der Bundeswehr München. Als erster öffentlicher Auftraggeber hat Hamburg den Beschaffungsindex bereits eingeführt. Den aktuellen Stand (Dezember 2023) finden Sie hier.

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