Interview mit Michael Walter, CDO der Stadt Chemnitz

Wie Chemnitz die „Digitale Agenda" umsetzt

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Weitere Möglichkeiten, die Arbeit effizienter zu gestalten, sind Automatisierung und der Einsatz von KI. Wo steht die Stadtverwaltung hier und was ist geplant?

Walter: Automatisierung spielt gerade bei den IT-Services eine entscheidende Rolle, wir nutzen hier bereits ein innovatives Open-Source-System, das wir derzeit ausbauen. Künftig sollen alle unsere Anwender über unser Self-Service-Portal ihre IT-Services selbst beantragen können.

Das spart sehr viel Zeit und ist gleichzeitig ein Schritt hin zu Controlling-basierter IT, weil wir damit auch nachvollziehen können, welche Services wie stark genutzt werden und das Angebot an den Bedarf anpassen können. Künstliche Intelligenz ist auf jeden Fall ein Thema. Ein aktuelles Beispiel ist unsere digitale Poststelle: Wir wollen den Posteingang mit Hilfe von KI automatisieren. Da sind wir momentan in der Konzeption. Künftig soll es so laufen, dass nur noch das Papier in den Scanner eingelegt werden muss und das System dann automatisch erkennt, um welche Art Dokument es sich handelt und das entsprechend an die richtige Stelle weiterleitet. Ebenso beim Output-Management, auch hier soll das System automatisch den vom jeweiligen Nutzer bevorzugten Weg der Zustellung auswählen. Bei KI ist immer auch die Frage: Was darf man? Die Entscheidungen müssen ja letztlich immer beim Menschen liegen. Aber künstliche Intelligenz kann in den Verwaltungen die Routinearbeit erheblich erleichtern, zum Beispiel umfangreiche Dokumente in kürzester Zeit zusammenfassen. Oder bei Recherchen unterstützen – da wollen wir uns verschiedene Möglichkeiten und Lösungen am Markt anschauen.

Wir haben jetzt über Faktoren gesprochen, die die Digitalisierung fördern – Zusammenarbeit mit Land und Kommunen, Automatisierung und KI – gibt es auch Faktoren, die hemmen, wo Sie sich Veränderungen wünschen?

Walter: Da ist zum einen der föderale Dschungel – ein Blick auf das „Wimmelbild“ des Normenkontrollrats sagt alles. Um ein Beispiel zu nennen: Ich habe bis heute nicht verstanden, wenn man einen Portalverbund vorgibt, warum jedes Bundesland sein eigenes Portal haben kann. Warum gibt der Bund nicht eine Technologie vor und finanziert diese auch? Letztlich geht es immer um Schnittstellen, Standards und Finanzierung. Wenn ich Digitalisierung ernst meine und will, dass bestimmte Standards in der öffentlichen Verwaltung, gleich welcher föderalen Ebene, umgesetzt werden, dann muss ich diese Standards vorgeben, muss gleichzeitig die damit verbundene Finanzierung der Kommunen sicherstellen und dafür sorgen, dass ein einheitlicher IT-Betrieb gewährleistet ist.

Es braucht meiner Meinung nach auch eine Regulierung für Fachverfahren von Seiten des Bundes, wo Standards festgelegt werden, die dann auch bei europaweiten Ausschreibungen Bedingung sind für die Vergabe bis in die Gliederungen der kommunalen Familie. Bei uns haben wir die Anbindung von Fachverfahren über eine standardisierte Datendrehscheibe geregelt, so dass im besten Fall keine proprietären Schnittstellen mehr programmiert werden müssen, aber solche Ideen sollten eigentlich vom Bund, zum Beispiel über eine praktikable Referenzarchitektur über alle föderalen Ebenen hinweg, kommen.

Digitalisierung ist letztendlich auch ein Demokratiethema. Wo hat denn der Bürger den meisten Kontakt mit dem Staat? In der Kommune. Wenn ich das Vertrauen in den Staat und die Verwaltung stärken will, muss ich dafür sorgen, dass die Verwaltung vor Ort ausfinanziert und arbeitsfähig ist und die Vorgaben, die von anderen föderalen Ebenen kommen, auch erfüllen kann. Denn – so ehrlich müssen wir sein – Digitalisierung kostet uns in den ersten Jahren sehr viel, nicht nur Geld, sondern auch Personal und Zeit, Aufwand für die Anpassung von Prozessen und Organisationen. Und dafür braucht es die nötigen Ressourcen. Hier darf man die Kommunen nicht im Regen stehen lassen, es braucht gemeinsame Kraftanstrengungen.

Über Chemnitz

Chemnitz ist Kulturhauptstadt Europas 2025. Unter dem Motto C the Unseen C the Unseen lädt die Stadt ein, „das Verborgene zu entdecken: die Menschen, die Chemnitz mit Erfindungsreichtum, Mut, Bodenständigkeit und Weitsicht geprägt haben“. Die Geschichte der rund 240.000 Einwohner zählenden Stadt ist von Umbrüchen geprägt: Einst Zentrum der Textilindustrie, auch das „sächsische Manchester“ genannt, später umbenannt in Karl-Marx-Stadt und während der Wendezeit von zahlreichen Werksschließungen betroffen, ist Chemnitz heute ein Wirtschaftsstandort mit rund 16.000 Unternehmen und wird zu den zehn lebenswertesten Städten Deutschlands gezählt.

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