Die Braunkohle-Förderbänder stehen seit langem still in Bergheim, der Wandel hin zu Zukunftstechnologien aber nimmt gerade richtig Fahrt auf. Ein Digitalpark, ein Rechenzentrum und KI-Projekte – Bürgermeister Volker Mießeler erklärt im Interview, was die Stadt in diesem Jahr und in Zukunft vorhat.
Volke Mießeler ist seit 2017 hauptamtlicher Bürgermeister in Bergheim an der Erft.
„Bergheim? Ach – Microsoft!“ sei häufig die Reaktion der Gesprächspartner, wenn er sich als Bürgermeister vorstelle, sagt Volker Mießeler. Er ist seit über dreißig Jahren in der Bergheimer Kommunalverwaltung tätig, seit 2017 ist er der hauptamtliche Bürgermeister in Bergheim an der Erft. 2024 war ein besonderes Jahr für die Stadt im Rheinischen Revier – mit zwei Ankündigungen, die große Veränderungen versprechen: im Februar die Nachricht über die geplante Ansiedlung des US-Hyperscalers in unmittelbarer Nähe und im Juli die Entscheidung, dass Bergheim als einer von zwei Standorten ausgewählt wurde, an denen ein vom Land Nordrhein-Westfalen geförderter Digitalpark entsteht. Seitdem gibt es jede Menge „on top“ zu tun im Bürgermeisteramt und im Planungsbüro.
Die Leitstrategie 2045
Aber auch wenn man sich hier von beiden Entwicklungen eine „große Sogwirkung“ verspricht, sind die Pläne für die Digitalisierung und den Strukturwandel „von der Braunkohle zur Zukunftstechnologie“ insgesamt weit umfassender, zudem ganzheitlich und auf lange Sicht gedacht: Bergheim hat eine „Leitstrategie 2045“.
Im Frühjahr 2024 habe man gemeinsam mit den Mitarbeitenden begonnen, die Leitstrategie zu entwickeln, berichtet Volker Mießeler. Dabei ging es zunächst um die Vision: „Wo wollen wir in Bergheim 2045 stehen, was können wir uns leisten, was wollen wir uns leisten? Was sind unsere USPs heute und welche USPs wollen wir in Zukunft haben?“ Darauf aufbauend wurden Leitthemen herausgearbeitet und konkrete Projekte definiert.
BÜRGER.MIT.WIRKUNG
Bürgerinnen und Bürger seien bei dieser Entwicklung zunächst noch nicht beteiligt gewesen, deren Einbindung steht aber jetzt an. Es solle schließlich kein Konzept für die Schublade sein, „es muss ein gelebtes Konzept werden“, verdeutlicht Mießeler.
Dabei kann die Stadt ein bereits etabliertes Beteiligungsverfahren nutzen: BÜRGER.MIT.WIRKUNG. Neben der digitalen Plattform, auf der Ideen und Projekte gesammelt werden, ist der direkte Austausch vor Ort wichtig. Der Bürgermeister selbst stellt die Leitstrategie nacheinander in allen 15 Stadtteilen vor. Während der Veranstaltungen können Teilnehmende per Mentimeter-Verfahren Fragen stellen, die dann direkt beantwortet werden; es gibt Thementische zu einzelnen Stadtteil- und zu Gesamtstadt-Themen. Schon bei den ersten Veranstaltungen habe sich eine hohe Beteiligung abgezeichnet, erzählt der Bürgermeister. An Ideen mangelt es demnach nicht, auch in Bezug auf den künftigen Digitalpark gibt es schon klare Vorstellungen: kein „08/15-Gewerbegebiet“ soll es werden, sondern ein Raum, der Arbeit und Leben verbindet. Es geht um Aufenthaltsqualität, Grünflächen und Co-Working-Areas. Neben Unternehmen und Start-ups sollen damit letztlich auch IT-Fachkräfte angezogen werden, denn die werden auch in Bergheim dringend gesucht.
KI-Projekt NRW.Genius: Bergheim ist dabei
Dass Digitalisierung das Thema der Zukunft sein wird, steht für Volker Mießeler fest. Es gibt in Bergheim, parallel zur IT-Abteilung, dafür auch bereits eine eigene Fachabteilung „Bergheim digital“, die der Bürgermeister selbst vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat. Aber wie sieht es konkret mit der Digitalisierung innerhalb der Verwaltung aus? Diese sei natürlich seit langer Zeit Thema, derzeit noch nicht flächendeckend, sondern in Form einiger Pilotanwendungen umgesetzt.
Doch für 2025 stehen bereits mehrere Vorhaben auf der Agenda: So beteiligt sich Bergheim neben Oberhausen, Essen und Solingen als vierter Anwender am KI-Projekt NRW.Genius. Ab März werde über dieses Projekt eine KI-Anwendung in der Verwaltung implementiert, die praktisch in einem geschützten Raum vom Land zur Verfügung gestellt wird. „Wir können dann in Testanwendungen schauen, wie wir KI in einzelnen Bereichen zur Anwendung bringen – wobei ich fest davon überzeugt bin, dass es eine absolute Unterstützung sein wird für viele Bereiche“, so der Bürgermeister. Recherchearbeit etwa könne damit abgedeckt werden, aber auch die Formulierung von Texten und Schriftstücken.
Aber auch die Weiterbildung der Mitarbeitenden zu KI-Anwendungen ist ein Thema. Viele hätten noch Berührungsängste mit ChatGPT und KI-Anwendungen, die durch solche Schulungen abgebaut werden können, so die Erwartung.
Ein Daten-Cockpit für die Stadt
„Mit dem Urban Institute sind wir derzeit im Gespräch, um Cockpitanwendungen für Bürgerinnen und Bürger zu installieren“, berichtet Mießeler weiter. In anderen Städten wie Frankfurt oder Darmstadt gebe es das bereits, und künftig sollen auch die Bergheimer Informationen zu Baustellen, Verkehr oder Luftqualität auf einen Blick finden. Zusätzlich zu diesem öffentlichen Cockpit sei auch ein Management-Cockpit geplant, um sofort erkennen zu können, wo aktuell Regelungsbedarf besteht. Gleichzeitig sei aber darauf zu achten, dass die Belastung der Mitarbeitenden bei der Einführung des neuen Systems nicht zu groß werde. Das Cockpit soll daher in der ersten Stufe auf vorhandene Datenquellen – extern wie intern – zurückgreifen, ohne zusätzlichen Erfassung- oder Ermittlungsaufwand zu verursachen.
Stand: 08.12.2025
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In einem weiteren Projekt sollen über die bisher digital verfügbaren Verwaltungsleistungen hinaus weitere Angebote für Bürgerinnen und Bürger entwickelt werden, die dann einfach von zuhause aus genutzt werden können.
Die Arbeit wird also nicht ausgehen, zumal parallel die Planungen zum Digitalpark auf Hochtouren laufen: Der Satzungsbeschluss „für Microsoft“ soll bis Ende März gefasst, parallel an der Baugenehmigung gearbeitet werden. Insgesamt ein Kraftakt, wie Bürgermeister Mießeler sagt.
Die Themen seien sehr komplex, auch in regulatorischer Hinsicht. Als ein Beispiel nennt er die Vorgaben durch das Energieeffizienzgesetz. Dieses schreibe vor, dass zehn Jahre nach Inbetriebnahme 20 Prozent der Abwärme genutzt werden müssen. Grundsätzlich sinnvoll, nur entspräche das in dem Fall einer Menge, mit der man „halb Köln beheizen könne“. Eine Stadt wie Bergheim stellt das vor Herausforderungen, vor allem deshalb, weil die Nutzung bereits jetzt, schon vor der Baugenehmigung, ausgewiesen werden müsse. Bergheim sei der erste Fall, wo das Gesetz in diesem Umfang Anwendung finde. Oder Umweltauflagen: Um den Termin für den Offenlegungsbeschluss halten zu können, musste ganz kurzfristig eine alternative, 5.000 qm große Fläche für ein Feldlerchenpaar gefunden werden, nachdem der ursprünglich ausgewiesene Bereich abgelehnt wurde. Den Aufwand, den Kommunen haben, sehe man nicht, konstatiert Mießeler. Dennoch sei man erstmals seit mehreren Jahren nun nicht mit unmittelbarer Krisenbewältigung in der Kommune, sondern mit „richtig positiven Themen“ beschäftigt.
Wissenswertes über Bergheim
Bergheim an der Erft liegt in rund 20 km Luftlinie westlich von Köln und hat rund 66.000 Einwohner.
Die Stadt ist seit nunmehr 50 Jahren Kreisstadt und Verwaltungszentrum des Rhein-Erft-Kreises und besteht seit der kommunalen Neugliederung 1975 aus 15 Stadtteilen.
Die Stadtchronik verzeichnet die erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1028 und – die letzte Braunkohleförderung 2004. Wie das gesamte Rheinische Revier steht Bergheim vor der Herausforderung, den Strukturwandel zu bewältigen und hat dafür eine Strategie entwickelt und Leitthemen definiert.
Inhalte der Leitstrategie 2045
Die Leitthemen sind in vier Bereiche untergliedert. Gleich der erste Themenkomplex heißt: „Innovative Wirtschaftsentwicklung und digitale Technologie hin zur Smart City“. Zu den hier aufgeführten Punkten gehören etwa „Innovatives Datenmanagement und E-Government“ sowie „Digitalpark und Unternehmensansiedlung als Wachstumsmotor“. Im Bereich Bildung ist u. a.„Co-Working Lernräume im digitalen Umfeld“ genannt.