Während sie Krisen bewältigen und mit KI experimentieren, suchen Kommunen nach dem richtigen Maß an digitaler Abhängigkeit. Auf der eGovernment Kommunal Digital Conference 2026 ging es unter anderem um die Frage, wie dies gemeinsam zu schaffen ist.
Emsig: Als Brücke zwischen Staat und Bürgerschaft müssen deutsche Kommunen ebenso stabil wie flexibel sein.
Zwischen Absicherung und Aufbruch, KI und Compliance, Sachdienlichkeit und Souveränität: Die Verwaltungsdigitalisierung findet sich immer wieder zwischen zwei Stühlen, zeigte die eGovernment Kommunal Digital Conference 2026. Rund 250 virtuell zugeschaltete Gäste verfolgten ein Programm, das deutlich machte: Die größten Herausforderungen liegen nicht allein in der Technik, sondern in Abhängigkeiten, Kultur und der Frage, wie schnell die öffentliche Verwaltung sein kann – und muss.
Zum Auftakt sprach sich Marian Schreier von GovTech Kommunal für gemeinsame Infrastrukturen aus. Seine Botschaft: Kommunen müssen wegkommen von Einzelprojekten hin zu standardisierten, nachnutzbaren Lösungen. Wie ein App Store für Verwaltungssoftware funktioniere dabei die Deutschlandplattform: Lösungen ließen sich ohne lange Vergabeverfahren direkt beziehen und betreiben. „Wir sind inhousefähig“, erklärte Schreier. Das bedeute schnellere Beschaffung und mehr Tempo im digitalen Rathaus.
Auf Wirkung setzen
Das fehlende Tempo beschäftigt derweil auch Tanja Schweiger und Alexander Völkl vom Landkreis Regensburg. Sie schilderten, wie „halbe Digitalisierung“ Bürger frustriert, beispielsweise wenn sie trotz Online-Antrag noch persönlich erscheinen müssen. „Dann sagen die Leute: ‚Das mache ich nicht wieder!‘“, so Völkl. Das Problem: Fehlende Schnittstellen zu Fachverfahren verursachen Medienbrüche. „Wir erfassen im Jahr 2026 immer noch manuell Daten.“ Für Mitarbeitende bedeute das: Online-Anträge werden als Zusatzaufwand empfunden, nicht als Entlastung.
Hier setzten Stefanie Köhl vom Stein-Hardenberg-Institut und Jana Janze mit ihrer Kritik an. Zu häufig würden Digitalprojekte aus den falschen Gründen gestartet: verfügbares Budget, politischer Druck oder der Wunsch, „auch mal was mit KI zu machen“. Ihre Forderung: „Wirkung muss an erster Stelle stehen.“ Die übliche Logik müsse umgekehrt werden: Nicht Input (Budget), sondern Outcome (Veränderung) und erst dann Output (Lösung) sollten die Reihenfolge bestimmen. Eine Studie der beiden belegt: Die meisten Kommunen wissen am besten über ihr Budget Bescheid, aber nur die wenigsten können sagen, was ihre Projekte bewirkt haben.
Diese Wirkungsorientierung spiegelte sich in KI-Beispielen wider. Sabrina Donner aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg stellte mit Emma ein RPA-System vor, das repetitive Aufgaben automatisiert – etwa die Prüfung von Unterhaltsvorschuss-Anträgen. Die Erfolgsquote liege bei 95 bis 98 Prozent. Entscheidend sei die Bedarfsorientierung: „Normalerweise beschweren sich die Kollegen, dass etwas aufwendig ist. Das ist mein Ansatzpunkt.“ Neu entwickelt hat der Landkreis Intellex, eine KI-Plattform, die auch andere Kommunen nachnutzen können.
Ähnlich pragmatisch ging man in Hannover vor. Laura Askri berichtete über Hanni, einen KI-Chatbot für den Bürgerservice, der DSGVO-konform auf europäischen Servern läuft. „Wir arbeiten fast ausschließlich mit KI-generierten Antworten“, so Askri. Auch Halluzinationen kämen vor, aber das Admin-Center ermögliche es, diese nachzuvollziehen und gegenzusteuern. Einen Einblick in ein groß angelegtes Projekt gab Sören Alvermann aus Hamburg mit der KI-Textassistenz LLMoin.
Cyberhygiene ist essentiell
Doch angesichts all der Innovation nimmt auch die Angriffsfläche zu. Swantje Westpfahl, Cyber- und IT-Krisenmanagerin, warf einen unbequemen Blick auf die Bedrohungslage. Ihre Kernbotschaft: Ransomware-Gruppen sind längst professionelle Unternehmen mit Organigrammen, Urlaubsanträgen und exzellentem Kundensupport. „Die sind nicht ideologisch getrieben, sondern nur am Geld interessiert.“ Der öffentliche Dienst sei mit 38,2 Prozent der Angriffe laut Enisa-Report der am stärksten betroffene Sektor, wobei viele Angriffe schlicht auf veraltete Systeme, schwache Passwörter und Phishing setzen. „Cyberhygiene ist essentiell“, mahnte Westpfahl.
Diese Perspektive griff Krisenmanagerin Sabine Griebsch auf, die als technische Einsatzleiterin den Ransomware-Angriff auf Anhalt-Bitterfeld bewältigt hat. Ihre Erfahrung: „Krisen müssen als strukturelle Normalität kommunaler Digitalisierung begriffen werden.“ Jedes Digitalisierungsprojekt sei zugleich ein Eingriff in die Krisenarchitektur einer Kommune. Griebsch forderte deshalb regelmäßige Übungen, klare Führungsstrukturen und professionelle Krisenkommunikation. Ihr Appell: „Resilienz ist Führungsaufgabe.“
Stand: 08.12.2025
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Zwischen Abhängigkeit und Gestaltungswillen
Die Frage nach dem richtigen Maß digitaler Souveränität stand im Mittelpunkt der Panel-Diskussion mit Westpfahl, Griebsch, Peter Adelskamp (CDO Stadt Essen), Miriam Seyffarth (Open Source Business Alliance) und Alexandros Bouras (ZenDiS). „Wir müssen nach und nach aus dieser Umklammerung raus – überall dort, wo wir Leistungen als Kommune im Bereich Daseinsvorsorge erbringen müssen“, meinte Adelskamp.
Die Schmerzpunkte waren schnell umrissen: explodierende Lizenzkosten, Blackbox-Systeme und fehlende Standards. Seyffarth führte als Beispiel München an, das derzeit von VMware auf Open-Source-Alternativen umstellt – mit dem Ziel von Kostensicherheit und höherer Flexibilität. „Wir befinden uns immer noch in der Digitalisierung“, konstatierte Westpfahl – ein Kapitel, das eigentlich hätte abgeschlossen sein sollen, um sich nunmehr souverän aufstellen zu können. „Aber das wird nicht gemacht.“
Der erste Schritt müsse sein, bestehende Abhängigkeiten transparent zu machen; analog dazu empfahl auch Seyffarth, sich zunächst einen Überblick zu verschaffen: „Welche Software haben wir überhaupt im Schrank? Wie viel davon ist Open Source, wie viel Closed Source?“ Oft fehlten derlei Prozesse zur Inventarisierung. Ähnlich äußerte sich Griebsch mit Blick auf Krisenvorsorge und das Blackbox-Problem. „Wir können nicht abschätzen, was dort drinnen passiert und was mit unseren Daten geschieht.“ Bei der Simulation von Angriffen auf IT-Infrastrukturen fehle der Einblick in proprietäre Software. Ihr Rat: „Fangt mit den priorisierten Leistungen an, mit den wichtigen Leistungen.“
Bouras verwies auf OpenCode, die Plattform des ZenDiS. „Wir bieten Transparenz: Welche Software gibt es, wo kann ich mich anschließen?“ Die Plattform erstelle automatisiert Software-Stücklisten und informiere Entwickler bei Sicherheitslücken per Ticket. „Das ist eine Antwort auf Fachkräftemangel und das Thema Blackbox.“ Zudem ermögliche OpenCode Nachnutzung, man müsse nicht alles neu erfinden.
Kultur schlägt Strategie
Die Konferenz beschloss Julia Lupp, Leiterin des Landratsstabs im Rheingau-Taunus-Kreis und Gründerin der Amtshelden. Ihre These: „Culture eats strategy for breakfast.“ Lupp erzählte von einer Kita-Erzieherin, die Mitte Dezember 2022 – zwei Wochen nach dem Deutschland-Launch – mit ChatGPT einen Elternbrief verfasst hatte. „Ohne Schulung, ohne Dienstanweisung, einfach gemacht.“ ChatGPT habe fünf Tage für eine Million Nutzer gebraucht, Facebook zehn Monate. „Noch nie ist irgendwas in so einer Geschwindigkeit in die Gesamtgesellschaft eingedrungen.“
Während die Technologie aber disruptiv voranschreite, müssten Ideen in Verwaltungen oft den fünfjährigen Dienstweg durchlaufen. Lupp forderte deshalb Mut zum Unfertigen, Mikrolernen als Dauerzustand und die Bereitschaft, auch dünnste Bretter zu bohren: „Transformation fängt nicht im Strategiepapier an, sondern in der Haltung, Dinge einfach mal zu probieren.“ Die größte Gefahr für die Demokratie stellten nicht Trump oder Putin dar, sondern dass die Verwaltung morgen nicht mehr leistungsfähig sei: „Wir sind die Brücke zwischen Staat und Bürgerschaft – und diese Brücke muss erdbebensicher sein: stabil wie flexibel.“