Kolumne Produktiv oder problematisch? KI im Praxistest der Verwaltung

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves 4 min Lesedauer

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Die Einsatzmöglichkeiten von KI in der Verwaltung scheinen unbegrenzt – doch stimmt das wirklich? Professor Niehaves legt auf Basis eines wissenschaftlichen Experiments dar, warum klare Regeln über Erfolg und Scheitern entscheiden. Und warum selbst leistungsfähige KI Fachwissen und kritisches Denken nicht ersetzt.

„KI ist kein Selbstläufer“, mahnt Professor Niehaves.(©  3dkombinat - stock.adobe.com)
„KI ist kein Selbstläufer“, mahnt Professor Niehaves.
(© 3dkombinat - stock.adobe.com)

Gut ein Jahr ist es her, dass ich in meiner Kolumne erstmals auf die konkreten Produktivitätsgewinne und Vorteile beim Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) in der Verwaltung eingegangen bin („Cui Bono: Wer sind die Gewinner des KI-Einsatzes in der Verwaltung?“). Kurz zuvor, im September 2023, war eine sehr vielversprechende Harvard-Studie (Field Experimental Evidence of the ­Effects of AI on Knowledge Worker Productivity and Quality von Dell'Acqua et al., HBS Working Paper 24-013) erschienen, die Mut machte auf die immensen Produktivitätsgewinne, die KI in der Wissensarbeit haben kann. Die Erkenntnisse waren eindrucksvoll: Mit KI-Unterstützung waren die Probandinnen und Probanden nicht nur 25,1 Prozent schneller, sondern lieferten auch eine Qualitätssteigerung von 40 Prozent gegenüber ihren Kolleginnen ohne KI-Hilfe.

Übertragbarkeit auf den öffentlichen Sektor

Aber sind diese vielversprechenden Studienergebnisse auch auf den öffentlichen Sektor übertragbar? Die Harvard-Studie bezog sich allein auf Unternehmensberater des amerikanischen Unternehmens BCG, doch ihre Ergebnisse könnten sich, so meine damalige Vermutung, eventuell auch auf den deutschen öffentlichen Sektor anwenden lassen. Jetzt haben wir uns genau dieser Frage nach der Übertragbarkeit gewidmet. Und – das sage ich mit Stolz – auch unter Einbindung unserer Studierenden.

Denn in den letzten Jahren haben wir an der Universität Bremen den umfassenden Studienschwerpunkt „Government Technology“ aufgebaut und als Team mittlerweile dutzende Vorlesungen auf Bachelor- und Masterniveau gehalten ­sowie eine hohe zweistellige Anzahl an Studienprojekten und ­Abschlussarbeiten betreut. Die Jüngste stammt von unserem Studierenden Sebastian Kling, der den experimentellen Kern der Harvard-Studie für den deutschen öffentlichen Sektor wiederholt hat. Und die Ergebnisse haben es in sich!

Entwicklung digitaler ­Bürgerservices

In der Untersuchung wurden 40 Mitarbeitende aus dem deutschen öffentlichen Sektor mit Aufgaben betraut, die eine Gruppe mit KI-Unterstützung (GPT-4) und die ­andere Kontrollgruppe ohne KI-Unterstützung lösen sollten. Dabei handelte es sich um zwei verschiedene Aufgabentypen: Erstens strukturierte und klare Aufgaben, die innerhalb der technologischen Möglichkeiten der KI liegen („Inside the Frontier“). Diese Aufgaben sind gut datenbasiert und folgen klaren Regeln oder Mustern. Im Experiment wurde hier die Aufgabe gestellt, neue digitale Bürgerservices zu entwickeln. Dies umfasste unter anderem die Ideenentwicklung, Marktrecherche bis hin zur Entwicklung einer Einführungskampagne.

Verwaltungsbereiche ­analysieren

Der zweite Aufgabentyp umfasste komplexe Aufgaben, die außerhalb der Leistungsgrenzen der KI liegen („Outside the Frontier“). Diese zeichneten sich durch kreative Anforderungen oder die Notwendigkeit von tiefgreifendem Kontextverständnis aus. Im Experiment sollten die Teilnehmenden für diesen Aufgabetypus unterschiedliche Verwaltungsbereiche analysieren, bewerten und priorisieren, um mögliche Digitalisierungsinitiativen strategisch auszuwählen.

Die durch beide Gruppen – mit oder ohne KI-Unterstützung sowie als strukturierte und komplexe Aufgabe – erstellten Konzepte und Texte wurden anschließend durch fünf Gutachter objektiv evaluiert, natürlich ohne dass diese wussten, welcher Text von wem bzw. von Menschen mit oder ohne KI-Unterstützung entwickelt worden war.

Auf der nächsten Seite: Wie hilfreich ist KI denn nun wirklich?

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