Bewährtes bewahren, Besseres begrüßen Niedersachsen setzt auf Mix aus Open Source und Microsoft

Das Gespräch führte Susanne Ehneß 6 min Lesedauer

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Niedersachsen ist offen für Open-Source-Lösungen, möchte aber auch weiterhin Microsoft-Produkte nutzen. CIO Dr. Horst Baier erklärt im Interview die Hintergründe und beschreibt die nächsten Schritte der niedersächsischen Verwaltungsdigitalisierung.

Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover: vom Rathaus mit Maschsee über Kröpcke-Uhr bis zu den Skulpturen des Künstlers Niki de Saint Phalle.(©  EH Grafik - stock.adobe.com)
Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover: vom Rathaus mit Maschsee über Kröpcke-Uhr bis zu den Skulpturen des Künstlers Niki de Saint Phalle.
(© EH Grafik - stock.adobe.com)

In der niedersächsischen Verwaltung läuft derzeit der Rollout von Teams. Ist dies als klares Commitment für Microsoft zu deuten?

Baier: Der Einsatz von Teams ist zunächst ein Commitment für die Leistungsfähigkeit von Teams und die damit verbundenen Möglichkeiten einer kollaborativen Zusammenarbeit. Durch die absehbare Abkündigung von Skype bestand in Niedersachsen Handlungsbedarf. Durch die Bereitschaft von Microsoft für weitreichende Datenschutzregelungen in Zusammenarbeit mit dem Landesbeauftragten für Datenschutz können wir das Produkt in einer rechtlich abgesicherten Umgebung betreiben und den Beschäftigten moderne Arbeitsmittel zur Verfügung stellen.

CIO Dr. Horst Baier(©  Bettina Meckel-Wolf)
CIO Dr. Horst Baier
(© Bettina Meckel-Wolf)

Bei künstlicher Intelligenz nutzt Niedersachsen verschiedene Lösungen: Microsofts Copilot, aber auch den aus Hamburg nachgenutzten Assistenten LLMoin. Wie passt das zusammen?

Baier: In Niedersachsen gibt es einen Standard-Arbeitsplatz (NiC: Niedersachsen-Client), der jedoch nicht von allen Behörden genutzt wird. Der Einsatz von Teams erfolgt im ersten Schritt auch nur auf dem NiC. Der Copilot Chat ist im Teams-Paket enthalten und kann auf Basis der bestehenden Datenschutzregelungen ausgerollt werden. Für alle anderen Büroarbeitsplätze kann LLMoin zur Verfügung gestellt werden. Beide KI-Assistenten arbeiten auf der Basis von ChatGPT.
Diese beiden Lösungen reichen auf Dauer aber nicht aus, da wir auch eine „private grounded“-KI im eigenen Rechnungszentrum für vertrauliche Daten benötigen. Durch das Downsizing und die Spezialisierung der Sprachmodelle ergeben sich hier gute Möglichkeiten zur Umsetzung, an denen wir aktuell arbeiten. Es hat sich bei den ersten KI-Projekten auch gezeigt, dass für die Nutzung von KI-Anwendungen einfach zu bedienende Oberflächen für spezielle Fragestellungen hilfreich sind. Hierfür planen den Einsatz einer KI-Plattform.

Wir setzen weiterhin auf Microsoft-Office-Produkte, weil alle Beschäftigten damit gut umgehen können.

Wäre ein kompletter Wechsel zu Open Source in der niedersächsischen Verwaltung überhaupt machbar?

Baier: Wir setzen weiterhin auf Microsoft-Office-Produkte, weil ­alle Beschäftigten damit gut umgehen können und der Datenaustausch keine Probleme bereitet. In bestimmten Bereichen werden aber auch Open-Source-Produkte eingesetzt. Gemäß unserer Digitalstrategie ist der Einsatz von Open Source bei Softwareentscheidungen immer zu prüfen. Entscheidend sind das Preis-Leistungs-Verhältnis und die Anforderungen der Nutzer. In der Steuerverwaltung wird beispielsweise auf 15.000 Arbeitsplätzen Libre Office eingesetzt, weil die Haupttätigkeiten über ein Steuerfachverfahren laufen. Bei der Polizei hatten wir vor einigen Jahren ebenfalls ein Open-Source-­Officeprodukt im Einsatz, dass bei den Beschäftigten aber keine Akzeptanz gefunden hat und mittlerweile nicht mehr genutzt wird.
Wir hängen nicht der Illusion nach, im Zweifel Open-Source-Produkte selbst weiterzuentwickeln. Hierfür fehlen schlichtweg die Entwicklerressourcen im öffentlichen Sektor. Daher brauchen wir auch bei Open-Source-Produkten Partner, die den Betrieb und Service sicherstellen. Ich sehe auch nach wie vor gewisse Sicherheitsrisiken in offenen Strukturen, wie der Fall Log4Shell gezeigt hat. Die Gefahren eines Zugriffes auf Daten durch US-Behörden sind nicht das einzige Risiko, wie die stark angestiegenen Angriffe aus Ländern wie Russland und China und deren Engagement in Community-Gremien zeigen. Hier ist immer eine sorgfältige Abwägung vorzunehmen.

Wie nehmen Sie die Mitarbeiter beim Wechsel auf neue KI-Tools mit?

Baier: Seit letztem Jahr haben wir ein umfangreiches Schulungsprogramm im Rahmen unseres KI-Kompetenzzentrums aufgelegt, um damit für das Thema KI zu sensibilisieren und die Grundanforderungen der KI-Kompetenzpflicht des AI Acts nach Artikel 4 zu entsprechen. Daneben haben wir diverse Austauschformate innerhalb des Landes für User, Spezialisten und Führungskräfte geschaffen. Zusätzlich gibt es regelmäßig Vorträge zu aktuellen Entwicklungen und die Präsentation von Start-ups im Bereich KI. Bei der Einführung von KI-Anwendungen gibt es zusätzlich noch produktbezogene Schulungen.

Oftmals sind souveräne Angebote preiswerter als Produkte von großen Anbietern. Von daher bin ich bereit, souveräne Lösungen prioritär einzusetzen.

Der Ruf nach digitaler Souveränität und damit der Nutzung von Open-Source-Lösungen wird angesichts der politischen Umwälzungen immer größer. Wie stehen Sie als CIO zu diesem Thema?

Baier: Ich begrüße die Entwicklung souveräner Angebote, wie beispielsweise im Bereich KI, Automation oder Cloud. Oftmals sind souveräne Angebote auch preiswerter als Produkte von großen Anbietern. Von daher bin ich bereit, souveräne Lösungen prioritär einzusetzen. Aber hier ist die technologische Leistungsfähigkeit zu beachten. In vielen Segmenten ist die deutsche Softwareindustrie nicht mit der Finanz- und Innovationskraft insbesondere von amerikanischen Herstellern ausgestattet. Die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen sind problematisch, werden aber zu Gegenreaktionen führen und auf Dauer nicht durchzuhalten sein. Insbesondere die USA werden darauf achten müssen, ihre wirtschaftliche Kernkompetenz im Bereich der IT-Industrie nicht massiv zu beschädigen. In Gesprächen mit unseren US-Anbietern stelle ich auch immer die Frage, wie lange sie die politische Beschädigung ihrer Zukunftsperspektiven einschließlich der massiven Investitionen in europäische Rechenzentren noch hinnehmen wollen. Ein gewisser Einfluss auf Entscheidungsträger in der US-Regierung ist ja durchaus vorhanden.

Auf der nächsten Seite: IT-Planungsrat, Pläne für die weitere Verwaltungsdigitalisierung in Niedersachsen.

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