Monatelanger Streit um den Digitalpakt 2.0, Mängel in Infrastruktur und Ausstattung – und die Ausbildung digitaler Kompetenzen von Schülern und Lehrern bleibt derweil auf der Strecke. Um endlich schneller voranzukommen, schlägt das HPI in einem Positionspapier einen ganz neuen Ansatz vor: „Digitalschulen“ nach dem Vorbild der Musikschulen.
Professor Patrick Baudisch, Fachgebietsleiter „Human Computer Interaction“ am Hasso-Plattner-Institut hat das Positionspapier „Digitalschulen“ für Deutschland initiiert.
„Die Verbreitung digitaler Bildung gestaltet sich zu langsam, viele Angebote erreichen nicht die notwendige Skalierung, und die Ausbildung der Lehrkräfte erfordert beträchtliche Zeitressourcen“ – so schätzt das Hasso-Plattner-Institut in einem aktuellen Positionspapier den Status quo in Deutschland ein. Die Maßnahmen der Bundesregierung werden dabei durchaus gesehen, der DigitalPakt Schule stelle „einen der wichtigsten politischen Meilensteine im Bereich der digitalen Bildung dar“, heißt es. Dennoch scheitern Schulen vielerorts an mangelhafter Infrastruktur; zu komplexe Antragsverfahren verlangsamen die Entwicklung und es fehlt auch an didaktischem Material und Kompetenzen bei den Lehrkräften.
Parallel seien in den letzten Jahren auch verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen entstanden – mit dem Fokus auf die Ausbildung digitaler Kompetenzen von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern. Als Beispiele werden etwa Jugend hackt19, FabLab Kids20, Digitale Helden21, Code.org22, Junge Tüftler23 oder CoderDojo24 genannt. Und es geht hier – auch dem HPI – um mehr als nur den Umgang mit digitaler Technologie. Die genannten Initiativen legten besonderen Wert auf Aspekte wie Teamarbeit, Problemlösungskompetenzen und kritisches Denken, wie im Positionspapier betont wird. Eben diese Fähigkeiten müssten gestärkt werden, um den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft gerecht zu werden.
Digitalschulen als „Brückentechnologie“
Doch bis eine umfassende digitale Kompetenz flächendeckend etabliert sei, werde noch einige Zeit vergehen; in der Zwischenzeit seien alternative Lösungen dringend erforderlich – und das Hasso-Plattner-Institut stellt einen neuen Lösungsansatz vor: staatlich anerkannte und geförderte „Digitalschulen“ – nach dem Vorbild der etablierten Musik- und Kunstschulen.
Die Digitalschulen sollten „Schülerinnen und Schülern ein umfassendes und praxisnahes Lernumfeld bieten, das sie auf die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt vorbereitet“. Die staatliche Anerkennung und Förderung sind die Grundlage für einen hohen Qualitätsstandard, durch die Förderung sollen zudem die Elternbeiträge niedrig gehalten werden, damit das Angebot allen Schülerinnen und Schülern offensteht. Der Unterricht an den Digitalschulen wird dabei als komplementäres Angebot zum regulären Schulunterricht verstanden und als „Brückentechnologie“ – bis Reformen der Lehrerausbildung und flächendeckende Bildungsinfrastruktur umgesetzt sind.
Mit der Schaffung staatlich anerkannter Digitalschulen würden wir komplementär zum regulären Schulangebot die Förderung der digitalen Kompetenzen unserer zukünftigen Generationen beschleunigen und gleichzeitig den Digital-Standort Deutschland stärken.
Professor Patrick Baudisch, Leiter HCI am Hasso-Plattner-Institut und Initiator des Positionspapiers
Die Digitalschulen sollten nach dem bestehenden rechtlichen Rahmen zur Förderung von Musik- und Kunstschulen organisiert sein. Das HPI schlägt daher vor, eine entsprechende Gesetzesadaption zu entwerfen. Wie das konkret aussehen kann, wird dabei am Beispiel des Musikschulgesetzes des Landes Brandenburg verdeutlicht. Hier sind zu den Punkten „Staatliche Anerkennung“, „Anerkennungsverfahren, Hinzuziehung Dritter“ und „Förderung durch das Land“ jeweils die entsprechenden Förderkriterien für Digitalschulen aufgeführt:
Zu den Bedingungen für die Anerkennung als Digitalschule gehören demnach Rahmenlehrpläne, Kooperationen mit anderen Bildungseinrichtungen und zugängliche Angebote für Menschen mit Behinderungen. Im Einzel- und Gruppenunterricht ist ein Angebot aus mehreren Informatik-Fachthemen vorgesehen:
Softwareentwicklung und Programmierung,
Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen,
Datenanalyse,
Digitales Design,
Digitale Medienbildung,
Virtuelle Realität und Augmented Reality,
Cybersecurity und Datenschutz,
Digitales Unternehmertum und Innovation sowie
praxisnahe Projekte.
Zusätzlich sollen – wie auch in Musikschulen – Talente speziell gefördert werden. Lehrkräfte sollen mehrheitlich über einen berufsqualifizierenden Hochschulabschluss in Informatik oder eine gleichwertige Ausbildung verfügen. Hier stellt sich allerdings die Frage, wie diese IT-Fachkräfte gewonnen werden sollen – die ja nicht nur generell im öffentlichen Sektor fehlen, sondern auch von Unternehmen umworben werden.
Es sei im Prinzip noch zu früh, diese Frage zu beantworten, erklärte Prof. Baudisch auf Nachfrage der Redaktion. „Gleichzeitig ist zu vermuten, dass die Anzahl der öffentlichen Töpfe, die sich für ‚Digitalschulen‘ mobilisieren lässt, größer ist als die für die Musikschulen – einfach aufgrund der besonderen Relevanz für die Gesellschaft und die volkswirtschaftliche Entwicklung. Das sollte sich auf die Gehälter positiv auswirken."
Im Positionspapier wird auch auf die Kooperation mit etablierten außerschulischen Bildungsinitiativen, EdTech-Unternehmen und anderen externen Partnern verwiesen, diese Zusammenarbeit sei „ein entscheidender Schritt, um das Fachwissen im Bereich digitaler Kompetenzen effektiv zu bündeln und zu stärken, beispielsweise durch öffentlich-private Partnerschaften (Public Private Partnerships)“.
Stand: 08.12.2025
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Es sei dringend erforderlich, „dass alle relevanten Interessengruppen zusammenarbeiten und sich für die Schaffung eines umfassenden und integrativen Ansatzes zur digitalen Bildung und Form von staatlich anerkannten Digitalschulen einsetzen“, heißt es abschließend.