Verwaltungsdigitalisierung kann nicht „auf der grünen Wiese“ stattfinden. Um den Praxisbezug und die nötige Fachexpertise zu sichern, setzen Verwaltungen aller föderalen Ebenen auf Digitalräte – so auch das Land Sachsen-Anhalt, wo der Digitalrat vor einigen Wochen seine zweite Amtszeit begann.
„Wir brauchen die Expertise der neun Fachleute, um mit Blick auf die weitere Digitalisierung in allen Lebensbereichen gute und vor allem punktgenaue Entscheidungen treffen zu können“, sagte Dr. Lydia Hüskens, Ministerin für Infrastruktur und Digitales in Sachsen-Anhalt. Die neun Fachleute – damit meinte sie die Mitglieder des Digitalrats, die das Ministerium in den Bereichen Technologie, Innovation und Digitalisierung beraten. Sie arbeiten ehrenamtlich und bringen Expertise aus ganz unterschiedlichen Bereichen mit.
Prof. Dr. Jürgen Stember, Hochschule Harz, Präsident der Rektorenkonferenz der Hochschulen für den öffentlichen Dienst.
Etwa aus dem Bereich der Verwaltungswissenschaften: Prof. Dr. Jürgen Stember, Hochschule Harz, ist Präsident der Rektorenkonferenz der Hochschulen für den öffentlichen Dienst. Vor seiner akademischen Laufbahn hat er aber auch praktische Erfahrungen in der Kreisverwaltung Soest, in der Wirtschaftsförderung und Verwaltungsmodernisierung erworben. Die Arbeit mit Beiräten – für mehr Praxisnähe – kennt er aus beiden Bereichen. „Für das Thema Digitalisierung mag der „Mode-Aspekt“ noch eine gewisse Rolle spielen, meint Stember. Halte man sich aber die wichtigsten Aufgaben eines Beirats vor Augen, nämlich die Integration von Expertenwissen aus unterschiedlichen Bereichen, Legitimation und Rechtfertigung der eigenen Arbeit sowie Reflexionsmöglichkeit des Alltags, werde schnell klar, warum sich Beiräte einer großen Beliebtheit erfreuten. Zudem seien sie sehr günstig, da die Mitglieder meist ehrenamtlich agierten.
Gerald Swarat leitet das Berliner Kontaktbüro des Fraunhofer IESE.
Gerald Swarat, Leiter des Berliner Kontaktbüro des Fraunhofer IESE (Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering) beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf Staat und Gesellschaft, insbesondere auf kommunaler Ebene, in den ländlichen Räumen. Einblicke in interne Prozesse und Meinungsbildungen und die Mitarbeit an strategischen Themen machen für ihn den Reiz aus, beim Digitalrat mitzuwirken, ebenso wie die Möglichkeit, beim Kompetenzaufbau zu unterstützen. „Ich habe besonders viel gelernt über die Arbeit im Maschinenraum unserer Gesellschaft, der Verwaltung, und bin immer wieder begeistert, was für engagierte Leute sich voller Absicht und mit klarem Kopf in das System begeben, um es von innen heraus zu modernisieren“, sagt Swarat.
Im Fokus: Digitalisierung im ländlichen Raum
Aber wie arbeitet der Digitalrat konkret? Man treffe sich ca. vier mal im Jahr zu Besprechungen, berichtet Jürgen Stember. Grundsätzlich können die Mitglieder selbst Themenschwerpunkte setzen, das Ministerium gibt ebenfalls Themen vor, um die unterschiedlichen Perspektiven einzubinden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt aber auf der Digitalisierung im ländlichen Raum. Aus gutem Grund, denn rund 80 Prozent der Sachsen-Anhaltiner leben in ländlichen Gemeinden. Und auch der Begriff „Fläche“ erfährt hier eine besondere Ausprägung, so groß sind die Gebiete. Die Hansestadt Gardelegen etwa ist flächenmäßig die drittgrößte Stadt Deutschlands, sie besteht neben einem kleineren städtischen Kerngebiet aus fast 50 ländlichen Ortsteilen. Sachsen-Anhalt ist also geradezu prädestiniert für Initiativen wie Coworking-Spaces im ländlichen Raum.
Tobias Kremkau, CoWorkLand eG (Beratung/Entwicklung), im Gespräch
Tobias Kremkau ist bei CoWorkLand eG für Beratung und Entwicklung verantwortlich und bringt diese Expertise in die Arbeit des Digitalrats ein: „Meine Erfahrungen mit Coworking-Spaces im ländlichen Raum haben deutlich gezeigt, dass diese Projekte weit über die Verbesserung digitaler Infrastrukturen hinausgehen. Sie wirken als Katalysatoren für soziale und wirtschaftliche Entwicklungen.“ In ländlichen Regionen wie der Altmark oder dem Harz seien Coworking-Spaces mehr als nur Arbeitsorte, sie würden zu „sozialen Treffpunkten, die Gemeinschaft, Innovation und Zusammenarbeit fördern. Solche Initiativen brauchen wir dringend in größerer Zahl in unserem Bundesland“, so Kremkau. Er lege auch anhand konkreter Beispiele dar, wie Coworking die lokale Wirtschaft stärkt und neue Arbeitsplätze schafft und freue sich, wenn entsprechende Vorschläge übernommen werden.
Was Digitalräte leisten und wo die Grenzen liegen
Die Freude, wenn Vorschläge auf Resonanz stoßen und Eingang in Strategien finden, teilt auch Gerald Swarat, das betrifft zum Beispiel das Thema „Daseinsvorsorge in der digitalen Welt“. Zugleich sind sich die Beiratsmitglieder aber auch bewusst, wo die Grenzen ihrer Arbeit im Digitalrat liegen – eben in der Beratung und der Distanz zum operativen Handeln, wie es Jürgen Stember formuliert: „Nicht selten erlebe ich in der Diskussion auch bei mir den Drang, selbst ins Handeln einzusteigen. Doch genau da lägen die Grenzen. „Wir treffen keine Entscheidungen und haben auch keine Befugnisse hinsichtlich der Digitalstrategie des Landes Sachsen-Anhalt“, bestätigt auch Tobias Kremkau. Digitalräte könnten als wertvolle Impulsgeber in der digitalen Transformation agieren, indem sie innovative Ideen einbringen und bewährte Praktiken aus anderen Regionen oder Sektoren vorschlagen. „Sie leisten dabei einen wesentlichen Beitrag durch ihre technische Expertise, die in der Verwaltung oftmals fehlt.“
Stand: 08.12.2025
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Erfolgsfaktoren für die Arbeit der Digitalräte
Welche Voraussetzungen brauchen Digitalräte, um erfolgreich arbeiten zu können? Grundlegend ist natürlich die Zusammenarbeit mit der jeweiligen Verwaltungseinheit, in diesem Fall mit dem Ministerium – die als offen und konstruktiv beschrieben wird.
Ein wesentlicher Faktor ist aber auch die Zusammenarbeit innerhalb des Teams. „Die Mitglieder kennen sich aus verschiedenen Netzwerken teilweise schon länger und agieren deshalb vertrauensvoll und respektvoll miteinander“, sagt Gerald Swarat. Durch die gute Zusammensetzung gebe es auch keine Konkurrenz um Themenhoheit oder Einfluss, „so dass wir offen und themenorientiert diskutieren“. Nachdem man sich persönlich und auch hinsichtlich der vorhandenen Schwerpunkte kennengelernt habe, sei das Klima sehr gut, vor allem offen und hierarchiefrei, bestätigt auch Jürgen Stember. Da er bereits dem Vorgängergremium, dem Digitalbeirat, angehörte, der auch Teilnehmer aus der Wirtschaft einschloss, kann er zudem einen direkten Vergleich ziehen. Aufgrund der größeren Mitgliederzahl sei der Austausch seinerzeit nicht gerade umfangreicher und offener gewesen, so Stember. Auch vermeintliche oder tatsächliche Einflussnahmen der Kollegen aus der Wirtschaft seien ein Thema gewesen. „Der Digitalrat hatte und hat diese Nachteile nicht, weshalb die Zusammenarbeit deutlich freier und meines Erachtens auch deutlich besser und intensiver geworden ist.“
Tobias Kremkau sieht vor allem eine klare Kommunikation und ein gemeinsames Verständnis der Ziele als zentrale Punkte. Gleich zu Beginn habe man sich im Digitalrat auf diese Grundlagen verständigt und „ein Themenpapier erarbeitet, in dem jedes Mitglied seine Perspektiven und die als besonders relevant erachteten Themen eingebracht hat“.
Durch den regelmäßigen Austausch, einen strukturierten Arbeitsrahmen und klar definierte Aufgabenbereiche würde zudem die notwendige Verbindlichkeit geschaffen. „Was uns bisher noch fehlt, ist ein Monitoring-System, das die Fortschritte der digitalen Maßnahmen transparent darstellt und aufzeigt, wie der Digitalrat zu diesen Ergebnissen beigetragen hat. Ein solches System wäre ein wichtiger nächster Schritt, um die Arbeit des Rats noch wirkungsvoller zu gestalten“, so Kremkau.