Observability Frühwarnsysteme für digitale Verwaltungen

Ein Gastbeitrag von Stefan Marx 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Wenn Verwaltungsportale überlasten oder Fachverfahren ins Stocken geraten, hat das reale Auswirkungen: Bürgerinnen und Bürger erhalten keine Termine, Leistungen verzögern sich, die Behörden geraten unter Druck. Doch viele Störungen bleiben unsichtbar, denn: Die größten IT-Katastrophen sind oft diejenigen, die dank präziser Vorarbeit nie (vollständig) eintreten.

Mittels Observability ist es auch in weit verteilten Systemen möglich, den Überbllick über auftretende Probleme zu behalten.(Bild:  frei lizenziert / KI-generiert /  Pixabay)
Mittels Observability ist es auch in weit verteilten Systemen möglich, den Überbllick über auftretende Probleme zu behalten.
(Bild: frei lizenziert / KI-generiert / Pixabay)

Was passiert, wenn der Datenbankserver eines Sozialamts versagt? Oder wenn durch ein temporäres hohes Nutzeraufkommen ein Bürgerportal überlastet? In vielen Fällen bleibt die Öffentlichkeit ahnungslos – weil eingespielte Prozesse, erfahrene Teams und intelligente Tools das Schlimmste verhindern. Selbst externe Akteure wie der Chaos Computer Club (CCC) tragen mit vertraulichen Hinweisen zur Absicherung digitaler Infrastruktur bei. Dieses Modell der „Responsible Disclosure“ zeigt: Sicherheit beginnt nicht erst mit bzw. bei der Katastrophe, sondern lange vorher – mit einem aktiven Risikobewusstsein und richtiger Prävention.

Observability, also die Fähigkeit, über den Output eines IT-Systems seinen inneren Zustand zu überwachen und zu analysieren, ist der Schlüssel zu diesem Bewusstsein. Während große IT-Pannen mit einem singulären Auslöser regelmäßig Schlagzeilen machen, gibt es dank moderner Observability-Strategien täglich zahlreiche Beinahe-Katastrophen, die nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Denn die Mehrzahl der täglichen technischen Probleme entstehen aus der Summe einer Vielzahl von verschiedenen, oft systematischen oder lastabhängigen Fehlern, die sich mit geeigneten Monitoring- und Observability-Methoden frühzeitig erkennen und beheben lassen.

Früherkennung statt Panikmodus

Um IT-Katastrophen zu vermeiden, sind zwei Dinge essenziell: umfassende Daten und ausreichend Fachkräfte, die diese korrekt auswerten können. Moderne Observability-Plattformen vereinen beispielsweise die Analyse von Logs, Metriken und Tracing-Technologien, um ein ganzheitliches Bild der IT-Infrastruktur zu ermöglichen. Solche Daten dienen dazu, potenzielle Schwachstellen frühzeitig zu identifizieren, noch bevor sie zu realen Problemen eskalieren.

Ein plötzlicher Anstieg von Fehlermeldungen im Backend einer Verwaltungsanwendung kann ein Hinweis auf bevorstehende Ausfälle sein. Mithilfe von Tools zur IT-Beobachtung können IT-Teams sofort reagieren, bevor der Regelbetrieb ins Wanken gerät.

Gerade solche Totalausfälle treten häufig zu besonders ungünstigen Zeitpunkten auf, an denen die Folgen besonders viele Personen betreffen. In der Praxis entstehen viele schwerwiegende IT-Probleme durch plötzliche Lastspitzen – etwa durch Bürgeranfragen oder Fristabläufe – oder durch Störungen im Backend, die zu Verzögerungen bei der Datenverarbeitung führen. Fehlt es an Observability, bleiben solche Vorfälle oft unentdeckt, bis sie kritisch werden und die Systeme an ihre Belastungsgrenzen geraten. Dabei überlaufen Puffer und Backlogs, und selbst robuste Systeme gelangen an ihre Grenzen. Die Wiederherstellung nach einem solchen kritischen Punkt ist meist deutlich aufwändiger und beeinträchtigt zusätzlich den regulären Betrieb.

In vielen Fällen sind es nicht die offensichtlichen Komplettausfälle, sondern schleichende, subtile Abweichungen, die sich aufgrund der starken Vernetzung und Abhängigkeiten innerhalb der IT-Infrastruktur zu schwerwiegenden Problemen entwickeln. Mit zunehmender Komplexität steigt auch die Fehleranfälligkeit. Observability schafft hier Abhilfe, indem sie hilft, ungewöhnliche Zugriffsmuster, Performance-Probleme oder Engpässe frühzeitig zu identifizieren.

Komplexes System, komplexe Risiken

Verwaltungs-IT ist häufig ein Zusammenspiel aus neuen Architekturen und Altsystemen, föderalen Schnittstellen, Dienstleistern und Behördenstrukturen. Solche Umgebungen sind naturgemäß fehleranfälliger. Nicht, weil sie schlecht gemacht sind, sondern weil sie vielschichtig, lang gewachsen und voneinander abhängig sind. Die größten Risiken in vernetzten Systemen sind oft jene, die sich schleichend entwickeln: kleine Abweichungen, zeitversetzte Engpässe oder unerwartete Interaktionen zwischen Komponenten. Allzu oft sind kleine, wenig beachtete oder jahrelang gewachsene Nischenanwendungen unerkannte kritische Engstellen in der vernetzten Anwendungslandschaft. Gerade bei Anwendungen, die oft mit Drittsystemen, etwa aus anderen Ämtern, Behörden oder Landesplattformen kommunizieren, sind solche Interdependenzen zahlreich. Je komplexer die IT-Infrastruktur, desto größer ist die Gefahr, dass Fehler unbemerkt weitergegeben werden.

Diese Besonderheiten machen eGovernment-Anwendungen besonders anfällig für Fehlerketten, mit weitreichenden Folgen für Benutzerinnen und Benutzer sowie die Betreiber. Während etwa bei Ausfällen im Onlinehandel Alternativen bestehen, fehlen im öffentlichen Sektor häufig Ausweichlösungen. Fällt ein eGov-Service im Dialogbetrieb aus, kann dies Bürger und Bürgerinnen unmittelbar treffen – die Sichtbarkeit solcher Vorfälle in der Öffentlichkeit ist entsprechend hoch.

Die Herausforderung dynamischer Architekturen

Ein weiterer Risikofaktor liegt in der zunehmenden Automatisierung von Prozessen. Systeme mit KI-basierten Entscheidungsmechanismen oder adaptiven Verhaltensmustern sind schwerer vorhersagbar – besonders, wenn menschliche Fachverfahren mit maschinellen Entscheidungen verzahnt werden. Auch in digitalen Verwaltungen, die aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels besonders von KI-Anwendungen profitieren können, entstehen dadurch neue, nicht deterministische Herausforderungen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Wöchentlich die wichtigsten Infos zur Digitalisierung in der Verwaltung

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Observability bietet hier einen entscheidenden Vorteil: Sie dokumentiert, analysiert und macht nachvollziehbar, wie und warum Systeme bestimmte Entscheidungen treffen oder Abweichungen auftreten – eine Fähigkeit, die im Behördenkontext auch für Revisionen oder Bürgerbeschwerden wichtig wird.

Zukunftsfähige IT braucht tiefe Einblicke

Mit der steigenden Verbreitung verteilter, hochvernetzter Systeme wächst auch die Bedeutung von Observability kontinuierlich. Besonders Branchen mit hoher Systemlast und hoher öffentlicher Relevanz – wie der öffentliche Sektor – profitieren von Echtzeit-Analysen und tiefer Systemtransparenz. Moderne Observability-Plattformen, erkennen Fehler früher, können fundierter agieren und minimieren Risiken nachhaltig.

Zudem verlagert sich die Verantwortung für den laufenden Betrieb zunehmend auf Entwicklungsteams – auch in öffentlichen IT-Abteilungen oder bei externen Dienstleistern. Observability unterstützt sie dabei, auch unter Zeitdruck faktenbasierte Entscheidungen zu treffen und stabilere Systeme zu betreiben.

Denn auch wenn IT-Katastrophen mediale Aufmerksamkeit erzeugen – die wahren Erfolge zeigen sich in den zahlreichen verhinderten Ausfällen. Besonders in der kritischen Infrastruktur von Verwaltungen und öffentlichen Einrichtungen ist Observability nicht nur hilfreich, sondern essenziell. Um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und zu erhalten, müssen IT-Systeme stabil, sicher und zuverlässig funktionieren.

Stefan Marx
ist seit über 20 Jahren in der IT-Entwicklung und -Beratung tätig. In den vergangenen Jahren arbeitete er mit verschiedenen Architekturen und Techniken wie Java-Enterprise-Systemen und spezialisierten Webanwendungen. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen in der Planung, dem Aufbau und dem Betrieb der Anwendungen, mit Blick auf die Anforderungen und Problemstellungen hinter den konkreten IT-Projekten. Stefan Marx ist Director Product Management für die EMEA-Region beim Cloud-Monitoring-Anbieter Datadog.

Bildquelle: Datadog

(ID:50420965)