Den schleichenden Blackout verhindern

Digital first statt Digitalisierung ohne Sinn und Verstand

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Da aber die Erfahrungen in Deutschland mit Mammutprojekten in der Digitalisierung nicht von Erfolgsgeschichten geprägt sind, müssen wir besonders achtgeben, ob dieser Weg Erfolge bringt. Eins ist allerdings sicher: Schnelle Erfolge werden es jedenfalls nicht.

Damit diese gelingen, brauchen wir ein neues Betriebssystem unserer Verwaltung: Bei jedem Digitalisierungsprojekt muss zunächst geprüft werden, ob es den Vorgang überhaupt noch bedarf. Der beste digitale staatliche Prozess ist der, der wegfallen kann. Dann müssen wir in den Blick nehmen, ob entsprechende staatliche Leistungen ohne Antrag oder aufwändige Nachweiserbringung bewilligt werden können. Wir müssen einen Fokus legen auf die Automatisierung von regelbasierten Verfahren. Dafür können auf die Kommunen übertragene Auftragsangelegenheiten zurückgenommen und durch die Bundesregierung für diese Leistungen zentrale digitale Verfahren bereitgestellt werden.

Valentina Kerst ist Staatssekretärin a.D., Gründerin und Unternehmerin. (Bild:  Valentina Kerst)
Valentina Kerst ist Staatssekretärin a.D., Gründerin und Unternehmerin.
(Bild: Valentina Kerst)

In Zeiten von Fachkräfte- und Personalmangel bietet die Automatisierung von regelbasierten Verwaltungsverfahren sowohl für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung wie auch für die Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen durch mehr Nutzerfreundlichkeit große Vorteile. Mit dem bereits genannten kommenden Fachkräftemangel in der Verwaltung werden wir Wege finden müssen, wie diese ihre Aufgaben dennoch erfüllen können. Hier plädieren wir wiederholt intensiv dafür, sich die einzelnen Prozesse nochmals anzuschauen. Denn mit dem Fachkräftemangel öffnet sich eine sehr große Tür, um Prozesse zu hinterfragen. Das „Das haben wir immer so gemacht“-Prinzip wird argumentativ nicht mehr Bestand haben. Wenn alle an einem Strang ziehen – diejenigen, die das fachliche Know-how besitzen und diejenigen, die die „Digitalisierungskompetenz“ mitbringen – kann der deutsche Staat den Rückstand aufholen, digitale Blackouts vermeiden und das Vertrauen der Bürger und Bürgerinnen sowie der Unternehmen zurückgewinnen.

Gleichzeitig braucht Verwaltung interne Digitalisierungsexpertise. Hier ist die Abhängigkeit von Tech-Unternehmen des deutschen Staates und der deutschen Wirtschaft an vielen Stellen zu hoch. Wir brauchen eine Offensive zur Wiedergewinnung der digitalen Souveränität unseres Staates. Dafür braucht es die Vernetzung der bestehenden Digitalisierungsinstitutionen, seien es nun Behörden, Agenturen oder staatliche Dienstleister. Erfolgreiche Verwaltungsdigitalisierung braucht ein starkes Umsetzungsökosystem, welches vernetzt und kooperativ agiert. Vorbilder wie die Digital Service GmbH auf Bundesebene sollten auch in den Ländern geprüft werden oder ihr Auftrag entsprechend erweitert werden. Es geht nicht darum, alles selbst zu machen. Es geht darum, auf Augenhöhe agieren und Vor- und Nachteile digitaler Projekte selbst abwägen zu können.

Wir sehen aktuell, dass es sich trefflich darüber streiten lässt, wie viel Budget für die Digitalisierung zur Verfügung gestellt werden soll. Wichtiger ist jedoch, dass es ein kontinuierliches Budget gibt. Wir sollten uns davon verabschieden, dass Digitalisierung ein Projekt ist. Es ist vielmehr ein fortlaufender Prozess, der sich und mit dem wir uns stetig weiterentwickeln.

Der Beitrag basiert auf dem Buch „Schleichender Blackout. Wie wir das digitale Desaster verhindern“, das gerade im Dietz Verlag erschienen ist.

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