Peter Ganten im Interview Der gute Ruf von Open Source

Das Gespräch führte Nicola Hauptmann 7 min Lesedauer

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Bei der UN-Konferenz „OSPOS for Good“ zeigte sich: Deutschland ist beim Thema Open Source in der Verwaltung bereits in einer Vorreiterrolle. Auch Peter Ganten sieht openDesk und OpenCoDE als Erfolgsprojekte. Im Interview spricht er darüber, was sich bei Vergabe und Beschaffung noch ändern muss – und über erste Ergebnisse im DVC-Projekt.

Wenn der Staat als einer der größten Beschaffer von IT seine Kaufkraft richtig einsetze, habe er  die Chance, die Spielregeln zu ändern und sich aus der Abhängigkeit von einigen wenigen proprietären Lösungsanbietern zu befreien, sagt Peter Ganten, Vorsitzender der OSB Alliance.(© FOTO_UND_BILDERWERK_SVEN_SEEBERGEN)
Wenn der Staat als einer der größten Beschaffer von IT seine Kaufkraft richtig einsetze, habe er die Chance, die Spielregeln zu ändern und sich aus der Abhängigkeit von einigen wenigen proprietären Lösungsanbietern zu befreien, sagt Peter Ganten, Vorsitzender der OSB Alliance.
(© FOTO_UND_BILDERWERK_SVEN_SEEBERGEN)

Wie bewerten Sie den aktuellen Stand und die neuen gesetzlichen Regelungen zum Einsatz von Open Source in der öffentlichen Verwaltung in der Schweiz?

Ganten: Politische Mandatsträger verstehen immer besser, dass die Nutzung von Open Source Software ein zentraler Schlüssel zur Schaffung und Sicherung von Gestaltungs- und Kontrollfähigkeit bei der Digitalisierung ist. Das drückt sich nun erfreulicherweise in der Schweiz in der gesetzlichen Bevorzugung von Open Source Software beim Einsatz von IT in der öffentlichen Verwaltung aus. Ähnliche Beispiele sehen wir auch etwa beim Onlinezugangsänderungsgesetz in Deutschland oder in einzelnen Bundesländern wie Schleswig-Holstein oder Thüringen. Insgesamt sind das sehr positive Anfänge.
Aber: Ein Gesetz besteht zunächst nur aus „geduldigen“ Buchstaben auf Papier. Wichtig ist, es auch zur gelebten Praxis zu machen. Und dafür braucht es auch politischen Willen und Personen, die sich beherzt der Umsetzung annehmen. Die entscheidenden und ausführenden Personen müssen aufgeklärt werden, was die Umsetzung des Gesetzes in der Praxis bedeutet oder was es zum Beispiel bei der Beschaffung und Beauftragung zu bedenken gibt. Und dann müssen auch durch entsprechende Beauftragungen Signale in den Markt gesendet werden, dass es der Entscheiderebene mit der Umsetzung ernst ist, so dass Planungssicherheit für die Wirtschaft entsteht, wenn sich diese entsprechend in Richtung Open Source umorientiert.

Welche Chancen, aber auch Herausforderungen ergeben sich daraus?

Ganten: Als grundsätzlich erfreulich sehe ich den positiven Einfluss auf die Wahrnehmung und den Stellenwert von Open Source, der sicher auch über die öffentliche Hand hinaus abstrahlen wird. Die wirklichen Chancen für Verwaltung und Gesellschaft entstehen aber erst durch die Umsetzung, also den tatsächlichen Einsatz von Open Source: Bessere Anpassbarkeit an die eigenen Bedürfnisse, die Möglichkeit zur Nachnutzung und Weiterentwicklung durch andere. Open Source ist aus der Sicht von Nachhaltigkeit nicht zu überbieten. Und daher ist ja auch der Grundsatz „Public Money? Public Code!“ so richtig und wichtig.
Wenn der Staat als einer der größten Beschaffer von IT seine Kaufkraft richtig einsetzt, hat er die Chance, die Spielregeln zu ändern und sich aus der Abhängigkeit von einigen wenigen proprietären Lösungsanbietern zu befreien, die ja ausschließlich in Staaten beheimatet sind, deren innen- und damit auch außenpolitische Entwicklung wir weder sicher vorhersagen noch beeinflussen können und die sich jederzeit auch gegen uns wenden kann.
Wichtigste Herausforderung ist es also, das Gesetz mit Leben zu füllen. Dazu gehört unter anderem, gute Lösungen anzubieten, die tatsächlich auch von der Verwaltung einfach genutzt werden, die einen Mehrwert über den „politischen Aspekt“ hinaus bieten und die perspektivisch zum Standard in vielen Behörden werden können. Wie das funktionieren kann, zeigt etwa das vom ZenDiS im Auftrag des BMI initiierte Projekt openDesk. Dieses Paket aus miteinander integrierten, für sich jeweils tausendfach erprobten Open Source Lösungen für moderne Bürozusammenarbeit wurde auf der Smart Country Convention in Berlin gerade in Version 1.0 für den Produktivbetrieb vorgestellt. Und schon heute haben eine ganze Reihe von Bundesbehörden und Ländern damit Tests und Piloten laufen und führen Erprobungen auch in Bezug auf die Usability durch. Denn die Akzeptanz solcher Lösungen in der Verwaltung steigt und fällt mit der einfachen Nutzbarkeit, das wissen wir ganz genau.

Was kann Deutschland daraus lernen?

Ganten: Zum Glück stehen wir, wie Projekte wie openDesk zeigen, in Deutschland keineswegs bei Null. So wurde beispielsweise mit OpenCoDE in sehr kurzer Zeit ein inzwischen viel genutztes und sich stetig füllendes Software-Repository etabliert. Darin veröffentlichen Behörden Code und zunehmend auch Dokumente, um mit anderen öffentlichen Stellen einfacher zusammenzuarbeiten und es ihnen zu ermöglichen, schneller eigene Projekte zu realisieren. Dank openCode können Verwaltungen auf existierenden Code zugreifen können, statt das Rad jedes Mal wieder neu zu erfinden – das ist der Open-Source-Gedanke par excellence!
Was in Deutschland aber tatsächlich noch fehlt, ist eine gesetzlich verbindliche Regelung, die sich auf alle Beschaffungen und alle digitalen Infrastrukturen der Verwaltung auswirkt wie in der Schweiz. Die Vergabereform ist dafür ein wichtiger Hebel, um Aspekte wie digitale Souveränität und Open Source als entscheidende Kriterien in Beschaffungsprozessen zu verankern.
Natürlich kann nicht jede Anwendung von heute auf morgen auf Open Source umgestellt werden. Vielmehr brauchen wie beim Kohleausstieg oder der Mobilitätswende eine langfristige Strategie, mit der wir etwa festlegen, ab 2035 keine proprietäre Software für die öffentliche Hand mehr zu beschaffen. Das muss mit Zwischenzielen wie etwa der Verwendung von 20 Prozent der IT-Ausgaben im Open-Source-Umfeld schon im kommenden Jahr und entsprechenden Messungen flankiert werden. Eine solche Strategie hätte einen massiven Investitions- und Innovationsschub für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und die mittelständische Wirtschaft in Deutschland gleichermaßen zur Folge.

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Bei der diesjährigen UN-Konferenz „OSPOS for Good“ zeigte sich, dass Deutschland eine Vorreiterrolle in Bezug auf Open Source einnimmt. Andreas Reckert-Lodde, zu dem Zeitpunkt Geschäftsführer des ZenDiS verwies u. a. darauf, dass wesentliche, von der UN formulierte Punkte – Softwareverzeichnis, Bewertung von Lizenzen, zentrale Plattform, Bündelung von Initiativen – durch die OpenCoDE Plattform bereits erfüllt sind bzw. durch die Deutsche Verwaltungscloud (DVC). Wo sehen Sie noch Herausforderungen oder Hürden für den flächendeckenden Einsatz von OSS in der öffentlichen Verwaltung in Deutschland?

Ganten: Ein wichtiger Punkt ist die Beschaffung. Mit dem OZG 2.0 und der dort verankerten vorrangigen Beschaffung von Open Source Lösungen wurde ein wichtiger Schritt getan. Das geht jedoch noch nicht weit genug, der Vorrang von Open Source muss auch allgemein im Vergaberecht implementiert werden. Wie schon gesagt, ist das Projekt openDesk immens wichtig und könnte zum Türöffner für den Einsatz und für die Akzeptanz von Open Source in der Verwaltung werden.
openDesk zeigt auch, dass solche Lösungen nicht einfach Alternativen sind, die als Verhandlungsmasse gegenüber proprietären Anbietern als der gelegentlich zitierte „rauchende Colt auf dem Tisch“ eingesetzt werden. Tatsächlich werden damit offene Standards geschaffen, die eine Plattform etwa für die vielen Anbieter von Fachverfahren entstehen lassen. Ein Beispiel dafür ist das von Univention gelieferte Identitätsmanagementsystem Nubus, das auch die Komponenten in openDesk miteinander verbindet. Es basiert auf etablierten Open-Source-Komponenten, standardisiert diese und schafft für Anbieter von Fachverfahren so einen Standard zur Benutzerautorisierung und Integration in die vorhandene IT von Behörden.
Deshalb muss ZenDiS weiterhin und deutlich von der Bundespolitik gestärkt werden. Dann wird ZenDiS der, wie es Andreas Reckert-Lodde immer wieder schön formuliert hat, „Arbeitsmuskel der Verwaltung“. Und den brauchen wir wahrlich, wenn wir nicht immer tiefer in wirtschaftliche, politische und auch gesellschaftliche Abhängigkeiten geraten wollen, aus denen wir uns irgendwann nicht mehr befreien können. Wie es die OSBA jüngst in ihren 38 Maßnahmen formuliert hat: „Eine erfolgreiche Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung kann nur gelingen, wenn der Staat dabei Kontroll- und Gestaltungsfähigkeit über seine digitalen Infrastrukturen ausüben und dabei auch zwischen Anbietern wechseln kann.“
Ein zusätzlicher Aspekt ist die Befähigung der öffentlichen Hand, Ausschreibungen im Open-Source-Umfeld so durchzuführen, dass am Ende auch erfolgreich umgesetzte Projekte entstehen. Herausforderung im OSS-Umfeld ist ja, dass letztlich jeder eine Open Source Software herunterladen und dann versuchen kann, sie zu betreiben. Sofern der Preis das entscheidende Auswahlkriterium ist, führt das dazu, dass Anbieter, welche die Software nicht gut genug kennen, die zudem von komplexen Implementierungs- und Betriebsaufgaben überfordert sind und die darüber hinaus weder Weiterentwicklung noch die Pflege der Software sicherstellen können, den Zuschlag bekommen. Das Ergebnis sind dann fehlgeschlagene Projekte und ein schlechter Ruf für Open Source Software. Als OSBA arbeiten wir derzeit deswegen an Auswahlkriterien, die neben dem Preis auch die Kompetenz und Leistungsfähigkeit des Anbieters beurteilbar machen.

Was lässt sich zu den Ergebnissen des PoC im Rahmen der Umsetzung der DVC sagen, in dessen Rahmen die OSBA gemeinsam mit govdidital den Providerwechsel erprobt? Gibt es weitere Projekte?

Ganten: Der erste Teil des POC wird gerade abgeschlossen. Im Rahmen des POC wurde auf Basis der Standards und der Referenzimplementierung des Sovereign Cloud Stacks (SCS) gezeigt, wie der Wechsel von einem Provider zu einem anderen funktionieren kann. Das erbringt für die Verwaltung ganz praktisch den Beweis, dass sie mithilfe offener Standards und Open Source Software tatsächlich die Möglichkeit hat, mit ihren Inhalten von einer Cloud in eine andere umzuziehen. Und genau aus diesem Grund ist Open Source ja so wichtig für den Ausweg aus den bestehenden Vendor-Lock-Ins.
An dem POC waren sehr unterschiedliche Akteure beteiligt, so z.B. govdigital mit ihrem Mitglied KDO und die Open Source Business Alliance (OSBA) mit ihren Mitgliedern Cloud&Heat, plusserver, StackIT. OSISIM, Syseleven und die Telekom. Aktiv in die Entwicklung eingebunden sind von Seiten der OSBA zurzeit Cloud&Heat und plusserver.
Die Erkenntnisse und Ergebnisse des ersten Teils werden gerade dokumentiert und in die entsprechenden Gremien getragen. Ziel der Working Group Cloud in der OSBA ist jedoch, dass es bei der Zusammenarbeit und Verprobung nicht bei diesem einen Durchlauf bleibt. Stattdessen sollen sich die SCS-Standards, unabhängig von der konkreten Implementierung, auch als Standard in der DVC etablieren, so dass perspektivisch alle Anwendungen einfach zwischen unterschiedlichen Clouds hin- und hertransportiert werden können. Dazu brauchen wir vor allem passende Anwendungsszenarien, wie z.B. openDesk, das sich schon heute auf Basis der SCS-Standards gut betreiben lässt.

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