Interview mit Stefan Latuski „Der Chief Data Officer ist eine Totgeburt wie der Chief Digital Officer“

Das Gespräch führte Thomas Heinevetter 9 min Lesedauer

Stefan Latuski ist Geschäftsführer des IT-Systemhauses der Bundesagentur für Arbeit. Im Gespräch mit Thomas Heinevetter, Geschäftsführer der kobaltblau Management Consultants GmbH, verdeutlicht er, warum der Change der IT-Organisation erst nach den Veränderungen in Daten- und Plattformstrategie funktionieren wird.

v.l.n.r.: Stefan Latuski, CEO IT-Systemhaus der Bundesagentur für Arbeit, Thomas Heinevetter, Geschäftsführer bei kobaltblau und Christoph Hecker, Senior Manager bei kobaltblau(Bild:  kobaltblau)
v.l.n.r.: Stefan Latuski, CEO IT-Systemhaus der Bundesagentur für Arbeit, Thomas Heinevetter, Geschäftsführer bei kobaltblau und Christoph Hecker, Senior Manager bei kobaltblau
(Bild: kobaltblau)

Am Anfang eine Frage zur Zukunft der IT: Wie wird die IT-Organisation in fünf Jahren aussehen? Zur Auswahl stehen vier Szenarien, die Sie auch kombinieren können. Szenario 1: IT und Business verschmelzen komplett und bilden gemeinsame End-to-End Teams. Szenario 2: Die IT teilt sich auf in eine Plattform-IT für die Infrastruktur und einen businessnahen Sektor, der wie in Szenario 1 mit dem Business verschmilzt. Beim 3. Szenario bleibt die IT erhalten, aber Business und IT bilden virtuelle Teams, auch die Infrastruktur bleibt Aufgabe der IT. Das 4. Szenario ist nah am heutigen Organisationsmodell. Wir nennen es Hybrid-IT. Auf der einen Seite gibt es virtuelle Teams, die Business und IT gemeinsam besetzen, auf der anderen Seite gibt es aber auch noch die klassische Plan-Build-Run-Organisation. Welches Szenario halten Sie für am wahrscheinlichsten?

Latuski: Das Szenario 1 halte ich nicht für unbedingt erstrebenswert. Darin scheint alles dezentralisiert zu sein und ich frage mich, ob das in dieser Extremform zielführend ist. Die anderen drei Szenarien kann man als Evolutionsstufen begreifen, angefangen beim Hybridmodell über die virtuellen Teams bis hin zu den dezidierten Teams mit Plattform-IT. Aber wie auch immer die IT-Organisation in fünf Jahren aussieht, klar ist, dass sich Geschäft und IT immer weiter annähern. Wir entfernen uns mehr und mehr von dem Paradigma IT als Dienstleister. Es existiert kaum noch ein Geschäftsmodell ohne IT. Deshalb ist es absolut sinnvoll, Organisationsformen zu finden, die eine intensivere Kollaboration zwischen IT und der eigentlichen Produktentwicklung fördern. Aber ich stelle mir eigentlich weniger die Frage nach der IT-Organisation, sondern eher nach der Entwicklung meiner IT-Landschaft.

Und wie sehen Sie diese im IT-Systemhaus der Bundesagentur für Arbeit?

Latuski: Wir werden in fünf Jahren noch nicht komplett transformiert sein. Auf der einen Seite haben wir eine sehr moderne containerisierte IT-Landschaft mit (private) Cloud-Umgebungen. Auf der lassen sich auch schön dezidierte Entwicklungsteams aufsetzen. Auf der anderen Seite jedoch haben wir monolithische IT-Strukturen, die 20, 30 oder sogar 40 Jahre alt sind. Da laufen noch Programmiersprachen, die heute kaum noch jemand kennt. Und da fehlt mir ein bisschen die Fantasie, dass wir das in fünf Jahren schon komplett transformiert haben. Sprich: Um die IT-Organisation in einer der von dir skizzierten Weisen aufzustellen, brauchst du die passende Technologie, sonst funktioniert das nicht.

Also würden Sie sich am ehesten mit Szenario 4, der Hybrid-IT, anfreunden können?

Latuski: Ja, da sind wir heute. Auf der einen Seite haben wir eine klassische Plan-Build-Run IT und auf der anderen Seite haben wir punktuell virtuelle Teams, die sich aber aufbauorganisatorisch noch im Plan-Build-Run-Umfeld befinden. Vielleicht ist das auch der Tatsache geschuldet, dass wir ein internes Systemhaus sind – mit der Systementwicklung auf der einen Seite und dem Betrieb auf der anderen Seite mit einem vorgeschalteten Anforderungsmanagement.

Also ganz klassisch.

Latuski: Zurzeit ja. Aber mit den fortschreitenden Veränderungen in unserer IT-Architektur macht es immer mehr Sinn, cross-funktionale Teams virtuell zusammenzubringen. Für unsere Online-Services machen wir das bereits. Und je mehr wir wegkommen von den Monolithen hin zu Plattform-Architekturen mit Microservices, desto effektiver wird das Arbeiten in End-to-End-Teams. Aber aus meiner Sicht müssen sich erst die IT-Landschaften und die Technologie verändern, bevor du die Organisation veränderst. Und über den zweiten wichtigen Trend in diesem Zusammenhang haben wir noch gar nicht gesprochen. Low-Code und Robotic Process Automation werden die Organisation auch verändern. Wir werden Entwicklungsteams bekommen, die gar nicht mehr in der IT sitzen.

Nach dem Change-Potenzial von Low-Code Plattformen und danach, wie wichtig diese Plattformen in Ihrer IT werden, wollte ich Sie auch fragen. Also, wie sieht diese Entwicklung aus Ihrer Sicht aus?

Latuski: Mit Low-Code und Citizen Developern machen die skizzierten End-to-End Teams natürlich ganz viel Sinn. Du hast cross-funktionale Teams aus Business und IT, die auf diesen Plattformen gemeinsam Software entwickeln, die sie für ihre Produkte benötigen. Man bekommt ganz andere Freiheitsgrade. Es können irgendwo im Unternehmen Teams entstehen, die dann auf einer durch die IT bereitgestellten Low-Code-Plattform ihr „Ding“ durchziehen können. Damit ändert sich die Rolle der IT signifikant. Dann komme ich eher zu deinem Szenario 2: End-To-End-Teams gekoppelt mit einer Plattform-IT – aber nicht nur im Sinne einer klassischen Infrastruktur, sondern als eine Art PaaS-Plattform, also Entwicklung plus automatischem Deployment. Natürlich braucht es auch eine Governance-Funktion, weil man nicht 50 verschiedene Plattformen bespielen möchte.

Wie stehen Sie zu Low-Code? Finden Sie das eher förderlich oder eher hinderlich mit der Tendenz zu Wildwuchs?

Latuski: Ich bin ein riesiger Freund von Low-Code und zwar gleich aus zwei Gründen. In Unternehmen, in denen die IT-Organisationen kostenoptimiert agieren, ist häufig sehr viel Schatten-IT entstanden oder anders ausgedrückt Business managed IT. Mit Low-Code und Citizen Development hat die IT die Möglichkeit, das zumindest ein Stück weit wieder einzufangen. Weil die IT die Low Code Plattform zur Verfügung stellt und so zumindest ein Mindestmaß von Governance und Datenhomogenität erreichen kann.

Auf der nächsten Seite: Produktorientierung.

(ID:49042787)

Jetzt Newsletter abonnieren

Wöchentlich die wichtigsten Infos zur Digitalisierung in der Verwaltung

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung