Legacy-Modernisierung Agile Ansätze und Altsystem-Ablösung in der Verwaltung

Ein Gastbeitrag von Christian Sibus 5 min Lesedauer

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Die Modernisierung jahrzehntealter Legacy-Systeme ist eine der größten Herausforderungen der digitalen Verwaltung. Mit agilen Methoden, Wissenstransfer und durchdachten Migrationsstrategien lässt sich dieser komplexe Kraftakt erfolgreich gestalten.

Anders als eine klassische IT-Migration gleicht die Legacy-Modernisierung eher einer Herztransplantation während eines Marathonlaufs.(Bild:  KI-generiert)
Anders als eine klassische IT-Migration gleicht die Legacy-Modernisierung eher einer Herztransplantation während eines Marathonlaufs.
(Bild: KI-generiert)

Über Jahrzehnte hinweg haben Legacy-Systeme in kritischen Verwaltungsverfahren Stabilität, Verlässlichkeit und Kontinuität garantiert. Diese Systeme sind robust, vielfach bewährt und tief in die Organisation eingebettet. Doch sie sind häufig so alt, dass die ursprünglichen Entwickler längst nicht mehr zur Verfügung stehen. Dokumentationen sind lückenhaft, Wissen steckt in den Köpfen weniger Experten, und Anpassungen dauern erheblich länger, als es die Geschwindigkeit der digitalen Transformation heute erfordert.

Die Ablösung solcher Systeme gleicht deshalb einem Hochrisikoprojekt. Anders als bei klassischen IT-Migrationen darf es keine Unterbrechung geben, keine fehlerhaften Ergebnisse, keine Verzögerungen, die operative Abläufe gefährden. Die Aufgabe ist eher vergleichbar mit einer Herztransplantation während eines Marathonlaufs: Der Betrieb muss uneingeschränkt weiterlaufen, während die technische Basis schrittweise erneuert wird.

Agile Prinzipien als Erfolgsfaktor

Die Modernisierung von Legacy-Systemen ist kein rein technisches Problem. Sie erfordert ein Zusammenspiel aus Strategie, Methodik und Kultur. Agile Prinzipien sind hier ein entscheidender Erfolgsfaktor – allerdings nicht in ihrer reinen Lehrbuchform, sondern angepasst an die besonderen Rahmenbedingungen des öffentlichen Sektors.

Dazu gehören kurze Feedback-Loops, iterative Entwicklung, frühes Testen und eine kontinuierliche Einbindung der Stakeholder. Agilität schafft Transparenz, erhöht die Geschwindigkeit und ermöglicht ein schrittweises Vorankommen, ohne das Risiko zu erhöhen. Gleichzeitig müssen diese Methoden an föderale Entscheidungsstrukturen, rechtliche Rahmenbedingungen und die Komplexität heterogener Systemlandschaften angepasst werden.

„Adaptive Governance“ beschreibt diesen erweiterten Ansatz: Er kombiniert die Flexibilität agiler Teams mit der notwendigen Verbindlichkeit in einem regulierten Umfeld. So entsteht eine Balance zwischen Geschwindigkeit und Sicherheit – eine Voraussetzung, um kritische Systeme schrittweise zu erneuern.

Von der Analyse zur Migration

Die Ablösung von Legacy-Systemen beginnt stets mit einer umfassenden Analyse. Dabei geht es nicht allein um technische Details, sondern um ein tiefes Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Fachlogik, organisatorischen Abläufen und rechtlichen Anforderungen. Moderne Visualisierungstools, automatisierte Quellcode-Analysen und Impact-Matrizen helfen, jahrzehntealte Strukturen in wenigen Wochen zu durchdringen. Abhängigkeiten werden sicht-, Risiken kalkulier- und Migrationspfade planbar.

Die eigentliche Migration erfolgt anschließend in kleinen, kontrollierten Schritten. Methoden wie das Strangler-Fig-Pattern ermöglichen den Aufbau temporärer Hybridarchitekturen, in denen Alt- und Neusysteme parallel laufen. Risiken lassen sich dadurch minimieren, Übergänge werden sicher gestaltet. Ergänzt wird dieser Ansatz durch Rollback-Mechanismen, Echtzeit-Monitoring und Notfallpläne, die jederzeit die Rückkehr zum stabilen Ursprungszustand ermöglichen.

Wissenstransfer als Schlüssel

Legacy-Systeme sind nicht nur Technik, sondern auch das kollektive Gedächtnis einer Organisation. Sie enthalten Geschäftsregeln, Verfahrenslogik und Erfahrungswissen, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Geht dieses Wissen verloren, bevor neue Systeme stabil laufen, drohen irreparable Schäden.

Deshalb ist ein strukturierter Wissenstransfer unverzichtbar. Erfahrene Legacy-Entwickler, moderne Software-Architekten und Fachanwender müssen in gemeinsamen Workshops zusammengebracht werden. Visuelle Darstellungen, automatisierte Analysen und begleitende Dokumentationen schaffen Transparenz. Gleichzeitig bieten Pilotmigrationen in isolierten Testumgebungen die Möglichkeit, Fehler frühzeitig zu identifizieren und abzusichern.

So wird nicht nur die technische Grundlage für die Zukunft gelegt, sondern auch die Verantwortung innerhalb der Teams gestärkt: aus passiven Wissensbewahrern werden aktive Gestalter des Modernisierungsprozesses.

Zusammenarbeit in föderalen Strukturen

Im öffentlichen Sektor kommt eine zusätzliche Dimension hinzu: die föderale Zusammenarbeit. Unterschiedliche technische Ausgangslagen, divergierende Interessen und strenge rechtliche Vorgaben müssen zusammengeführt werden.

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Agilität entfaltet hier besondere Stärke, wenn sie mit Transparenz und klaren Regeln verbunden wird. Gemeinsame Standards für „Ready“ und „Done“, einheitliche Test- und Review-Formate sowie regelmäßige Kommunikationsrunden schaffen Vertrauen und Planungssicherheit.

Dabei gilt das Prinzip der „70–80-Prozent-Lösungen“: Lieber frühzeitig funktionale Ergebnisse liefern, die iterativ verbessert werden können, als lange an einem theoretisch perfekten, aber verspäteten Endprodukt zu arbeiten. Gerade in föderalen Projekten mit vielen Beteiligten sind diese Teilergebnisse ein entscheidender Motor für Fortschritt und Motivation.

Technische Exzellenz und kultureller Wandel

Die Ablösung von Legacy-Systemen ist nicht allein eine Frage von Technologie. Sie bedeutet immer auch kulturellen Wandel innerhalb der Organisationen. Entwicklerteams müssen lernen, mit modernen Architekturen, Automatisierung und DevOps-Methoden zu arbeiten. Fachanwender übernehmen aktivere Rollen im Anforderungsmanagement, und Entscheidungsträger müssen mit belastbaren Daten schneller reagieren können.

Technische Innovationen wie automatisierte Deployment-Pipelines, verbesserte Testabdeckung und kontinuierliche Integration sind deshalb mehr als nur Werkzeuge. Sie sind Hebel, um Geschwindigkeit, Qualität und Sicherheit dauerhaft zu erhöhen.

Der eigentliche Wert entsteht jedoch in der Schaffung einer Architektur, die offen bleibt für zukünftige Technologien: von KI-gestützten Prozessen über Echtzeitanalysen bis hin zu Cloud-Integration. Wer Legacy-Systeme heute erneuert, legt damit die Basis für Innovationen, die in den kommenden Jahrzehnten entscheidend sein werden.

Lehren für die Zukunft

Die Erfahrungen aus laufenden Digitalisierungsprojekten im öffentlichen Sektor zeigen:

  • Robuste Migrationsstrategien ermöglichen die Ablösung kritischer Systeme ohne Unterbrechung.
  • Automatisierte Tests und Deployments erhöhen Qualität und beschleunigen Rollouts.
  • Gemeinsame Standards sichern die Zusammenarbeit über föderale und organisatorische Grenzen hinweg.
  • Nachhaltiger Wissenstransfer verhindert, dass über Jahrzehnte gewachsenes Know-how verloren geht.
  • Iterative Ergebnisse schaffen Vertrauen, beschleunigen Fortschritte und sichern politischen Rückhalt.

Diese Lehren bilden das Fundament für die digitale Verwaltung der Zukunft. Sie zeigen, dass die Modernisierung von Legacy-Systemen nicht nur eine technische Aufgabe ist, sondern eine ganzheitliche Transformation, die Governance, Prozesse und Kultur gleichermaßen umfasst.

Fazit – Warum Agilität den Unterschied macht

Die Ablösung jahrzehntealter Legacy-Systeme im öffentlichen Sektor gehört zu den anspruchsvollsten Digitalisierungsaufgaben überhaupt. Sie verlangt tiefes technisches Know-how, methodische Exzellenz und ein feines Gespür für politische und organisatorische Rahmenbedingungen.

Agile Ansätze machen hier den Unterschied: Sie verbinden Geschwindigkeit mit Sicherheit, schaffen Transparenz zwischen allen Beteiligten und ermöglichen es, hochkomplexe Systeme Schritt für Schritt in eine moderne Architektur zu überführen. So entsteht nicht nur eine neue technische Basis – sondern die Grundlage für eine Verwaltung, die bürgernah, effizient und langfristig zukunftsfähig ist.

Christian Sibus
studierte Wirtschaft an der Wiesbaden Business School und übernahm früh Projektleitungsaufgaben in der öffentlichen Verwaltung. In mehreren Jahren als Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt Digitalisierung und Organisationsmanagement war er parallel als freier Dozent an seiner Alma Mater in den Fachbereichen Unternehmensführung, Controlling und Marketing tätig. Im Mai 2021 gründete er Semper Prospera. Unter dem Leitbild „From Legacy to Leading Edge“ gestalten hier über 25 Mitarbeitende Modernisierungsprojekte in Matrixorganisationen mit anspruchsvoller IT – von Bundesministerien bis hin zu Banken, Finanzdienstleistern und Versicherungen. Der Fokus liegt dabei auf Projektmanagement, Softwareentwicklung und Künstlicher Intelligenz.

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