Kann Home Office eine adäquate Antwort auf zahlreiche Herausforderungen westlicher Industrienationen sein? Untersuchungen belegen: Ob Treibhausgasemissionen durch Pendler, Demografie oder Digitalisierung und vor allem der sich gravierend verschärfende Fachkräftemangel oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – bei all diesen Herausforderungen kann die flexible Gestaltung von Arbeitszeit und -ort mit Kommunikations- und Kollaborations-Tools einen positiven Beitrag leisten. Aber: Für eine optimale Arbeitsgestaltung kommt es nicht nur auf Disziplin an, sondern auf klare Spielregeln. Ein Gastbeitrag von Markus Dohm von TÜV Rheinland.
Die Debatte um das Recht auf Home Office ist geprägt von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts
Die Debatte zwischen Führungskräften, Politik, Gewerkschaften und jungen Wissensarbeitern um das Recht auf Home Office ist geprägt von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und vor allem Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts. Viele Führungskräfte befürchten Kontrollverlust und dass ihre Mitarbeiter in Heimarbeit ihre Leistungen nicht brächten.
So gelingt Home Office für beide Seiten
So gelingt Home Office für beide Seiten
Immerhin 40 Prozent aller Arbeitsplätze sind nach Einschätzung des Institutes der Deutschen Wirtschaft für Home Office geeignet. Durch mobile Breitbandanbindung an die Business-Anwendungen sowie Kollaborations- und Kommunikations-Tools lassen sich praktisch alle Büro-Jobs in heimische Gefilde verlagern.
Damit solch flexible Arbeitsmodelle aber zum Erfolg für beide Seiten werden, müssen die Arbeitsbedingungen unter den gesetzlichen Bestimmungen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sowie Arbeitszeitgesetz gestaltet sein. Arbeitgeber sollten sich dafür mit dem Betriebs- oder Personalrat auf eine Betriebsvereinbarung verständigen, die die betrieblichen Anforderungen und die Schutzinteressen der Arbeitsnehmer regeln.
Für außertarifliche Führungskräfte ist es sinnvoll, eine Ergänzung zum Arbeitsvertrag abzuschließen, in denen auch die Regeln der Heimarbeit definiert sind. Von zentraler Bedeutung ist die regelmäßige Evaluation der getroffenen Lösungen und wie die Mitarbeiter damit in ihrem Berufsalltag klarkommen.
Das betriebliche Gesundheitsmanagement sollte bei der ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung im Home Office mitberaten sowie einen Ansprechpartner benennen, mit dem sich die Mitarbeiter bei Problemen besprechen können.
Produktivitätsschub bei Telearbeitern
Das Gegenteil ist der Fall, wie eine Untersuchung des Stanford-Professors Nicholas Bloom 2017 zeigte. Er begleitete mit seinen Studierenden zwei Jahre lang das größte chinesische Reisebüro Ctrip bei der Einführung von Home Offices. Die eine Hälfte der Probanden durfte unter der Voraussetzung eines häuslichen Arbeitszimmers und eines Breitbandanschlusses von zuhause aus arbeiten. Die andere Gruppe erbrachte ihre Leistung weiter im Büro. Professor Bloom vermutete anfänglich, dass sich die Vor- und Nachteile gegenseitig neutralisieren und sich keine signifikanten Unterschiede in der Produktivität ergeben würden. Damit hatte er aber weit gefehlt.
Über zwei Jahre beobachtete er einen erstaunlichen Produktivitätsschub bei den Telearbeitern. Aufgrund des Erfolgs des Experiments führte Ctrip die Option für Home Office auf die gesamte Firma aus und erlaubte den Mitarbeitern, zwischen Heim und Büro zu wählen. Interessanterweise wechselte über die Hälfte von ihnen, was dazu führte, dass sich die Gewinne durch Home Office auf 22 Prozent fast verdoppelten. Und das Unternehmen sparte 2.000 Dollar bei den Mietkosten pro Arbeitsplatz. Bloom schloss aus seiner Untersuchung die Empfehlung, flexible Regelungen für die Heimarbeit zu finden, die den sozialen Bedürfnissen der Mitarbeiter ebenso gerecht werden wir dem Bedarf nach hochkonzentrierter Arbeit in heimischer Kulisse.
Zufriedener und mit mobilen Anwendungen gut eingebunden
Den Zusammenhang zwischen höherer Produktivität und Zufriedenheit bei gleichzeitigen Klagen der Heimarbeiter über fehlende soziale Kontakte untersuchte das Softwareunternehmen Tinypulse. 91 Prozent der Telearbeiter meinen, dass sie im Home Office mehr Arbeit erledigen und produktiver seien. Die Forscher ermittelten zudem einen Glücklichkeitsindex, auf dem die remote Arbeitenden besser abschnitten als die Büroarbeiter.
Für die Frage „Wir glücklich bist Du bei der Arbeit“ zeigt der Index für die Telearbeiter einen Wert von 8,33 zu 7,88. Und wer zuhause arbeitet, empfindet sich auch eher wertgeschätzt als die Büroarbeiter. Allerdings fehlt wohl einigen der soziale Kontakt mit den Kollegen. Hier zeigten sich die klassischen Büroangestellten mit 8,47 deutlich zufriedener als die Fernarbeiter (7,88). Lediglich 27 Prozent gaben zudem an, dass sie mit Problemen zu kämpfen haben, weil sie nicht am selben Ort wir ihr Team arbeiten. Vor allem, wenn es darum geht, kurzfristig etwas zu bewegen, zeigen sich Nachteile gegenüber einer Face-to-Face-Kommunikation.
Digitale und mobile Kommunikationsmittel können heute richtig angewendet diesen Mangel mehr als wett machen, wie Studien über die Digitalisierung der Arbeitswelt wie von VMware und Forbes aus dem Jahr 2018 belegen. Mitarbeiter, die an einem modernen digitalen Arbeitsplatz arbeiten und über einen flexiblen mobilen Zugriff auf notwendige Business-Anwendungen ihres Arbeitgebers verfügen, berichten neunmal häufiger von einer Steigerung der persönlichen Produktivität.
Solche Mitarbeiter wenden zudem rund zwölf Prozent weniger Zeit auf für manuelle Prozesse auf. 89 Prozent der befragten CIOs rechnen mit einem durchschnittlichen Umsatzplus von fünf Prozent innerhalb von drei Jahren durch den Einsatz der richtigen Anwendungen im Unternehmen.
Nur zwölf Prozent deutscher Arbeitnehmer arbeiten im Home Office
Angesichts der positiven Erfahrungen und Erwartungen in Branchen, die Home Office bereits nutzen, ist diese Arbeitsweise in Deutschland im Vergleich zum EU-Durchschnitt deutlich unterrepräsentiert. Während in Schweden bereits 32 Prozent im Home Office arbeiten, sind es in Deutschland lediglich zwölf Prozent. Das ermittelte die Internationale Arbeitsorganisation der UN (ILO) 2017. Der Fehlzeiten-Report 2019 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) berichtet von 40 Prozent aller Beschäftigten, die heute schon regelmäßig außerhalb ihres Unternehmens arbeiten, unabhängig von Ort oder Zeit. Wobei unklar bleibt, wie viele davon dauerhaft im Home Office arbeiten.
Die ILO-Autoren betonen in ihrem Bericht die positiven Seiten der Telearbeit, beispielsweise größere Arbeitszeitautonomie durch höhere Flexibilität in der Arbeitsorganisation. Sie erkennen in Heimarbeit eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf und bestätigen andere Studien, die eine höhere Produktivität nachweisen.
Stand: 08.12.2025
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Allerdings beleuchten sie auch die Kehrseite der Medaille. Nachteile ergäben sich durch die Tendenz, dass Heimwerker länger arbeiten und häufigere Überschneidungen zwischen Arbeit und Privatleben beklagen, verbunden mit hohen Stresslevels. Wobei auch die Studienautoren betonen, dass sich einige Telearbeiter einer besseren Work-Life-Balance erfreuen, während andere Heimwerker einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt seien.
„Die Studie belegt, dass der Gebrauch moderner Kommunikationstechnologien allgemein eine bessere Work-Life-Balance erreichen kann. Abhängig vom Ort der Arbeit und den verschiedenen Anforderungen im Beruf verschwimmen aber auch die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben“, so Jon Messenger, Ko-Autor der Studie. Besonders Mehrarbeit durch die permanenten Verlockungen piepender und blinkender Kommunikationstechnologien verführten viele Heimarbeiter zu unbezahlten Überstunden am Abend und Wochenende.
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