EUDI Wallet Warum die ÖV jetzt praktische Erfahrung sammeln muss

Ein Gastbeitrag von Adrian Doerk 8 min Lesedauer

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Die Europäische Wallet für digitale Identitäten kommt und stellt die öffentliche Verwaltung vor eine unausweichliche Frist Ende 2026. Dieser Artikel bietet einen Überblick: von der historischen deutschen Pionierrolle, über den aktuellen Status der Umsetzung bis hin zu den nächsten konkreten Schritten.

Die digitale Wallet soll in absehbarer Zukunft – analog zu einer Brieftasche – die wichtigsten persönlichen Dokumente in digitaler Form beinhalten.(Bild: ©  Юлия Падина - stock.adobe.com)
Die digitale Wallet soll in absehbarer Zukunft – analog zu einer Brieftasche – die wichtigsten persönlichen Dokumente in digitaler Form beinhalten.
(Bild: © Юлия Падина - stock.adobe.com)

In einer Zeit, die von tiefgreifender digitaler Transformation, aber auch von Desinformation und der wachsenden Marktmacht globaler Tech-Plattformen geprägt ist, steht Europa vor einer fundamentalen Weichenstellung für seine Zukunft. Es geht um nicht weniger als die Frage, wie wir eine bürgerzentrierte, sichere und demokratische digitale Gesellschaft gestalten können, in der das Vertrauen der Einzelnen und die Souveränität unserer Institutionen gewahrt bleiben. Die Einführung der European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet) ist vor diesem Hintergrund weit mehr als nur ein weiteres Digitalisierungsprojekt; sie ist Europas strategische Antwort auf die größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Statt die digitale Identität kommerziellen Plattformen zu überlassen, schafft die Europäische Union ein öffentliches Gut: eine Infrastruktur, die auf europäischen Werten basiert und den Menschen die volle Kontrolle und Hoheit über ihre eigenen Daten zurückgibt. Diese Vision eines interoperablen, grenzüberschreitenden und sicheren digitalen Raums ist der Kern des europäischen digitalen Binnenmarktes und ein entscheidender Schritt zur Stärkung der digitalen Resilienz Europas. Für die öffentliche Verwaltung in Deutschland ist dies nicht nur eine regulatorische Verpflichtung, sondern eine historische Chance, den digitalen Staat von Grund auf neu zu denken. Es ist die Möglichkeit, die lang gehegte Vision von bürgernahen, effizienten und medienbruchfreien Dienstleistungen Realität werden zu lassen und Deutschland als Vorreiter in einem zukunftsweisenden digitalen Ökosystem zu positionieren.

Was die EUDI-Wallet für Bürger und Verwaltung bedeutet

Konkret bedeutet das: Jeder Bürger und jede Bürgerin erhält eine digitale Brieftasche „Wallet” direkt auf das Smartphone. Darin befindet sich nicht nur der digitale Personalausweis für die sichere Identifizierung (die sogenannten Personenidentifikationsdaten, PID), sondern auch eine Vielzahl weiterer offizieller Dokumente – von der Meldebescheinigung über den Führerschein bis hin zu Bildungs- und Berufsabschlüssen. All diese digitalen Nachweise sind elektronisch gesiegelt, fälschungssicher und können anlassbezogen mit nur einem Klick geteilt werden.

Das Revolutionäre daran ist das Prinzip der eingebauten Datensparsamkeit: Die Wallet-Architektur ermöglicht es anfragenden Stellen, ihre Abfragen auf das Nötigste zu beschränken, beispielsweise den Nachweis der Volljährigkeit anzufordern, ohne das sensible Geburtsdatum zu übermitteln. Die Souveränität der Nutzenden liegt in der bewussten Zustimmung zu diesen gezielten, datenminimierten Anfragen und der transparenten Kontrolle darüber, wer welche Information erhält.

Für die öffentliche Verwaltung ist dies weit mehr als nur eine technische Neuerung. Es ist, wie der Digitalisierungsexperte Tobias Link treffend formulierte, vielleicht die letzte große Chance für den digitalen Staat. Die Potenziale sind gewaltig: Prozesse, die heute Wochen dauern und hohe Personalkosten verursachen, können auf Minuten reduziert werden. Die Datenqualität steigt durch verifizierte, digitale Originale erheblich, und die Möglichkeit, Anträge mittels qualifizierter elektronischer Signatur (QES) direkt in der Wallet rechtsverbindlich zu unterschreiben, schafft durchgängig digitale Abläufe vom Antrag bis zum Bescheid. Kurz gesagt: Die EUDI-Wallet ist der Schlüssel, um die Vision des Onlinezugangsgesetzes (OZG) endlich Realität werden zu lassen und einen echten, medienbruchfreien Dialog zwischen Verwaltung und Bürgern zu ermöglichen.

Deutschlands verkannte Führungsrolle: Eine kurze Historie

Was heute als europäische Vision Gestalt annimmt, hat tiefe Wurzeln in der deutschen Innovationslandschaft. Lange bevor der Begriff EUDI-Wallet auf der politischen Agenda der EU stand, legten die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geförderten Schaufenster-Projekte für Sichere Digitale Identitäten den technologischen und konzeptionellen Grundstein. In diesen wegweisenden Vorhaben wurde in einem breiten Bündnis aus Industrie, Forschung und öffentlichem Sektor bereits früh erprobt, wie ein bürgerzentriertes und dezentrales Identitätsökosystem in der Praxis funktionieren kann. Aus diesem Nährboden entstand das Forschungsprojekt IDunion, welches von der Lissi GmbH koordiniert wurde und über 60 Partner aus allen gesellschaftlichen Bereichen umfasste. Es initiierte die Entwicklung entscheidender technologische Standards, wie beispielsweise das OpenID4VC-Protokoll, welches heute den technischen Kern des gesamten EUDI-Wallet-Frameworks für den sicheren Austausch von digitalen Nachweisen bildet. Ein in Deutschland vorangetriebenes Protokoll wurde so zum globalen De-facto-Standard für die digitale Identität der Zukunft.

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