Projekt der Hochschule Harz Virtuelle Realitäten in der Lehre nutzen

Das Gespräch führte Nicola Hauptmann 5 min Lesedauer

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Die Hochschule Harz geht neue Wege: Das Projekt DigiLehR verknüpft digitale Lernumgebungen mit praxisnahen virtuellen Realitäten. Im Interview spricht Pia Bothe über die ersten Ergebnisse und die nächsten Schritte.

Pia Bothe ist Wissenschaft­liche Mitarbeiterin im Projekt DigiLehR, Bereich Didaktik mit VR und ILIAS & Evaluation der Hochschule Harz.(©  Hochschule Harz)
Pia Bothe ist Wissenschaft­liche Mitarbeiterin im Projekt DigiLehR, Bereich Didaktik mit VR und ILIAS & Evaluation der Hochschule Harz.
(© Hochschule Harz)

Die Einsatzmöglichkeiten von VR sind vielfältig, aber an Verwaltungswissenschaft denkt man dabei eher nicht als Erstes. Wie kam es, dass gerade das Vergaberechtsszenario als Use Case für DigiLehR ausgewählt wurde?

Bothe: Wir wollten die drei Use Cases möglichst breit aufstellen, um zu verstehen, wann der Einsatz von Virtual Reality sinnvoll ist. Ziel des Projekts ist ja, dass Studierende auch Handlungskompetenzen erwerben. In unserem Vergaberechtsfall geht es darum, Handlungsspielräume zu nutzen: Die Anforderungen der Beschaffenden sind mit dem Vergaberecht in Einklang zu bringen, Lösungen müssen ausgehandelt werden. Der Verlauf der Übung hängt von den Entscheidungen der Lernenden ab. Am Ende steht die eine Lösung, die Wege dahin sind aber unterschiedlich. Und wir wollten auch, im Sinne von Serious Games, zur Auseinandersetzung mit den oft als „trocken“ wahrgenommenen Inhalten motivieren.

Sie haben in dem 30-minütigen Szenario eine reale Gesprächssituation abgebildet, kombiniert mit Fragebögen und verschiedenen Entscheidungsaufgaben – wie aufwendig war das?

Bothe: Für diese erste Fassung haben wir knapp zwei Jahre gebraucht, wobei das zum Vergaberecht nur eins von drei parallel entwickelten Lernszenarios ist. Aufwendig war zunächst die Erstellung des Konzepts. Zweitens sind die Avatare von Schauspielern gesprochen und mit Motion Capture aufgenommen worden, wie man das für Filme kennt, um möglichst realistische Interaktionen zu erzeugen, also auch ein recht aufwendiges Verfahren.

Vergaberecht, durch die VR-Brille betrachtet: Am virtuellen Besprechungstisch interagieren die Studierenden mit Avataren.(©  Hochschule Harz)
Vergaberecht, durch die VR-Brille betrachtet: Am virtuellen Besprechungstisch interagieren die Studierenden mit Avataren.
(© Hochschule Harz)

Mit welchen Ressourcen haben Sie das umgesetzt?

Bothe: Abgesehen von den Schauspielern arbeiten wir im Projekt nur mit internen Ressourcen. Wir haben drei Vollzeitentwickler und werden durch wissenschaftliche Hilfskräfte aus der Informatik und der Mediengestaltung unterstützt. Während der letzten zwei Jahre konnten wir zudem Studierende der Medieninformatik im Rahmen ihrer Studienprojekte in das Projekt einbinden; zwei der betreuenden Professuren dieses Studienmoduls sind Teil unseres Teams. Die Studierenden waren entsprechend intensiv an Gestaltung und Test der Module beteiligt.

Nun die spannende Frage: Wie kam das Projekt denn bei den Studierenden an?

Bothe: Wir haben unser VR-Szenario als eine Möglichkeit der Prüfungsvorbereitung angeboten, die Teilnahme war freiwillig, 38 Studierende konnten wir für diesen ersten Test gewinnen. Die Studierenden konnten die Aufgaben in der VR-Umgebung und in konventioneller Textform in einem digitalen Lernmanagementsystem bearbeiten. Interessant war, wie stark die Wertung von der Einstellung zum Thema abhängt, wir haben diese Einstellung im Vorfeld auch erfragt. Um mal ein Feedback zu zitieren: „Es ist halt immer noch Vergaberecht.” Und die Dialoge in Textform durchzulesen, geht einfach schneller. Wer sich also schon zuvor nicht für das Thema begeisterte, wollte auch für die Klausurvorbereitung möglichst wenig Zeit aufwenden.
Auf der anderen Seite waren aber gerade Spaß und Motivation die zwei großen Faktoren, die immer wieder genannt wurden. Häufig war auch die Aussage „Man ist mittendrin“; das, was wir „Immersion“ nennen, also das Eingebundensein in eine als fast real empfundene Umgebung, wirkt also.

Was auch zurückgemeldet wurde: Wissen wird durch das Erleben viel besser verankert. In einem der Szenarien entsteht – durchaus auf Basis realer Erfahrungen – durch die Anforderung einer Führungskraft ein Handlungsdruck. Das Lehrziel ist hier, zu entscheiden, ob es sich tatsächlich um einen dringenden Fall handelt. In der VR-Situation waren viele Studierende verunsichert. In der Abschlussbesprechung konnten viele der Teilnehmenden reflektieren, welche Fehler in solchen Situation entstehen können.

Wie wurde das Projekt ausgewertet und welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen?

Bothe: Wir nutzen zum einen Fragebögen für Pre- und Post-Tests, in denen unter anderem der wahrgenommene Kompetenzerwerb und die Zufriedenheit abgefragt wurden, zudem haben wir Gruppendiskussionen durchgeführt und ausgewertet. Wesentliche Erkenntnisse sind: Viele Studierende sagten, sie hätten schon lange nicht mehr mit einer solchen Intensität und Konzentration gelernt, aber nach 20 Minuten lässt die Konzentration stark nach, es sind also Pausen einzuplanen; die Umsetzung der Arbeitsumgebung ist gelungen, es braucht keine detailliertere grafische Aufbereitung. Die Lernenden wünschen sich aber eine Anzeige des Lernfortschritts und vor allem mehr Feedback, warum bestimmte Entscheidungen richtig oder falsch sind, – und mehr Szenarien, mehr solcher Übungsanwendungen, zum Beispiel eine Haushaltssitzung.

Auf der nächsten Seite: Wie es weitergeht & Hintergrund zum Projekt.

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