Die aktuelle „Stadtwerkestudie 2022“ zeigt: Während die Aufgabenliste der Stadtwerke immer länger wird, wird die finanzielle Situation prekärer und macht die Umsetzung erheblich schwerer.
Schere im Kopf weglegen, offen sein und um die Ecke denken, rät Christoph Trautmann, Geschäftsführer der Stadtwerke Aalen
Die mittlerweile 20. Auflage der Stadtwerkestudie, herausgegeben vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und der Wirtschaftsprüfergesellschaft Ernst & Young (EY), macht gleich im Titel klar, worin die größte Herausforderung für Stadtwerke derzeit besteht. „Teure neue Energiewelt“ heißt das Papier und verortet die Stadtwerke im Konfliktfeld „zwischen Finanzierungsdruck und Transformationsbedarf“.
Ein gutes Jahr, aber ...
Laut Studie war 2021 ein gutes Jahr für die deutschen Stadtwerke, der geschäftliche Erfolg habe Vor-Corona-Niveau erreicht. Die wichtigsten Themen, mit denen sich 2021 die Entscheidungsträger laut Umfrage befassen mussten, waren die in der zweiten Jahreshälfte 2021 stark steigenden Energiepreise und die damit einhergehenden Handlungsfelder „Nachhaltigkeit“ und „Digitalisierung“. Die Klimaziele im Koalitionsvertrag gaben zudem eine klare Richtlinie vor.
„Zeitreihenanalysen im Rahmen der alljährlichen Stadtwerkestudie zeigen, dass die Zustimmung für viele Themenfelder im Jahr 2021 angestiegen ist. Stadtwerke haben also eindeutig immer mehr Aufgaben zu bewältigen“, heißt es in der Studie. „Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Themen mit sehr hohen Zustimmungswerten zu, was bedeutet, dass auch die Dringlichkeit der einzelnen Themen steigt. Den Stadtwerken steht also viel Arbeit ins Haus.“
„Während die Aufgabenliste der kommunalen Versorger immer länger und dringlicher wird und damit immense Investitionsbedarfe verbunden sind, droht die finanzielle Situation sie zunehmend zu beschränken“, so Andreas Siebel, Partner bei EY und Sektorleiter Energy & Resources. Das Finanzmanagement wird also immer wichtiger.
Zur Verbesserung der Finanzen und Liquidität nutzt laut Studie gut die Hälfte der Befragten Kosten-Benchmarks, jeweils 48 Prozent bündeln Aufgaben in Shared-Service-Centern und nutzen Dienstleister zur Kostensenkung. Kreditrahmenverträge seien von 47 Prozent der befragten Unternehmen neu verhandelt worden, aber nur 27 Prozent nutzten hierfür Bankenkonsortien. „Die Finanzierungsfähigkeit scheint bei 87 Prozent der Studienteilnehmer so solide, dass sie ohne Kommunalbürgschaften ihres Gesellschafters operieren können“, heißt es, doch könnten auch hier neue Wege zusätzliche Chancen bieten: „Frisches Kapital kann beispielsweise auch von privaten Investoren wie Versicherern, Altersvorsorge-Anbietern und Pensionskassen deutscher DAX-Konzerne kommen, die nach Anlagemöglichkeiten in Infrastrukturprojekten suchen.“
Umdenken
„Wichtig ist, dass die kommunalen Eigner ihren Stadtwerken auch den notwendigen finanziellen Spielraum lassen, um in die Zukunft zu investieren. Das darf nicht von der Kassenlage der Kommunen abhängen. Die Stadtwerke können den Transformationsprozess nur gestalten, wenn sie die notwendigen Investitionen auch tätigen können“, ergänzt Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung.
Zumal sich in den letzten Jahren anhand von Benchmarks gezeigt habe, dass die Eigenwahrnehmung der Stadtwerke im Hinblick auf Effizienz, Produktportfolio und Stabilität sehr stark von der Wirklichkeit abweiche, wie es in der Studie heißt. Die finanzielle Situation vieler Stadtwerke habe sich in den letzten Jahren „schleichend, aber kontinuierlich verschlechtert“.
Um die Aufgaben zu bewältigen, bedürfe es neuer Denkweisen. „Lösungen liegen nicht fertig in der Schublade, und das, was für das eine Stadtwerkeunternehmen passt, muss nicht unbedingt eine Lösung für ein anderes sein“, ist sich Christoph Trautmann, Geschäftsführer der Stadtwerke Aalen GmbH, sicher. „Wir müssen die Schere im Kopf weglegen, offen sein für neue Perspektiven und ganz bewusst um die Ecke denken.“
„Damit Stadtwerke ihre Schlüsselrolle für die nachhaltige Transformation erfolgreich ausfüllen können, benötigen sie dringend einen strategischen Rahmen. Dabei stehen auch die kommunalen Gesellschafter in der Pflicht“, ergänzt Siebel und betont die Bedeutung von Kooperationen.
Stand: 08.12.2025
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Laut BDEW setzen bereits 88 Prozent der Stadtwerke auf Kooperation. Ganze 89 Prozent davon wollen auch weiterhin mit anderen Stadtwerken zusammenarbeiten, und 42 Prozent glauben an Kooperationen mit Unternehmen anderer Branchen. „Bestehende Kooperationen unter Stadtwerken sind oftmals historisch gewachsen und bestehen insbesondere seit der Liberalisierung der Energiemärkte 1998, etwa in Form eines gemeinsamen Einkaufs“, erklärt Metin Fidan, Mitautor der Stadtwerkestudie, Partner bei EY und Leiter Green Transformation & Mining and Metals in der Region Europe West. Hierbei gehe es jedoch vor allem um Kostenersparnisse und Effizienz. „Für die aktuellen Herausforderungen wie die digitale und nachhaltige Transformation braucht es aber auch neue Formen der Kooperation, die auf Innovation zielen“, betont Fidan.
IT-Sicherheit wird zum Topthema
Welche Themen haben für die Stadtwerke in den kommenden zwei bis drei Jahren besondere Bedeutung? Die Antworten der Befragten mit Vorjahresvergleich:
- Digitalisierung im Allgemeinen (von 86 auf 89%) - Digitalisierung, speziell IT-Sicherheit (von 72 auf 87%) - Optimierung interner Prozesse (von 84 auf 82%) - Gewinnung qualifizierter Mitarbeiter und Personalentwicklung (von 70 auf 82%) - Dekarbonisierung, insbesondere Eigenerzeugung der Kunden (von 53 auf 72%) - Dekarbonisierung im Allgemeinen (von 54 auf 67%) - Absatz, Marketing, Kundenbetreuung (von 60 auf 62%) - Kooperationen, Fusionen (von 51 auf 59%) - Aufbau neuer Geschäftsfelder (von 61 auf 48%) - Smart Metering, Smart Grid, Netzintegration (von 67 auf 39%)
Die Themen Dekarbonisierung, Digitalisierung und Datensicherheit gewinnen also ebenso an Bedeutung wie das Thema Personalgewinnung und -entwicklung. Das Thema Smart Metering hingegen verliert an Aufmerksamkeit.