Digital-Lotsen in Sachsen

Leinen los für mehr digitale Kompetenz

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Der Freistaat Sachsen hat im Mai beschlossen, das Projekt der Digital-Lotsen jährlich mit 1,122 Millionen Euro zu fördern. Was zunächst nach einer bedeutenden Investition aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als relativ bescheidene Summe. Teilt man sie durch die Anzahl der sächsischen Kommunen, seit Beginn des Jahres sind das 419, das sind noch nicht einmal 3.000 Euro im Jahr. Lässt sich damit wirklich (digitaler) Staat machen?

Popp: Ich möchte zunächst betonen, dass die digitale Transformation der Verwaltung kein Projekt ist, sondern eine Daueraufgabe. Allein der technische Fortschritt sorgt dafür, dass wir wohl nie einen Endzustand „Verwaltung digitalisiert“ erreicht haben werden. Vielmehr müssen wir ständig neue Entwicklungen im Blick haben und uns anpassen. Darum sage ich auch immer: Die Digitalisierung geht nicht mehr weg. Wir müssen das als Führungskräfte und auf politischer Ebene berücksichtigen und dafür dauerhaft investieren.

Die genannte Summe ist eine Anschubfinanzierung. Wir fördern damit, dass noch mehr digitale Kompetenz an zentraler Stelle im SSG dauerhaft aufgebaut wird. Diese Expertise soll in die Fläche zu den Digital-Navigatoren gebracht und dort verankert werden. Und mit jedem erfolgreichen Navigator vor Ort wächst das Netzwerk digital kompetenter Verwaltungsmitarbeiter. Jeder Einzelne davon kann ebenfalls als Multiplikator fungieren und sein Wissen weitertragen – in die eigene Kommune, zu anderen Kommunen und natürlich auch in Richtung Staatsverwaltung.

Das ist eine nachhaltige Vorgehensweise, weil die Investition in die Lotsen wie ein Hebel auf das Einbringen weiterer personeller und finanzieller Ressourcen durch die Kommunen wirkt. Wir spannen ein größeres Segel an den Mast, um den Wind der Modernisierung noch besser auf das Schiff übertragen zu können. Jedenfalls wird das Vorgehen wirtschaftlicher sein, als ständig externe Expertise einzukaufen. Nicht zuletzt fördert es die digitale Souveränität im gesamten Freistaat Sachsen.

Und die eigentliche Herausforderung steht den Kommunen mit der OZG-Umsetzung ja noch bevor. Der Bund hat schon signalisiert, dass er ab 2023 die Länder und Kommunen in der finanziellen Verantwortung für die weitere Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes sieht. Welche weiteren Hilfen erwarten Sie sich hier als Geschäftsführer des SSG?

Woitscheck: Digital-Navigatoren sollen helfen, Projekte umsetzen zu können. Dies schließt die OZG-Verfahren ein. Auch gemeinschaftlich zentral entwickelte Lösungen müssen implementiert und betrieben werden. Städte und Gemeinden benötigen konkrete finanzielle Unterstützung zur Ertüchtigung ihrer Infrastruktur und zur Umsetzung der digitalen Prozesse vor Ort. Hier steht auch der Freistaat Sachsen in der Verantwortung! Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können die OZG-Verfahren in den Städten und Gemeinden implementiert werden.

Ich mache es einmal konkret: Wenn von den 575 OZG-Leistungsbündeln nur 150 in einer kleineren Kommune zur Anwendung kommen, werden mindestens zwei Projekttage pro Leistung beziehunsgweise Verfahren für die Implementierung und Anbindung an das Dokumentenmanagementsystem, das Kassensystem, die Schulung der Mitarbeiter usw. anfallen. Schnell kommen so Summen zusammen, die den Städten und Gemeinden nicht zur Verfügung stehen. Hierfür bedarf es eines pauschalen Förderprogrammes für die digitale Kommunalverwaltung.

Und was ist, wenn es kein zusätzliches Geld gibt? Welchen Nutzen bringen dann die Lotsen und Navigatoren in sächsischen Kommunen?

Woitscheck: Mit den Digital-Navigatoren bringen wir Grundlagenwissen und Kompetenz in die Kommunalverwaltung als dauerhaften Nutzen. Auch die Vernetzung und der Austausch zwischen den Digital-Navigatoren untereinander bleibt. All das versetzt unsere Städte und Gemeinden nachhaltig in die Lage, die Herausforderungen der digitalen Transformation bewältigen zu können, ihre Zukunft aktiv und selbstbestimmt zu gestalten und nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit und gemeinsamen Lösungen zu suchen. Damit alleine werden wir aber die Erwartungen der Bürgerschaft und Wirtschaft an eine digitale Kommunalverwaltung nicht erfüllen können, dafür bedarf es weiterer finanzieller Unterstützung.

Popp: Eine gute finanzielle Ausstattung ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, aber nicht der Einzige. Laut aktuellen Studien wird bereits heute in vier von fünf Jobangeboten digitales Know-how verlangt. Diesem Trend können wir uns als Öffentliche Verwaltung nicht entziehen. Effektive elektronische Arbeit in einer Behörde und zwischen den Behörden – über alle Verwaltungsebenen hinweg – erreichen wir nur, wenn wir nicht weiter in einem Meer mit digitalen Insellösungen schwimmen und wenn wir vor Ort – in jedem Amt und jeder Behörde – Digitalisierung können. Dazu brauchen wir Lotsen und Navigatoren als Übersetzer und Akzeptanzmanager, die fachliche Anforderungen mit den technischen Potenzialen der IT verbinden.

Diese besondere Personengruppe soll die Brücke bauen zwischen der Gegenwart von „Noch-nicht-so-digitaler-Verwaltung“ und einer Zukunft, in der es selbstverständlich ist, dass Verwaltung digital und vernetzt arbeitet.

Im Freistaat Sachsen wollen wir den Kurs der Digitalisierung weiter gemeinsam beschreiten: Im engen Austausch und in Kooperation zwischen staatlicher und kommunaler Ebene. Ich sehe es auch als gesamtstaatliche Aufgabe an, sich gegenseitig mit Expertise, mit technischen Lö­sungen und gegebenenfalls auch mit finanziellen Mitteln zu unterstützen.

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