Das 2019 gestartete, zunächst deutsch-französische Projekt Gaia-X mit dem Ziel, eine Plattform für sichere Datenräume nach europäischem Recht zu entwickeln, wurde zuletzt eher skeptisch betrachtet. Doch es gibt Fortschritte und internationales Interesse, zeigte sich auf dem Gaia-X-Summit in Porto, Portugal.
Ulrich Ahle, CEO von Gaia-X: „Gaia-X könnte zum globalen Standard werden.“
(Bild: Rüdiger)
Rund 300 internationale Teilnehmer kamen Mitte November in die portugiesische Hafenstadt Porto, um sich über den aktuellen Status bei Gaia-X zu informieren und sich auszutauschen. Dabei stellte sich heraus: Gaia-X zieht inzwischen auch Interesse aus Ländern wie Japan, Südkorea, Kanada und weiteren globalen Regionen an. Die Organisation ist auf 275 Mitglieder angeschwollen und wächst weiter – am Anfang waren es 22 Mitglieder aus Deutschland und Frankreich.
Der Gaia-X-Summit in Porto präsentierte den Stand der Dinge bei dem von europäischen Playern initiierten Datenraum-Projekt.
(Bild: Rüdiger)
Dass auch US-Hyperscaler dabei sind, betrachtet Gaia-X nicht als Katastrophe für die Idee offener, sicherer Datenräume. Denn man hat insgesamt vier Sicherheitsstufen (0, 1, 2, 3) definiert, deren höchste nur dann verliehen wird, wenn der Betreiber den Firmenhauptsitz in Europa und damit außerhalb der Reichweite von Jurisdiktionen wie dem US-amerikanischen Cloud Act hat.
Es gibt inzwischen fünf europäische Cloud-Provider, die diese Zertifizierung erhalten haben: Cloud Temple, Thésée DataCenter, OPIQUAD, OVHcloud und Seeweb. Gerade für Verwaltung, Gesundheitswesen und ähnliche sicherheitsbewusste Player ist dies entscheidend, um entsprechende Services beanspruchen zu können. Dazu gehört auch OVHcloud. Weitere Zertifizierungen sollen folgen.
Elf „Clearinghouses“
Die Erteilung von Zertifikaten übernehmen sogenannte Gaia-X-Clearinghouses (GXDCH), von denen es mittlerweile elf gibt. Dazu gehören neben OVHcloud auch Proximus, NTT Data, T-Systems und seit Neuestem auch Pfalzkom. Hier durchlaufen Gaia-X-Datenservices und -Provider weitgehend automatisierte Zertifizierungsprüfungen. Basis-Zertifizierungen sind kostenfrei, für den Rest (Level 1 bis 3) müssen die Betreiber zahlen.
Ein nach dem Basislevel zertifizierter Dienst muss angebotene Services oder Produkte deklarieren und mit einer verifizierten Methode, etwa eIDAS, signieren. Der Service muss automatisch von einem Clearinghouse validiert und verifiziert werden, und es muss Regeln für den Datenaustausch geben.
Beim höchsten Service kommen verschärfte Verifizierungsmechanismen hinzu. Dazu treten das Recht, ein Zertifizierungslabel im Logo zu führen, der Datenschutz durch die EU-Gesetzgebung, eine zusätzliche manuelle Verifizierung durch spezielle Zertifizierungsbewertungsgremien (CAB, Certification-Assessment-Bodys) und schließlich der Hauptsitz des Anbieters in der EU. Die beiden übrigen Stufen liegen dazwischen.
Trust-Framework jetzt sachlich und geografisch erweiterbar
Außerdem wurde das Gaia-X-Trust-Framework Version 3.0 „Danube“ offiziell freigegeben. Es ermöglicht geografische und Domain-Erweiterungen. Erstere sind nötig, damit andere Länder außerhalb der europäischen Jurisdiktion Gaia-X verwenden können. Möglicherweise werden sie dazu auch eigene Zertifizierungsinstanzen etablieren.
Letztere sind sinnvoll, weil sich immer öfter sachliche Querverbindungen zwischen einzelnen Bereichen ergeben. Das lässt es sinnvoll erscheinen, auch die Datenservices und -räume miteinander austauschfähig zu machen.
Außerdem gibt es jetzt einen digitalen, nach Kriterien durchsuchbaren Katalog, der bereits sechshundert funktionierende Gaia-X-zertifizierte Services von 15 Providern enthält. Bis Jahresende sollen es 1.000 sein.
Durch die territoriale Erweiterbarkeit sieht Gaia-X-CEO Ulrich Ahle die Chance, dass sich Gaia-X zu einem globalen Standard für sichere Datenservices entwickeln könnte. Weil das Framework Open Source ist, steht dem das Risiko gegenüber, dass die Technologien genutzt, aber für eigene, den Europäern nicht unbedingt erwünschte Zwecke weiterentwickelt werden. Das sei allerdings, so Ahle, bei Open Source unvermeidlich.
Die beschriebenen Fortschritte sind wichtig für die KI-Nutzung und -Weiterentwicklung: Möglichkeiten zum sicheren und selbstbestimmten Datenaustausch sollen bewirken, dass Firmen bereit sind, ihre privaten Daten mit anderen Playern und entsprechenden KI-Algorithmen zu teilen. Das aber sei, so Ahle, dringend nötig für branchenbezogene KI-System. Von ihnen versprechen sich viele Unternehmen weit mehr als von generalisierten LLMs.
Stand: 08.12.2025
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Services: langsam voran
Anders als bei technischen und organisatorischen Strukturen geht es bei den angebotenen Services eher langsam voran. Zwar gibt es mittlerweile laut Ahle rund 175 Gaia-X-Projekte, operativ sind aber die wenigsten.
Leuchtturm-Projekte von Gaia-X: Erst wenige sind schon praktisch einsatzfähig.
(Bild: Rüdiger)
Immerhin versuchen gerade Branchen, die unter Druck stehen oder sehr wettbewerbsintensiven sind, den Datenbereich über Gaia-X zu optimieren. So präsentierte sich in Porto mit Data4Nuclear-X ein neues Datenraum-Projekt der französischen EDF. Sie will damit den Aufbau neuer Meiler, der heute bis zu zwei Jahrzehnte dauern kann, auf sechs bis sieben Jahre verkürzen. Sechs neue Meiler, vorerst in Frankreich und England, hat EDF angepeilt. Das ist ehrgeizig, bedenkt man, dass der Solar- und Windboom in vielen Ländern jetzt erst richtig beginnt.
Das gesamte Lieferantennetz von insgesamt rund 2.500 mehrheitlich kleineren Firmen soll in den Datenraum aufgenommen werden. Die Technik wird, so die Hoffnung, Millionen Datentransfers, die innerhalb dieses Netzes beim Management einzelner Projekte anfallen, beschleunigen, sie transparenter und sicherer machen. Auch das Beschaffungswesen soll profitieren.
Dem zur Zeit sehr dringlichen Thema Verteidigung/Luftfahrt widmet sich das Datenraumprojekt Decade-X. Ziele sind hier resiliente Lieferketten, die sichere Nachverfolgbarkeit von Vorgängen und ein effizienteres Co-Development gewährleisten. Der PoC arbeitet mit neun Partnern, 2026 soll das System in Version 1 live gehen. Dafür sind 15 bis 20 Partner vorgesehen.
Daten sollen zwischen Decade-X-Partnern Peer-to-Peer über standardisierte Services ausgetauscht werden. Außerdem soll der Datenraum für kleine Unternehmen zugänglich sein. Es soll auch möglich sein, das Datennetz um Spezialbereiche für bestimmte vertikale Branchen zu erweitern. Klar, dass die Sicherheit hier wie auch bei Nuclear-X auf Level 3 liegen muss.
Peer-to-Peer-Datenservices für den Mittelstand
In der nächsten Phase gilt es, die Gaia-X-Projekte mit validen Geschäftsmodellen zu hinterlegen.
(Bild: Rüdiger)
Während dies alles noch sehr luftig klingt, gibt es bereits einige Beispiele, wo Gaia-X zu konkreten Implementierungen geführt hat, die heute bereits genutzt werden. Das wohl bekannteste ist das Netzwerk für die Automobilindustrie, Catena-X. Es hat inzwischen die Anwendungsreife erreicht und wirbt unter den Zulieferern darum, sich anzuschließen.
Eine ganz andere Herangehensweise wählt deltaDAO mit Pontus-X. Pontus-X ist eine Umgebung, in der Anwender eigene Datenräume aufbauen, Peer-to-Peer-Datenservices bereitstellen, Datennutzungsverträge automatisiert abschließen und ihre Services anschließend auch abrechnen können.
Ökonomische Eigenverantwortung zwingt zum Erfolg
Das junge Unternehmen hat den Aufbau der Plattform gänzlich selbst finanziert, ist aber mittlerweile profitabel. Es lebt von minimalen Nutzungsgebühren für Billing, Contracting und sonstige Dienste, die auf der Plattform angeboten werden. Dabei wird konsequent on demand abgerechnet. Die Kunden kommen aus den produzierenden Branchen oder bieten selbst AI- und Cloud-Services an. Weitere Branchen auf der Plattform sind Mobilität, Luft- und Raumfahrt oder Landwirtschaft.
Ansonsten befinden sich die meisten Umsetzungen von Gaia-X im frühen Stadium, aber es bewegt sich viel. Deshalb sollte man die Unkenrufe, die Gaia-X immer wieder in die Reihe gescheiterter Großprojekte verweisen wollen, nicht zu ernst nehmen. Manche Dinge brauchen etwas länger, bis sie laufen. Auch die GDPR wurde anfangs skeptisch beäugt und immer wieder harsch kritisiert – trotz mancher Überregulierung wird sie aber heute in vielen Ländern kopiert.