Als neue Digitalstaatssekretärin sowie CIO und CDO in Thüringen steht Milen Starke für ein effizientes, offenes und nutzerorientiertes eGovernment. Im Interview spricht sie darüber, wie sie die Verwaltung des Freistaates zukunftsfähig aufstellen möchte.
Mithilfe dreier Leitplanken will Digitalstaatssekretärin Milen Starke die Verwaltung in Thüringen digital souveräner, effizienter und bürgernäher aufstellen.
(Bild: TSK/Andreas Pöcking)
Frau Starke, zunächst noch einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Ernennung zur Staatssekretärin im Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur sowie zur CIO und CDO des Freistaates Thüringen. Wie war denn Ihr erster Eindruck vom Digitalisierungsstand der Thüringer Verwaltung? Welche strukturellen Herausforderungen haben Sie dabei identifiziert, die einer schnelleren Umsetzung digitaler Vorhaben im Weg stehen?
Starke: Mein erster Eindruck war, dass in Thüringen bereits äußerst engagiert an vielen digitalen Projekten gearbeitet wird und wir zahlreiche Fachleute haben, die mit großem Einsatz die Verwaltung modernisieren wollen. Gleichzeitig sehe ich, dass wir noch zu viele Einzellösungen haben und die Zusammenarbeit zwischen den Ressorts und mit den Kommunen oft nicht ausreichend abgestimmt ist. Hier liegt eine zentrale Herausforderung: Wir müssen konsequenter auf einheitliche Standards und auf prozessorientiertes Arbeiten setzen, damit wir schlussendlich schneller, effizienter und nutzerfreundlicher werden.
Wenn Sie mit Ihrem Wissen von heute eine im Land Thüringen getroffene IT-Entscheidung rückgängig machen könnten, welche wäre das, und was würden Sie anders machen?
Starke: Es wäre nicht angemessen, einzelne Entscheidungen im Nachhinein pauschal in Frage zu stellen. Aber rückblickend hätte uns die flächendeckende Erkenntnis, dass wir auf offene Standards und Interoperabilität setzen müssen, einen entscheidenden Vorsprung bei der Verwaltungsdigitalisierung beschert.
Oft wurde dies nicht beachtet, was aber langfristig zu Abhängigkeiten führen kann. Mit offenen Standards wären wir heute flexibler, unabhängiger und könnten bestehende Lösungen leichter wiederverwenden – sowohl zwischen Behörden als auch zwischen Land und Kommunen. Dass sich diese Erkenntnis nun überall durchsetzt, ist aber ein Erfolg.
Das alles zielt ja in die Richtung, auch im Zweifel handlungsfähig zu bleiben. Wie definieren Sie für sich und die Thüringer Verwaltung „digitale Handlungsfähigkeit“? Und welche konkreten Abhängigkeiten von externen Anbietern oder Technologien sehen Sie dabei als kritisch an?
Starke: Digitale Handlungsfähigkeit bedeutet für mich, dass wir als Verwaltung jederzeit souverän über unsere Systeme, Daten und Prozesse verfügen können. Das heißt: Wir wissen, wo unsere Daten liegen, wir können Schnittstellen gestalten, und wir sind nicht von einzelnen Anbietern abhängig. Kritisch sehe ich vor allem Abhängigkeiten von proprietären Cloud-Angeboten, die uns in dauerhafte Lizenz- und Supportbindungen bringen.
Unsere Aufgabe ist es, eine Balance zu finden: Eigenentwicklung und Open-Source-Lösungen dort, wo sie strategisch entscheidend sind, und kommerzielle Produkte dort, wo sie sinnvoll, wirtschaftlich und in offene Standards eingebettet sind.
Digitale Handlungsfähigkeit bedeutet für mich, dass wir als Verwaltung jederzeit souverän über unsere Systeme, Daten und Prozesse verfügen können.
Milen Starke. Staatssekretärin im Thüringer Digitalministerium
Welche strategischen Ziele haben Sie sich für das Thüringer Digitalministerium gesetzt, um die Landesverwaltung langfristig unabhängiger und zukunftsfähiger bei digitalen Technologien zu machen; und wie priorisieren Sie dabei zwischen Eigenentwicklung, Open-Source-Lösungen und kommerziellen Produkten?
Starke: Mein Ziel ist es, die Verwaltung in Thüringen digital souveräner, effizienter und bürgernäher aufzustellen. Dafür setzen wir auf drei Leitplanken: Erstens wollen wir die Kontrolle über unsere Daten und Systeme sichern. Zweitens wollen wir Verwaltungsprozesse durchgängig digital gestalten. Das bedeutet weg von papierorientierten Formaten, hin zu klar strukturierten Abläufen, bei denen die Daten so erfasst werden, dass sie medienumbruchfrei weiterverarbeitet werden können. Drittens ist mir besonders der kulturelle Wandel wichtig: Wir brauchen mehr Offenheit, Zusammenarbeit und Nutzerorientierung.
Bei der Priorisierung gilt: Open Source hat Vorrang, wenn es tragfähige Lösungen gibt. Eigenentwicklungen kommen nur in Frage, wenn sie strategisch notwendig sind. Und kommerzielle Produkte ergänzen wir dort, wo sie offene Standards unterstützen und echten Mehrwert bieten. Wir wollen die Innovationskraft des Marktes, gerade auch der Thüringer Wirtschaft, hier nutzen.
Wie beurteilen Sie das Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf Fehlervermeidung in der öffentlichen Verwaltung und der Notwendigkeit, bei digitalen Innovationen experimenteller und agiler vorzugehen, gerade mit Blick auf Ihr Bundesland?
Starke: Die Verwaltung hat naturgemäß einen hohen Anspruch an Verlässlichkeit und Fehlerfreiheit – und das ist auch richtig so. Aber gleichzeitig müssen wir uns bewusstmachen, dass digitale Projekte nicht wie klassische Bauvorhaben geplant werden können. Innovation gelingt nur, wenn wir Neues ausprobieren, in kleinen Schritten testen und bei Bedarf nachjustieren. Das bedeutet nicht, dass wir unüberlegt handeln, sondern dass wir Risiken bewusst managen und Fehler früh erkennen, um sie korrigieren zu können. Pilotprojekte, agile Methoden und iterative Entwicklung sind hier der richtige Weg – gerade in einem Land wie Thüringen, das klein genug ist, um flexibel zu sein, und groß genug, um Wirkung zu entfalten.
Inwieweit empfinden Sie den kulturellen Wandel als Voraussetzung für erfolgreiche Digitalisierung in der Thüringer Verwaltung und mit welchen konkreten Maßnahmen begegnen Sie möglichen Ängsten oder Widerständen bei Führungskräften und Mitarbeitenden im Freistaat?
Starke: Technik allein macht noch keine Digitalisierung. Entscheidend ist der kulturelle Wandel – und der beginnt bei den Menschen. Wir müssen unsere Mitarbeitenden einbeziehen, ihre Expertise ernst nehmen und sie befähigen, neue Arbeitsweisen auszuprobieren. Bei Führungskräften geht es darum, Digitalisierung nicht nur zuzulassen, sondern auch aktiv zu gestalten. Wir schaffen Transparenz über die Ziele, wir bieten Schulungen an, und wir fördern den Austausch über alle Ressort- und Verwaltungsebenen hinweg. Wichtig ist auch: Digitalisierung soll entlasten, nicht belasten – das müssen wir klarmachen. So lassen sich Ängste und Widerstände abbauen.
Stand: 08.12.2025
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Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Digitalisierungsvorhaben in Thüringen? Welche Indikatoren sind für Sie aussagekräftig und wie schaffen Sie es, neben technischen Kennzahlen auch den organisatorischen und gesellschaftlichen Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger in Thüringen sichtbar zu machen?
Starke: Erfolg lässt sich nicht nur an technischen Kennzahlen messen. Genauso wichtig ist, ob Prozesse tatsächlich schneller und einfacher werden, ob Doppelarbeit reduziert wird und ob Schnittstellen zwischen Behörden funktionieren. Am Ende geht es darum, dass die Menschen in Thüringen die Digitalisierung positiv spüren: wenn Anträge unkomplizierter sind, wenn sie Daten nicht mehrfach angeben müssen, wenn sie mehr Transparenz haben. Der Mehrwert für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen ist für mich der entscheidende Maßstab.
Das Interview mit Milen Starke fand anlässlich des 5. Thüringer E-Government-Kongresses statt. Zusätzliche Informationen zu dem Event und weitere Interviews finden sich auf der Veranstaltungswebseite.