CDOs beschäftigen sich ja meist nicht nur mit rein digitalen Dingen. Oftmals haben sie es auch mit Veränderungen von bremsenden Rahmenbedingungen und althergebrachten Denkmustern in Organisationen und Köpfen zu tun. Dass man manches verändern kann, dazu gibt es hier Erfahrungen aus Portugal und Bayern (beziehungsweise Österreich).
Falk A. Schmidt war einer der Ersten: einer der allerersten Mitarbeiter bei der Firma Computacenter, denen es im Unternehmen möglich war, Workation wirklich durchzuführen – und zwar in Portugal. Vorher war das nicht machbar. Wenn jemand ins Ferienhaus im Allgäu oder an die Ostsee fuhr, um von dort zu arbeiten, war's easy und erlaubt. Doch im europäischen Ausland? Pustekuchen. Und jetzt? Jetzt geht's. Manchmal können manche Dinge möglich werden.
Seit jeher ist die Digitalisierungsbranche geprägt von Agilität und Mobilität. Man benötigt als „Hardware-Ressource“ lediglich sein Hirn, einen Tisch, einen Stuhl und ein Notebook (klar, WLAN ist essenziell). Die echten IT-Mehrwerte werden am Rechner per Code in Software gegossen – Ort und Uhrzeit sind dabei egal. Und so, wie sich die Wirtschaft stetig von Industrieproduktion hin zu Dienstleistung entwickelt, liberalisiert sich auch der Arbeitsplatz als solches – und die IT ist in einer Vorreiterrolle, weil sie geprägt ist von Schnelligkeit, Zusammenarbeit und Dynamik. Kernelemente der Wertschöpfung sind Kreativität, offenes Denken und Ideenvielfalt. Ohne sie entstehen keine Innovationen. Die Kette wäre hiermit zu Ende: ohne Ideen keine Innovationen, ohne Innovationen keine nachhaltige Entwicklung – und am Ende keine Wertschöpfung und wenig Wirkung.
So simpel könnte das Votum für Workation lauten, fürs Arbeiten an Orten, an denen andere Urlaub machen. Und wären das nicht auch die Pro-Argumente für Firmenlenkerinnen und Verwaltungsleiter, wenn Mitarbeitende die Möglichkeit zum Arbeiten aus dem Ausland anfragen? Wahrscheinlich (so hoffen es die Autoren) wird es genauso sein. Denn Flexibilität, von wo auch immer zu arbeiten, fördert neben reinem Output ebenfalls den Outcome der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, also ihre Wirksamkeit, auch deren Motivation und Engagement und im Endeffekt den Impact. Darüber hinaus findet man einen weiteren Grund, der für Flexibilisierung des Arbeitsortes spricht: Zeit.
Erfahrungsbericht Falk A. Schmidt, Sonntag, 16.43 Uhr, Ankunft: der erste Gang in der Ferienunterkunft führt zur Infomappe. Gesucht wird der WLAN-Code. Nach fünf Minuten sind alle digitalen Devices mit dem WLAN verbunden. Ready for Monday.
Die öffentliche Verwaltung schläft nicht, idealerweise ist sie 24/7 für Bürgerinnen und Bürger da. Verfügbarkeit und Stabilität sind Aspekte, die jede IT-Leitung als Grundvoraussetzung für ihre Behörden-IT nennen wird. Das bedeutet gleichzeitig, dass von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der IT-Branche zeitliche Flexibilität als Dienstleister verlangt wird. Die Autoren kennen niemanden aus der IT, die oder der damit ein grundsätzliches Problem hat. Vielmehr ist es eine Stärke der Menschen in dieser Branche, flexibel zu sein. Genauso ist es wichtig, dass man bei diesem Flexibilitätsanspruch an die mitarbeitenden Menschen denkt. Wie können sie bestmöglich wirksam sein und Performance bieten? Wenn Ort (z.B. Rechenzentrum, Meetingraum) und Zeit (Upgrades am Wochenende, Software Releases zu später Stunde aufspielen etc.) „positiv egal“ sind, dann sind es diese Aspekte auch in anderer Form (Arbeiten vom Esstisch im Ferienhaus statt vom heimischen Schreibtisch). Die Grundlagen, damit all das funktioniert, sind Offenheit und Vertrauen.
Montag, 7.58 Uhr: Die Arbeit beginnt, bei mir mit einer Stunde Zeitverschiebung. Während ich mich samt morgendlichem Kaffee auf die sonnige Terrasse setze, poppt auf dem Smartphone auch schon die erste Chat-Mitteilung auf: „Kommst du in den Call?“ Schnell den Rechner hochgefahren, Hemd übergezogen, aber doch pünktlich und nur minimal gestresst. Lerneffekt: Die Zeitverschiebung vergesse ich ab jetzt nicht mehr.
Fake-Gründe
Wie steht es mit der rechtlichen Dimension? In dieser Kolumne werden keine Forschungsergebnisse ausgewertet, es bleibt bei rein subjektiven Eindrücken des Autorenduos: Bis heute konnte uns niemand die absoluten „No-go-Gründe“ gegen Arbeiten aus dem Ausland nennen. Klar, es gibt zeitliche Begrenzungen, aber es sind hierzu viel mehr Fake-Gerüchte im Umlauf als tatsächliche Limitation existiert – wenn man es wirklich will. Sozialversicherungsvorgaben und organisationseigene, rechtliche, auch steuerrechtliche Rahmenbedingungen sind zu beachten. Gleichzeitig findet man keine übergeordnete Guidance bzw. Governance, eine Richtlinie vom Gesetzgeber auf nationaler bzw. EU-Ebene. Möglich wär's also.
Mittwoch, 17.04 Uhr: Bergfest meiner Workation-Woche. Die Sonne steht schon etwas niedriger, neben Mails & Messages wandert mein Blick auch aus dem Fenster, auf die Wellen des Atlantiks. Ein wenig FOMO (fear-of-missing-out, also die Angst, etwas zu verpassen) hat sich über den Tag breit gemacht. Meine Familie war unterwegs, hat mich mit Fotos versorgt, während es meine einzige Aktivität neben der Arbeit am Rechner war, mir einen (sehr guten) Kaffee in der Mittagspause vom Café an der Ecke zu besorgen. Also kein Grund für FOMO, nichts, was ein Spaziergang zum Sonnenuntergang am Strand nicht lindern könnte. Neue Energie für die zweite Workation-Hälfte wird getankt.
Stand: 08.12.2025
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Workation ist seit langem Teil von Diskussionen in Personalabteilungen. Viele junge Unternehmen setzen es bereits um, daher wächst der Druck auf die Unternehmen, die es noch nicht ermöglichen. Wie schon beschrieben, sind Offenheit und Vertrauen die wichtigsten Grundlagen für Leitungen und Mitarbeitende, erst danach folgen Fragen zum Rechtlichen und Organisatorischen. Persönlich glauben beide Autoren, dass die Ermöglichung von flexibleren Arbeitsmodellen nicht mehr aufgehalten werden kann. Wir leben in Zeiten des Fachkräftemangels, und um die Organisation attraktiv zu machen für potenzielle (und vorhandene) Mitarbeitende, ist eine flexible Regelung zum Arbeitsplatz und -ort genauso essenziell wie eine moderne Arbeitsplatzausstattung.
Zudem hilft es den Mitarbeitenden, neben einer besseren Möglichkeit der Ideenfindung (Stichwort: „den Kopf freibekommen“), Familie und Zeit besser zu koordinieren (Stichwort: „Planung der Kita-/schulfreien Ferienzeit“). Zu guter Letzt werden bald Generationen ins Arbeitsleben einsteigen, bei denen örtliche und zeitliche Grenzen viel weiter in den Hintergrund treten. Den klassischen 9-to-5-Job wird es nicht mehr geben – es gibt ihn schon jetzt kaum mehr. Ein Europa, das sich zum Ziel gesetzt hat, keine Grenzen zu haben, sollte also auch in diesem Sinne keine Grenzen setzen.
Freitag, 16.23 Uhr: Mit dem Herunterfahren des Laptops endet meine letzte Workation-Amtshandlung. Nun beginnt der offizielle Urlaub, die Zeit ohne Mails und Termine. Rückblick, was war anders an dieser Arbeitswoche, in der ich aus Portugal gearbeitet habe? Die Themen waren identisch, die Meetings dieselben, es gab keinen Unterschied in meiner Arbeitsweise. Was mich jedoch zusätzlich motiviert hat, waren die Aussicht auf einen Standspaziergang am Abend, auf ein gutes Essen vor Ort und vor allem das Vertrauen der Firma. Ansonsten war alles wie immer – bis auf den Kaffee an der Ecke. Der war definitiv besser als sonst.
Workation ist natürlich nicht das Allheilmittel für sämtliche Herausforderungen, vor denen Unternehmen aus der Wirtschaft und dem Public Sector stehen. Doch es lohnt sich, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Wenn man also über Wertschöpfung, Wirkung und Wirksamkeit, über dafür sinnvolle Rahmenbedingungen und auch über Wertschätzung nachdenkt im Kontext von Fachkräftemangel, Employer Branding und Innovation. Wenn man also bereit ist, Dinge zu verändern, die gestern noch nicht möglich waren.
Eine Frage der Perspektive
Zum Abschluss gibt es einen Abstecher nach Bayern und Österreich. Unser NEGZ-Vorstandskollege Prof. Dr. Wilfried Bernhardt fordert als Jurist regelmäßig: „Es braucht mehr Ermöglichungsjuristen (w/m/d), weniger Verhinderungsjuristen.“ Bei einem eGov-Event in der bayerischen Landeshauptstadt München anno 2014 berichtete die damalige CIO der Stadt Wien, Ulrike Huemer, heutige Magistratsdirektorin in Linz, was dort alles bereits getan, geschaffen und positiv verändert worden war. Es resultierten neidische Blicke von den Gästen, oft auch die stereotype Standardreaktion, dass man all das ja nicht mit unseren deutschen Rahmenbedingungen vergleichen oder gar hierher übertragen könne. Auf die Frage, wie dies alles möglich, was wohl der entscheidende Hebel gewesen war, sagte die Juristin im wunderbarsten Wienerisch: „Wissen's, wir haben die Juristen außen vor gelassen.“
Nun ist es keinesfalls angeraten, bei Transformation und Modernisierung alles Rechtliche über Bord zu werfen. Das soll auch kein Juristen-Bashing werden, denn eine typisch deutsche Haltung ist in vielen Köpfen zu verändern: Wir sind sehr gut darin zu sagen, warum etwas nicht geht. Doch vielleicht gelingt es uns hierzulande beispielsweise, dass wir sowohl gewissenhafte Datenschützer als auch noch bessere Datennutzer werden. (Gibt es das Thema „Open Data“ eigentlich noch?)
Als Überleitung zum konstruktiven Blick nach vorn: Positiv besetzte Zukunftsszenarien, an denen sich die Aktivitäten der Digitalisierung und Modernisierung ausrichten können, ohne dass es Spinnerei oder Fantasy ist, weder politisch gefärbtes noch anderweitiges „Changewashing“, sind häufig Mangelware. Was könnte übermorgen möglich sein? Wenn man in der Verwaltungswelt fragt, ob es solche Szenarien gibt, erhält man regelmäßig ein Nein als Antwort. Wenn man fragt, von wem solche Szenarien kommen sollten: zuckende Schultern. Wenn man beharrlich bleibt, kommt manches Mal die Antwort: „Von der Politik“. Und wenn man nachbohrt, ob von Herrn oder Frau Politik, von wem genau, von welcher Rolle oder konkreten Person, schweben nur noch Fragezeichen durch den Raum. Arbeiten aus Portugal oder anderswo? Das war gestern noch nicht möglich. Doch manchmal darf man mutig sein, manchmal darf man sich Dinge vorstellen, die gut oder besser sein könnten, damit sie möglich werden.
Ein netter Nebeneffekt beim Arbeiten aus dem Ausland: Man bekommt mit, was anderswo schon geht. Wenn man dieses Gute mit dem vielen Guten kombiniert, das es hierzulande bereits gibt, was da wohl möglich wäre! Und wenn man neugierig über den Tellerrand schaut, muss man sich manche Zukunftsszenarien nicht einmal selbst ausdenken. Dann kann man sie „von anderswo“ adaptieren und viel Gutes möglich machen.
Andreas Steffen ist Gründungsmitglied des NEGZ und beschäftigt sich seit 1996 mit Digitalisierung, Transformation und Innovation. Als Gründer und Managing Director der Berliner Beratungsagentur 5STEP arbeitet der Betriebswirt als Strategieberater, Executive Coach und Moderator.
Falk A. Schmidt ist Chief Digital Officer und Unit Direktor Digital Government bei Computacenter. Beide Autoren sind Mitglieder des NEGZ-Vorstands und Co-Sprecher des CDO-Zirkels.