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Der gesunde Menschenverstand

Also sollten sich Reseller doch auf gesunden Menschenverstand, Kaufmannsehre und Plausibilitätsabschätzungen bei Gebraucht-Software-Angeboten verlassen? Langenfeld beschreibt, warum diese Vorgehensweise ihre Grenzen hat: „Konzentrieren wir uns mal auf das Business-Umfeld: Wir haben häufig die Situation, dass ein Reseller, gemäß dem gesunden Menschenverstand sagt: ‚So eine Windows-Server-Lizenz für Datacenter, die normalerweise mehrere Tausend Euro kostet, bekomme ich für einige Hundert Euro angeboten – das kann nicht sein.‘ Wie reagieren die Händler illegal vertriebener Keys darauf? Sie erhöhen die Preise. Hoch genug, um nicht unglaubwürdig zu wirken, aber deutlich unter dem Marktpreis, um das Interesse anzuziehen. Und diese Angebote findet man sowohl in deren Webshops als auch auf seriösen Handelsplattformen.“
Beispiel: Stadtverwaltung
Langenfeld nennt ein Beispiel: „Eines unserer Club-Mitglieder [Anm. d. Red.: Windows Server Kompetenz Club] betreut eine Stadtverwaltung. Diese hat eine Ausschreibung gemacht für neue Hardware mit Windows 10 und dazu Office. Unser Händler hat auf Basis von neuen Lizenzen angeboten und ein anderes Systemhaus auf Basis von Gebrauchtsoftware. Der Wettbewerber war wesentlich attraktiver im Preis und hat den Zuschlag bekommen.“ Das Systemhaus aus dem Windows Server Kompetenz Club, das den Kunden seit Jahren betreut, hatte allerdings Einblick in den Vorgang und fand es seltsam, dass zur Dokumentation lediglich eine Excel-Liste mit vielen Keys geliefert wurde.
Langenfeld hat auf Nachfrage diese Keys prüfen lassen, und es hat sich herausgestellt, dass alle Windows-10-Keys illegal verbreitete Windows-7-Keys waren. Beim Office kamen die Keys aus unterschiedlichen Quellen, wobei keine davon für den legalen Verkauf geeignet war. Es war ein bunter Mix aus Keys, die nicht für den Vertrieb im europäischen Raum freigegeben oder nicht dazu gedacht waren, außerhalb einer bestimmten Nutzergruppe eingesetzt zu werden. Einer Prüfung hätte das in keinem Fall standgehalten.
„Ich empfahl der Stadtverwaltung sich an unseren Produktidentifikationsservice zu wenden, um es auf Echtheit prüfen zu lassen. Sie hat sich aber dazu entschlossen, beim liefernden Systemhaus nachzuhaken, welches sich dann mehrfach entschuldigt hat. Das mit den Windows-7-Lizenzen sei ein Fehler im System gewesen, und auch bei Office gab es einen Systemfehler beim Lieferanten.“ Eine eingereichte, neue Key-Liste war aber ebenso wenig legal.
Die Krux
Ein Gedankenspiel verdeutlicht eine grundlegende Problematik: Angenommen ein Händler von gebrauchter Software kauft 1.000 Nutzungsrechte einer Software und hat dies gut dokumentiert. Woher weiß der Endkunde, dass dieser Händler auch nur maximal 1.000 Stück weiterverkauft? Nehmen wir an, er verkauft 200 an Kunde A, 200 an Kunde B, 200 an Kunde C, 200 an Kunde D und 200 an Kunde E. Jedem gibt er jeweils eine Kopie seiner Dokumentation über den Erwerb der 1.000 Nutzungsrechte. Damit ist er eigentlich fertig. Alles ist verkauft, aber wer hindert ihn daran, nochmal 200 Lizenzen an Kunde F mit einer weiteren Kopie seiner Dokumentation zu verkaufen. Ab dem Zeitpunkt ist es nicht mehr legal, aber für den Käufer ist das nicht transparent.
Die Empfehlung
„Wir wissen, dass von vielen Partnern verlangt wird, dass sie gebrauchte Software anbieten. Deshalb empfehlen wir vom Windows Server Kompetenz Club unseren Mitgliedern, dass sie dies nur unter der Auflage tun, dass ihnen der Kunde schriftlich bestätigt, dass er über die Risiken aufgeklärt wurde und im Falle einer negativen Prüfung selbst die Verantwortung trägt, da eben weder der Reseller noch der Endkunde einwandfrei prüfen kann, ob es sich um legal vertriebene Lizenzkeys handelt. Somit liegt die Verantwortung zu 100 Prozent beim Kunden“, so Sven Langenfeld als Vertreter der über 6.000 Mitglieder des Windows Server Kompetenz Clubs.
Allerdings bemüht sich die Gebraucht-Software-Distribution mit schlüssigen Dokumentationen, die keine Fragen offen lassen, rechtliche Unsicherheiten aus dem Vertrieb gebrauchter Software zu nehmen.
YouGov-Studie
Gebrauchtsoftware hat schlechten Ruf
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